Der Schriftsteller Ralph Giordano über die Verdrängung und Verleugnung der deutschen Schuld nach dem Holocaust

Das größte Wiedereingliederungswerk für Täter

"Artfremdes Blut ist alles Blut, das nicht deutsches Blut noch dem deutschen Blut verwandt ist. Artfremden Blutes sind in Europa regelmäßig nur Juden und Zigeuner."

Der das geschrieben hat, war Personalchef des Kanzlers Konrad Adenauer, sein Erster Staatssekretär und Schöpfer des Bundeskanzleramtes, die Graue Eminenz der bundesdeutschen Frühepoche und - Verfasser eines dreihundertseitigen Kommentars der nationalsozialistischen Rassengesetze vom September 1935: Dr. Hans Globke. Er ist die Personifizierung all dessen, was ich die Zweite Schuld , die nach 1945, genannt habe - also die Verdrängung und Verleugnung der Ersten unter Hitler. Und das nicht nur rhetorisch oder moralisch, sondern tief instituiert durch den Großen Frieden mit den Tätern .

Wir leben in einem Land, wo dem größten geschichtsbekannten Verbrechen mit Millionen und Abermillionen Opfern, die wohlbemerkt hinter den Fronten umgebracht worden sind wie Insekten, das größte Wiedereingliederungswerk für Täter folgte, das es je gegeben hat. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sind sie nicht nur straffrei davongekommen, sie konnten auch ihre Karrieren unbeschadet fortsetzen. Wir stehen vor einem wahren Leichen-Himalaya, für den Täter aber angeblich nicht haftbar gemacht werden konnten. Nur ein Beispiel: 32 000 aktenkundige politische Todesurteile - Kopf ab, Kopf ab, Kopf ab! Doch keiner der NS-Blutrichter und -ankläger ist von der (nie NS-gesäuberten) bundesdeutschen Justiz je rechtskräftig verurteilt worden, kein einziger. Mehr noch: Die Fachleute des vielgepriesenen Wiederaufbaus waren zuvor die Fachleute der Zerstörung, und die Elite des industriell-bürokratisch-militärischen Blocks in der Bundesrepublik war bis in die 70er-Jahre personell weitgehend identisch mit der vor 1945.

An dieser Stelle wird mir oft entgegengehalten: "Aber die NS-Prozesse vor bundesdeutschen Schwurgerichten, die 1958 ihren Ausgang nahmen und erst in unseren Tagen auslaufen - was ist denn damit?" Ja - was?

Ich habe als Journalist, Publizist und Fernsehautor vielen dieser Prozesse beigewohnt - eine gewaltige justizielle Leistung, zweifellos. Nur war binnen Kurzem klar, wer der Hauptangeklagtentypus sein würde: die untersten Glieder in der Kette des industriellen Serien-, Massen- und Völkermords, die kleinen Angestellten des Verwaltungsmassakers, die Tötungsarbeiter selbst, die nicht mehr sagen konnten, sie hätten von nichts gewusst, weil sie mit ihren eigenen Händen, Nagelstiefeln und Knüppeln gemordet hatten. Sie standen völlig zu Recht vor Gericht, diese "Kleinen". Aber da sie die Hauptmasse der Angeklagten über die Jahrzehnte hin waren, stellte sich immer dringlicher die Frage: Wo sind die "Großen", ihre Vorgesetzten, die Planer, die Schreibtischtäter, die den Todesmühlen das Menschenmehl zugeliefert hatten? Wo die Köpfe der Mordzentrale Reichssicherheitshauptamt, die sich doch nicht alle umgebracht hatten wie ihr Chef Heinrich Himmler? Wo die Wehrwirtschaftsführer , die Goldfasane der Partei, die hohen, pflichtschuldigen Militärs, ohne die nichts, aber gar nichts gegangen wäre - wo waren sie? Jedenfalls nicht vor den Schranken bundesdeutscher Schwurgerichte.

Was immer der Kalte Krieg zur Entsorgung der NS-Geschichte beigetragen hat - eine Entschuldigung ist er nicht. (Im Übrigen gilt die Zweite Schuld gleichermaßen auch für die DDR und ihren Verordneten Antifaschismus , der sich zum Mitsieger des Zweiten Weltkrieges und zu einem Teil der Anti-Hitler-Koalition erklärt hatte - abenteuerliche Lügen, die jede wirkliche Aufarbeitung schon im Keim ersticken mussten). Beide Codewörter - die Zweite Schuld und der Große Frieden mit den Tätern - korrespondieren miteinander und haben ein Defizit in der Aufarbeitung geschaffen, von dem die politische Kultur der Bundesrepublik bis in unsere Tage mitgeprägt wird. Nur so konnten sich die Lebenslügen ganzer Generationen wie die Legende vom "Sauberen Waffenrock der Wehrmacht" , dieser letzten heiligen Kuh deutscher Verdrängungskünste bis in die 90er-Jahre des vorigen Jahrhunderts erhalten. Als hätten die deutschen Streitkräfte 1939 bis 1945 in einem historischen Vakuum gekämpft, losgelöst von der politischen Schubkraft und unabhängig von ihrem Oberbefehlshaber, der seit 1938 Adolf Hitler hieß. Selbstverständlich war deshalb nicht jeder Angehörige der Wehrmacht ein Verbrecher im strafrechtlichen Sinn (obwohl es derer genug gab). Sie alle aber haben einer verbrecherischen Sache gedient, und wer das damals nicht erkannt hatte, der hatte danach Zeit genug, seine NS-infizierten Wertvorstellungen und Geschichtsinterpretationen zu korrigieren. Allzu viele haben das nicht getan, sind mit einer Maske vorm Gesicht ins Grab gesunken und haben so ihren Kindern und Kindeskindern die politische und historische Klarsicht verstellt. Erst Ende der 60er-Jahre wurde der Deckel einer verlogenen Verdrängergesellschaft durch den Aufruhr nachgewachsener Generationen abgesprengt, ehe es über den Fernsehvierteiler "Holocaust" und Bundespräsident Richard von Weizsäckers große Rede im Bundestag vom 8. Mai 1985 zum 40. Jahrestag der Befreiung zu einem neuen öffentlichen Bewusstsein für die NS-Zeit kam, das bis heute andauert und wach ist wie nie zuvor.

Die Zweite Schuld aber, also die nahezu kollektive Entstrafung der NS-Täter, ist unumkehrbar. Sie hat den Opfern einen zweiten Tod gebracht - und den Überlebenden eine nicht vernarbende Wunde zugefügt.