Phänomen Teenie-Schwarm

Süßer Schmerz, lass nach

Gerade bringt im Kino ein schöner Vampir pubertierende Mädchen um den Verstand. So etwas kannte man auch von Patrick Swayze, Elvis oder den Beatles. Aber warum reagieren seit Generationen Teenager so? Eine kleine Kulturgeschichte des Dahinschmelzens von Diana Zinkler.

Es sind Sätze wie "Mein Baby gehört zu mir", die Mädchen einer ganzen Generation fertigmachen können. Dabei begann alles so simpel mit einer Melone. Die trug sie, besagte Baby, zu einem illegalen Tanzfest inmitten einer 60er-Jahre-Ferienanlage irgendwo im stockkonservativen Amerika. Was sie dort sah - Körper, die sich unsittlich rhythmisch aneinanderrieben, also "Dirty Dancing" betrieben - ließ Baby aus ihren Mädchenblütenträumen erwachen. Und Millionen von weiblichen Teenagern in den Kinosälen ebenfalls. Aus dem hüftschwingenden Patrick Swayze alias "Johnny" wurde das, was heute, 22 Jahre später, Robert Pattinson ist. Ein Teenie-Idol, der Schwarm aller Mädchen. Der letzte Blick aufs Poster an der Wand vor dem Augenschließen, der letzte Gedanke vor dem Einschlafen. This is it. Der ultimative Traum-Typ. Der eine . Mädchen stürmten damals Mambo-Tanzkurse, kleideten sich wie Baby im Film und waren enttäuscht von ihren pubertierenden Tanzpartnern in den Tanzschulen von Mannheim bis Winsen an der Luhe.

Und wieder versprechen schreiende, weinende Mädchen bei "Twilight"-Filmpremieren auf liebevoll bemalten Transparenten: "Ich würde alles für dich tun" und wirklich, wie eh und je: "Ich will ein Kind von dir".

"New Moon - Bis(s) zur Mittagsstunde" heißt der zweite Teil von Stephenie Meyers "Twilight"-Vampir-Saga. Gerade ist er in den Kinos angelaufen und hat bereits am Startwochenende in den USA 140 Millionen Dollar eingespielt. Bereits jetzt lässt sich wohl sagen: Es wird der erfolgreichste Film des Jahres werden. Dabei ist der Plot kaum überraschender als die Geschichte des ersten Teils "Bis(s) zum Morgengrauen". Die sterbliche Bella Swan (Kristen Stewart) und Vampir Edward Cullen (Robert Pattinson) suchen ihr gemeinsames Glück. Als der erste Teil am 12. Dezember 2008 in die Kinos kam, die Bilder von diesem unglaublich schönen Jungschauspieler sich in den Augen der Kinogängerinnen widerspiegelten, war das die Geburtsstunde des Teenie-Idols Robert Pattinson. Was ihm seitdem widerfährt, kennen nur die ganz Großen. Elvis, die Beatles, James Dean, Take That, Brad Pitt, ja und auch Roy Black. Manie, Wahnsinn, Geschrei bei jedem öffentlichen Auftritt, campierende Fans vor der Star-Villa, unentwegte, nicht enden wollende Liebesgeständnisse.

Das muss man erst mal aushalten.

Doch "New Moon" ist nicht einfach nur eine Fortsetzung. Nicht nur die Verfilmung eines absoluten Weltbestsellers. Bei "New Moon" läuft einfach alles sauber zusammen. Realität und Fiktion verschmelzen. Besser hätte man sich das Marketing für den zweiten Teil im vergangenen Jahr nicht vorstellen können, als es die beiden Hauptdarsteller mit ihrem tatsächlichen Liebesversteckspiel betrieben haben. Vielleicht unfreiwillig, vielleicht auch nicht. Pattinson und Stewart gehören inzwischen zum festen Personal aller klatschfreundlichen Magazine. Auch die hochklassigen kommen ohne die Konterfeie dieser Jung-Stars nicht mehr aus. Denn, ja, es ist wahr: Sie sind ein Paar.

Endlich. Erst war sie angeblich mit einem anderen liiert, dann angeblich er, dann wurden die beiden Königskinder immer wieder zusammen gesehen. Sie können eben doch nicht von einander lassen. Und, ach, das muss wahre Liebe sein. Sogar von Verlobung wurde schon berichtet. Pattinson und Stewart turtelnd in Holzfällerhemden, Jeans und Turnschuhen auf einer Wiese liegend in der Nähe des Filmsets. Das ist soooo romantisch, möchte man rufen. Abgeschossen von Paparazzi. Völlig real. Oder doch nicht. Egal, jedenfalls verspricht "New Moon" neben der Fortsetzung, die der Film ja ist, auch die Klatschsucht zu befriedigen. Unsere Stars in tatsächlicher Aktion. Ist der Kuss jetzt real oder nur für den Film? Einen ähnlichen Star-Appeal hat nur die Verbindung "Brangelina", Brad Pitt und Angelina Jolie, deren gemeinsamer Film "Mr. & Mrs. Smith" wohl auch mehr Besucher in die Kinos lockte, als bekannt wurde, dass die beiden sich bei den Dreharbeiten zu diesem Film ineinander verliebt hätten.

Robert Pattinson also. Im Film spielt er den ewigen 17-Jährigen. Missmutig, ernsthaft, schwer verliebt, ein Zerrissener wie einst James Dean. Auch Dean verstand es, mit seiner lässigen Anti-Attitüde die jungen Herzen für sich schlagen zu lassen. Er war der Anti-Held, zwar schön, aber ein Ausreißer, ein Rebell. Und damit perfekt als Projektionsfläche für amerikanische Teenager, die sich, wenn sie sich zu ihm bekannten, vor allem von ihren Eltern abgrenzen konnten. Und darum geht es: "Teenie-Idole dienen dazu, sich von den Eltern zu unterscheiden und sich einer eigenen Jugendgruppe zugehörig zu fühlen." Der Sozialpsychologe Prof. Dr. Erich H. Witte von der Hamburger Universität sieht Parallelen zu Idolen wie Elvis und den Beatles. In beiden Fällen war es das Neue, das die Fans ganz wahnsinnig machte. Der überhaupt nicht puritanische Hüftschwung, der ungewöhnliche, rotzfreche Look der ersten wahren Boyband.

Auch der Hamburger Trendforscher Prof. Peter Wippermann erkennt in der Rolle von Robert Pattinson in "Twilight" ein Gegenmodell zum Leben der Eltern. Während Trennungen und Scheitern die heutige Erwachsenenwelt beschreiben, wird in "Twilight" nach der einen Liebe gestrebt. "Pattinson verkörpert in seiner Rolle das Unbefleckte und Reine, das romantische Ideal. Mit der Doku-Soap-Welt von RTL II hat das nichts zu tun." "Twilight" ist sogar noch einen Schritt weitergegangen als die bisher so erfolgreichen Highschool-Musicals, deren Star Zac Effron ebenfalls zu den Teenie-Idolen dieser Tage zählt. "In Twilight opfern die beiden Hauptfiguren ihr reales Leben, um ein gemeinsames Glück in einer mythisch aufgeladenen Schattenwelt zu finden." Kein Zufall, denn Autorin Stephenie Meyer ist gläubige Mormonin. In dieser Religion glaubt man sich als Wahrer urchristlicher Werte und glaubt an das ewige Leben.

Die grassierende Verehrung für Pattinson habe aber nichts mit dem Wunsch nach realem Sex zu tun. "Die Twilight-Filme sind der Gegenentwurf zur sexualisierten MTV-Kultur. Sex wird von den Twilight-Anhängern als etwas zu Derbes angesehen, das dem Streben nach der einen Bindung nur im Wege steht", so Wippermann. Realer Sex wäre viel zu nah. "Generation Porno" scheint eine Phrase aus einer vergangener Zeit.

Und ob nun Rebell oder angepasst, wie seinerzeit Schlagerbarde Roy Black oder Tom Cruise mit dem perfekten Zahnpasta-Schwiegersohnlächeln - eines haben die Teenie-Stars auf jeden Fall gemeinsam. Sie sehen blendend aus. Jeder auf seine besondere Art. Ob nun Tokio Hotel, die mit Frontsänger Bill Kaulitz den Nerv des Zeitgeistes trafen, so sieht Bill doch tatsächlich aus wie eine Figur der japanischen Manga-Comics, die sich in der entsprechenden Altersgruppe großer Beliebtheit erfreuen. Oder Brad Pitt, ebenmäßig schön. Gleiches galt für die Gentlemen O.W. Fischer und Clarke Gable und für die Jungs von Milli Vanilli, deren Stern erst fiel, als sich herausstellte, dass sie nicht singen können.

Denn mit ihrem Produzenten Frank Farian, der zwar tolle Melodien schreibt und dem Duo seine Stimme lieh, verhält es sich genauso wie mit Ottfried Fischer.

Beide sehen einfach nicht gut aus.

Teenie-Idole sind laut Prof. Wippermann auch immer nur Phänomene ihrer Zeit. So wie die New Kids On The Block, Take That, Elvis, mit dem auch niemand mehr was anfangen konnte, als es die Beatles und die Rolling Stones gab. Der Absturz folgte. Elvis wurde fett und süchtig. Gut, es geht nicht bei allen so aus. Aber auch Psychologe Witte sagt, dass Teenie-Idole nie länger als fünf Jahre ihren Status halten können. Und prophezeit: "Tokio Hotel wird es auch nicht mehr lange geben!"

Was Robert Pattinson alias Edward Cullen betrifft, bleibt noch ein bisschen Zeit. Es stehen noch die Verfilmungen von Teil 3 "Bis(s) zum Abendrot" und Teil 4 "Bis(s) zum Ende der Nacht" aus. Und dann sollte er es mit dem Vampirsein auch endgültig lassen. Und vielleicht auch mal richtig böse werden. Denn auch Teenie-Fans werden irgendwann erwachsen, und erwachsenen Mädchen reicht nicht Liebe ohne Sex.