Martin Walser weist die Antisemitismus-Vorwürfe gegen ihn zurück

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Ich habe mich Reich-Ranickis Charme nie entziehen können.

ABENDBLATT: Waren Sie überrascht von den Vorwürfen, Ihr neuer Roman sei antisemitisch? MARTIN WALSER: Wenn ich damit hätte rechnen können, hätte ich mich vorsehen können und irgendetwas so ändern können, dass das nicht passieren kann. Ich habe mit dem Thema überhaupt nicht gerechnet. Ich war nur gespannt, ob die "FAZ" das Buch abdrucken will. ABENDBLATT: Weil Sie den ehemaligen Literaturchef der "FAZ" zu Ihrem Romanhelden machen? WALSER: Ja, klar. Aber ich dachte, sie könnten da ganz locker bleiben und damit zeigen, wie groß und unbelangbar sie sind. Aber dass Frank Schirrmacher, den ich zu kennen glaubte, in dieser Weise das Buch verfälscht und es einengt auf ein Thema, das bei mir überhaupt kein Thema ist, darauf war ich nicht vorbereitet. Es gibt vier professionelle Leser im Suhrkamp Verlag, die das Buch kennen. Keiner von denen hat mir gesagt, ich soll diese Stellen rausnehmen. Deshalb ist es für mich eine unverständliche Willkür. ABENDBLATT: Wie erklären Sie sich das? WALSER: Ich kann es mir überhaupt nicht erklären. ABENDBLATT: Ihre ursprüngliche Intention war doch wohl, eine Satire über den Medienbetrieb und die Allmacht des Fernsehens zu schreiben? WALSER: Das Buch ist zweifellos satirisch. Ich habe über viele Jahre Notizen über Erfahrungen, die ich mit dem Medienbetrieb gemacht habe, gesammelt. Seit mindestens zwanzig Jahren führe ich ein Projekt, das heißt "T.e.Kr.", also ,Tod eines Kritikers'. Die wirklichen Zulieferer haben sich in Romanfiguren verwandelt, die sich beim Schreiben nochmals verwandelt haben. Ich hätte wissen müssen, was passiert. Ich habe mal von einer Frau die Ohrringe genommen, und später hat sie zu mir gesagt: "Ach, ich komm ja in deinem Roman vor." ABENDBLATT: Dennoch ist Reich-Ranicki ja deutlich in Ihrem Roman zu erkennen. Ihre langjährige Beziehung ist von heftigen Angriffen geprägt. Wehren Sie sich mit Ihrem Roman gegen die Verrisse, die er über Ihre Werke geschrieben hat? WALSER: So energisch vollzieht sich mein Innenleben nicht, aber einige Parallelen kann man ziehen. Mein Kritiker ist nicht identisch mit Reich-Ranicki, und mein Autor hat eine sehr ambivalente Haltung zu ihm. Ich habe insgesamt mit Kritikern eine Menge negativer Erfahrungen gemacht, die möchte ich nicht ungeschrieben überstehen. Aber eine Abrechnung zu schreiben, das wäre nichts für mich. Meine Figuren müssen blühen. ABENDBLATT: Warum muss der Kritiker Jude sein? WALSER: Erstens, ich habe keinen Grund gesehen, diese große Figur nicht auch mit einem jüdischen Hintergrund zu versehen. Ich habe das Jude-Sein nur an einer einzigen Stelle im Roman thematisiert. Ich lasse einen jüdischen Intellektuellen in einem Magazin schreiben, es wäre weniger schlimm in Deutschland, einen Nicht-Juden zu töten als einen Juden. Das ist doch Satire. Zweitens werde ich gegen Schirrmacher gerichtlich vorgehen. Er benutzt meine Wörter "Herabsetzungslust" und "Verneinungskraft", um mir damit Antisemitismus anzuhängen. Ich habe zwei gute deutsche Wörter benutzt. Die gehören nicht ins "Repertoire antisemitischer Klischees". Schirrmacher entlarvt hier seine eigene Denkweise. Ich habe auch nicht das Thema Juden und Deutsche gehabt. Mein Thema heißt "Machtausübung im Kulturbetrieb zur Zeit des Fernsehens". Und das sieht man ja nun in der Realität genau, wie das funktioniert. Ich bin jetzt gespannt auf die Folgen. ABENDBLATT: Ist die Beziehung zu Reich-Ranicki nun beendet? WALSER: Von mir aus nicht. Wenn ich ihm persönlich begegnet bin, habe ich mich seinem Charme noch nie entziehen können. Interview: ARMGARD SEEGERS Der Streit um Martin Walsers neuen Roman "Tod eines Kritikers" eskaliert nach den Antisemitismus-Vorwürfen von "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher zu einem Schlagabtausch zwischen den beiden schillerndsten Figuren des deutschen Literaturbetriebes. Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der dem Schriftsteller unfreiwillig als Vorlage für die Hauptfigur diente, und Martin Walser nehmen Stellung zu dem bereits vor seiner Veröffentlichung umstrittenen Roman. Reich-Ranicki ist erschüttert über dessen "erbärmliche Qualität" und entdeckt nach der Lektüre den "völligen Zusammenbruch eines Schriftstellers, eines Talents und einer Persönlichkeit". Walser ist völlig überrascht von den Vorwürfen. Er beklagt die "Hinrichtung" seines Werkes. Die Person, um die es gehe, sei "kein Jude, sondern ein Kritiker".