Trügerische Dorfidylle

"Das weiße Band" - Kinodrama um Schuld und Schicksal

| Lesedauer: 3 Minuten
Karolin Jacquemain

Michael Hanekes neuer großartiger Film ist mehr als nur "eine deutsche Kindergeschichte". Wieder holt er die Verunsicherung der Wirklichkeit ins Kino.

Hamburg. Das stürzende Pferd ist nur der Anfang - das ahnt der Zuschauer gleich beim ersten Blick. Ein heimlich gespanntes Seil zwischen zwei Bäumen bringt das Tier und mit ihm den Dorfarzt beim Ausritt zu Fall.

Es gelingt Michael Haneke in seinem neuen Film "Das weiße Band", der morgen in die Kinos kommt, dieser kurzen Szene eine Bedrohlichkeit einzuschreiben, die frösteln lässt. Warum, lässt sich so genau nicht sagen - womit die Kunst des österreichischen, in München geborenen Regisseurs schon zum Teil beschrieben wäre.

Es gehört zu Hanekes Vorlieben, die Verunsicherung der Wirklichkeit ins Kino zu holen. Es sind düstere Geheimnisse, bis in die Kindheit zurückreichende Traumata und Misshandlungen, denen seine Aufmerksamkeit gilt. Seine mehrfach ausgezeichneten Festivalbeiträge "Die Klavierspielerin" (2001) und "Caché" (2004) waren Reflexionen über das Böse, das Unheimliche, das Nichterklärbare, genauso wie sein jüngster Film "Funny Games U.S." - ein Remake des eigenen Werks -, in dem zwei Wohlstandsknaben morden um des Mordens willen. Haneke dreht Filme, die um die Schuldfrage kreisen, um Vergessen und Verdrängen. So auch "Das weiße Band", der nicht nur die Goldene Palme in Cannes gewann, sondern auch für Deutschland ins Oscar-Rennen um den Preis für den besten fremdsprachigen Film geht. Erst im Februar entscheidet sich, welche fünf Filme tatsächlich nominiert werden, "Das weiße Band" dürfte jedoch gute Chancen haben.

Die Geschichte spielt am Vorabend des Ersten Weltkriegs in einem Dorf in der Uckermark. Seltsame Unfälle ereignen sich hier und nehmen nach und nach den Charakter ritueller Bestrafungen an. Es ist, als würde das Schicksal angesichts der Stockschläge hinter verschlossenen Wohnzimmertüren, der Scheinheiligkeit und emotionalen Verkrüppelung der Bewohner umso grausamer zuschlagen - ganz so, als wolle es den inneren Dorffrieden zwischen Klavierstunden, Kirchenchor und Erntedankfest endgültig als das entlarven, was er ist: ein perfides Lügengerüst.

Die Frage, wie der Faschismus nach Deutschland kam, wie er überhaupt möglich wurde, schwebt über dem Film. Doch Haneke wäre nicht er selbst, gäbe er darauf eine eindeutige Antwort; leicht gemacht hat er es seinen Zuschauern schließlich nie. "Ich hoffe, dass sie ratlos zurückbleiben, sie sollen ja ihre eigenen Interpretationen finden", hat er mal gesagt.

"Eine deutsche Kindergeschichte" ist der Film untertitelt, und natürlich ist es keine Geschichte für , sondern eine über und mit Kindern. Nie hat man im Kino überzeugendere junge Darsteller gesehen als in diesem Film; nie waren sie unkindlicher und beängstigender als hier. Mehr als 7000 Kinder wurden für den Film gecastet, gefunden haben sie nicht nur schauspielerisch begabte, sondern auch solche mit ungewöhnlichen, beinahe altmodischen Gesichtern. Das titelgebende weiße Band, eingeflochten ins Haar, soll die Sünde von ihnen fernhalten - wofür es längst zu spät ist. Haneke erzählt davon, dass nicht alles, was ungesühnt bleibt, auch ohne Folgen ist.

Welche das sind, überlässt er uns und unseren (Alb)träumen.

"Das weiße Band" startet an diesem Donnerstag im Kino.