Abendblatt-Bibliothek, Band 13

Patricia Highsmith: Ripley's Game

Er ist ihre berühmteste Figur geworden: Tom Ripley hat Patricia Highsmith zu Weltruhm verholfen. Karolin Jacquemain über die große Dame der Thrillerliteratur und einen Mann, der nicht zu fassen ist.

Er selbst ist zumindest nahe dran - und sagt doch: "Den perfekten Mord, den gibt es nicht." Vielleicht meint es das Schicksal aber auch einfach nur sehr gut mit dem amerikanischen Gentleman-Verbrecher Tom Ripley, der in "Ripley's Game" - der Titel sagt es schon - erneut seiner Leidenschaft nachgeht: dem tödlichen Spiel. Nachdem er in "Der talentierte Mr. Ripley" seinen guten Freund für immer verschwinden ließ und in "Ripley Under Ground" einen Kunstsammler erschlagen hat, muss nun die Mafia dran glauben.

Unfassbar, denkt jeder, der mit Ripley Bekanntschaft macht: Dieser nette Mann hat tatsächlich all die Morde auf dem Gewissen? Und genau das ist Ripleys Stärke, sein Erfolgsgeheimnis: das unschuldige Lächeln, die vollendeten Manieren, und nicht zuletzt sein hübsches Anwesen bei Fontainebleau mit dem vieldeutigen Namen Belle Ombre. Wie viele sprichwörtliche Leichen hier im Keller lagern, ahnt nicht mal die Hausherrin Heloise, Ripleys Ehefrau mit dem golden glänzenden Haar, bei dessen Anblick Ripley unweigerlich an Geld denken muss.

Patricia Highsmith hat ihn erfunden, diesen Tom Ripley; er sollte ihre berühmteste Figur werden. Wim Wenders verfilmte "Ripley's Game" von 1974 drei Jahre später unter dem Titel "Der amerikanische Freund", 2002 startete Liliana Cavani einen neuen Versuch mit John Malkovich in der Hauptrolle.

Ripley ist kein Berufskiller, er hat nur eine spezielle Begabung für intelligent ausgeführte Morde. Er ist ein Glückskind, dem nie etwas nachzuweisen ist. Auf die Frage, warum Ripley bei den Lesern so beliebt sei, antwortete Patricia Highsmith einst: "Er ist liebenswert - das habe ich so gewollt. Ripley ist ein angenehmer Mensch mit Humor, und wenn er einen umbringt, dann hatte der's auch verdient." Ein Verbrecher-Held, wie man ihn selten findet in der Literaturgeschichte.

In diesem Fall hilft er einem Novizen im Mordgeschäft aus der Patsche - einem Mann, der ihn eigentlich nichts angeht, sieht man einmal davon ob, dass Ripley selbst ihn für einen Auftragsmord vorgeschlagen hat. Jonathan Trevanny ist ein entfernter Nachbar, "die Unschuld und Anständigkeit in Person". Zudem ist er schwer an Leukämie erkrankt und hat nicht mehr lange zu leben. Gelockt mit dem Versprechen auf eine rosige finanzielle Zukunft für seine Familie ("Geld ist immer das überzeugendste Argument", weiß Tom Ripley), lässt er sich überreden, zwei Mafiamänner aus dem Weg zu räumen. Trevanny reist nach Hamburg, gelockt von dem Versprechen, einem Hämatologen am Eppendorfer Krankenhaus vorgeführt zu werden, dem weltbesten angeblich.

Sein Auftraggeber empfängt ihn in seiner Winterhuder Villa mit Alsterblick, zur Stärkung tischt er Aalsuppe auf, "eine Hamburger Spezialität". Der erste Mord an der U-Bahnstation Steinstraße verläuft noch geräuschlos, beim zweiten schaltet sich bereits Tom Ripley ein. Von nun an ist das Töten Teamarbeit, Ripley und Trevanny sind Komplizen, die verschiedener nicht sein könnten.

Dass es Highsmith in diesem Buch um eine Zweier-Geschichte ging, schrieb sie am 23. Januar 1972 unmissverständlich in ihr Notizbuch: "Der Hauptteil des Buches ist die Beziehung zwischen Ripley & dem Mann."

In "Ripley's Game" tötet Ripley also, anders als in den vorherigen Romane, nicht mehr instinktiv, um sich zu retten. Er tötet jetzt aus Freundschaft, aus Mitgefühl für diesen grundanständigen Mann, der nicht mit der ripleyschen Doppelmoral gesegnet ist. "In Villeperce war Tom in sich gegangen und hatte beschlossen, Jonathan bei dem unschönen Erdrosseln zur Hand zu gehen, damit der Mann wenigstens das versprochene Geld bekam. Im Grunde empfand Tom etwas wie Scham, weil er Jonathan die Suppe eingebrockt hatte; insofern trug er mit seiner Hilfe einen Teil seiner Schuld ab. Und wenn alles gut ging, dann hätte der Engländer sogar Glück gehabt und wäre viel glücklicher, fand Tom, der an positives Denken glaubte: Nicht das Beste hoffen - das Beste denken, dann würde sich alles zum Besten wenden, lautete sein Credo."

In den Ripley-Büchern von Patricia Highsmith, eine der weltweit meistgelesenen Schriftstellerinnen der Gegenwart, die Dostojewski und Tolstoi verehrt, geht es weniger um Schuld, Aufklärung und Sühne als vielmehr um die rätselhaft-symphatisch gezeichneten Charaktere ihrer Figuren, allen voran Tom Ripley. "Er ist nicht unmoralisch, sondern amoralisch", sagt Highsmith und hält schützend die Hand über diesen Mann, dem sie ihren Thriller-Ruhm zu großen Teilen verdankt. So ist Tom Ripley auch in diesem Fall mal wieder nicht zu fassen.