Interview im Park: "Ist Hitler tot, Herr Göring?"

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Klaus Mann

In seiner Autobiografie "Der Wendepunkt" beschreibt Klaus Mann seine Begegnung mit Reichsmarschall Hermann Göring am 11. Mai 1945. Er befand sich damals als Presseoffizier der US-Armee für die Zeitschrift "Stars and Stripes" in Rosenheim. An seinen Vater Thomas Mann in New York adressierte er (Auszüge):

"Wie Dir aus den Journalen bekannt, durfte er (Göring) nur einmal interviewt werden . . . um dann, zusammen mit den übrigen Hauptkriminellen, unter alliierter Obhut bis auf weiteres zu verschwinden. Schauplatz der kuriosen Veranstaltung war eine abgelegene Villa in Augsburg oder vielmehr der dazugehörige Garten, auf dessen soigniertem Rasen zwanzig bis dreißig amerikanische, französische und englische Reporter nebst einigen hohen Offizieren sich neugierig um den berühmten oder doch sensationell berüchtigten Gefangenen drängten . . .

Enttäuschenderweise fand ich ihn viel weniger unförmig als erwartet, ein knapp mittelgroßer Mann mit Bauch und Doppelkinn, aber ganz ohne monströse Züge. Man kann nicht einmal sagen, daß er besonders unsympathisch wirkte, eher im Gegenteil. Eine gewisse Brutalität ist seiner Miene freilich anzumerken; auch hat der Blick oft ein recht böses Glitzern. Aber die Stimme klingt angenehm, markig und hell, wenngleich ein wenig fett, und das Gesicht erscheint nicht schlecht geschnitten . . .

Dem großen Herrn war etwas unbehaglich; sein Lachen klang forciert, auch fiel auf, daß er das Schnupftuch oft zur Stirne führte. Er schwitzte, obwohl er doch im Schatten saß. Schwitzend bat er den Interpreten, uns darauf hinzuweisen, daß er - der Reichsmarschall - mit dem Führer schon seit geraumer Weile total verkracht gewesen sei. ,Völlig auseinander!' betonte er mit erhobenem Zeigefinger. ,Ich bitte, dies zu unterstreichen! Es ist wichtig!' - Während die Botschaft auf englisch und französisch ausgerichtet wurde, beobachtete der Reichsmarschall besorgten Blickes unsere Reaktion.

Die Konzentrationslager? Er hatte nie geahnt, was dort vor sich ging. Alles Himmlers Schuld! ,Wären solche Abscheulichkeiten mir bekannt gewesen, ich hätte protestiert, hätte durchgegriffen!' Wobei er nervös die Stirn tupfte.

Der Reichstagsbrand? Hier wurde er fast schelmisch. ,Ich hatte nichts damit zu tun!' Dazu ein Grinsen . . .

,Ist Hitler tot?' Ich war es, der diese Frage an ihn richtete, auf deutsch natürlich, was ihn etwas zusammenfahren ließ. Indessen kam die Antwort mit größter Promptheit und besonderem Nachdruck: ,Ja! Hitler ist tot. Unbedingt! Kein Zweifel!'

Dies also war das Göring-Interview im Frühlingsgarten. Kurios, nicht wahr? Wenn ich nichts Drolliges zu berichten hätte, der Umfang dieser Epistel wäre ja in der Tat durchaus unverzeihlich."