Gustavo Dudamel in Laeiszhalle

Der Derwisch der Dirigenten

Mit 28 schon ein Superstar unter den Dirigenten: Der junge Venezolaner verdankt seine Karriere und sein künstlerisches Ethos einem musikalischen Sozialprojekt.

Hamburg. Gustavo Dudamel schwitzt, als er nach seinem Debüt bei den Wiener Philharmonikern hinter die Bühne kommt. "Es war eine wunderbare Party, jetzt habe ich mehr Energie!", sagt er auf Englisch mit hartem spanischen Akzent, strahlt sein Jungslächeln über beide Grübchen und greift nach einem vollen Glas. "Ah, Wodka!", grunzt er, stürzt es hinunter und lacht dann. "Es war nur Wasser."

Natürlich war's kein Wodka. Der junge Venezolaner ist ein großer Verfechter von Disziplin, mögen auch sein musikalisches Temperament und seine schwarzen Locken so unbändig schäumen wie bei jenem Konzert beim Luzern Festival vor zwei Jahren. Gerade 28 Jahre ist er jetzt alt und hat schon eine beispiellose Weltkarriere hingelegt. An der Spitze des Simón Bolívar Youth Orchestra of Venezuela hat er die Konzertsäle der Welt im Triumph erobert - mit viel Blech, Rhythmus und einer ganz und gar unwiderstehlichen Leidenschaft.

Sein Mentor Daniel Barenboim bescheinigt ihm unermessliche Begabung: "Er weiß, was er tut, er weiß, was er will, er weiß, wie er das erreicht. Was kann man mehr wollen?" Dudamel hat die Berliner Philharmoniker dirigiert, das Israel Philharmonic und viele andere. Gerade ist er Esa-Pekka Salonen auf den Chefposten beim Los Angeles Philharmonic nachgefolgt, seit 2005 ist er Chef der Göteborgs Symfoniker.

Mit ihnen eröffnet er am heutigen Dienstag in der Laeiszhalle die erste Saison der "Elbphilharmonie Konzerte". Auf dem Programm stehen Beethovens Erste, die Sinfonie "Das Unauslöschliche" des dänischen Spätromantikers Carl Nielsen und die Rückert-Lieder von Mahler mit der Altistin Anna Larsson.

Dudamels frische Lesart des geheiligten Klassikerkanons verblüfft die Fachwelt. Bewusst nähert er sich den Werken nur vom Notentext her, ohne sich von Vorbildern wie Furtwängler bis Harnoncourt erdrücken zu lassen - so begierig er gleichzeitig von ihnen lernt. "Tradition begrenzt", sagt er. "Musik ist aber wie ein Fluss, sie erneuert sich stets."

Diese künstlerische Distanz zum alten Europa kommt nicht von ungefähr. Dudamel ist persönlich wie musikalisch tief geprägt von seiner Jugend in dem weltberühmten musikalischen Ausbildungsnetz Venezuelas, das sich kurz und stolz "El Sistema" nennt. Kinder bekommen auf Staatskosten Musikunterricht und spielen von klein auf in Orchestern. Hunderttausende hat das "Sistema" schon von den Straßen und aus den Elendsvierteln geholt und durch gemeinschaftliches Musizieren ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Dabei geht es im besten Sinne und in erster Linie darum, mündige Staatsbürger hervorzubringen; das musikalische Niveau ist eher ein willkommenes Nebenprodukt.

Eine Karriere wie die des Aushängeschilds Gustavo Dudamel bleibt die Ausnahme. Mit Geige hat er angefangen. Mit 15 begann er zu dirigieren, mit 18 Jahren wurde er Leiter des Simón Bolívar Youth Orchestra, in dem die besten Nachwuchsmusiker des Landes spielen, und erregte alsbald die Aufmerksamkeit von Stars wie Simon Rattle und Daniel Barenboim. Nachdem er 2004 den renommierten Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb der Bamberger Symphoniker gewonnen hatte, explodierte seine Karriere förmlich. In Los Angeles hat er schon ähnlichen Kultstatus wie einst Leonard Bernstein. Sein Name prangt auf einem Basketballtrikot der Los Angeles Lakers oder als Senfspur auf den Hotdogs einer Fast-Food-Kette, die Klatschpresse ist ihm auf den Fersen.

Dudamel lässt dieser Rummel unbeeindruckt. "Ich weiß, wo ich herkomme. Ich werde Venezuela und das Orchester nie aufgeben", sagt er. Er glaubt an die Kraft der Gemeinschaft; Applaus teilt er stets mit seinem Orchester, statt sich allein feiern zu lassen: "Die Musiker sind doch die Handelnden. Ich kanalisiere nur den Energiefluss."

Gustavo Dudamel, Göteborgs Symfoniker Heute, 20 Uhr, Laeiszhalle. Einführung um 19.15 Uhr. Restkarten an der Abendkasse

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