"Sodastream"-Geräte machten K. Schmidt reich - bis er alles aufs Spiel setzte

Vom Millionär zum Tellerwäscher

Aus dem Nichts stieg Klaus Schmidt zum Erfolgs-Unternehmer auf. Dann verlor er im Kasino die Kontrolle - und all sein Geld. Das Leben des 59-Jährigen liefert jetzt Stoff für ein Buch.

Hamburg. Früher, als Kind, hat Klaus Schmidt sich oft gefragt, wie es wohl ist. Wie es ist, wenn man Geld hat. Nicht viel, nur genug. Genug, um sich einen eigenen Schulranzen kaufen zu können und nicht den vom Nachbarsjungen auftragen zu müssen. Genug, um so oft Fleisch zu essen, wie man will. Und nicht nur einmal in der Woche. Genug, um so zu sein wie die anderen Jungs in der kleinen Siedlung in Bremerhaven, wo er aufgewachsen ist. Später, als er älter war, hat Schmidt sich nur noch manchmal gefragt, wie es wohl ist. Wie es ist, ein paar Hundert Mark zur Verfügung zu haben. Nur einmal. Um die offenen Rechnungen zu bezahlen. Um sich was leisten zu können.

Und irgendwann brauchte Klaus Schmidt sich das nicht mehr zu fragen. Weil er irgendwann genug hatte. Genug Geld. Genug, um sich eine Motoryacht zu kaufen, eine Villa, einen Sportwagen. Genug, um es mit vollen Händen auszugeben. Um jeden Tag ins Spielkasino zu gehen und Hunderter zu verzocken. Tausende. Millionen. Bis irgendwann nichts mehr da war. Noch nicht mal genug, um zu leben.

Dies ist die Geschichte von einem Mann, der viel erreicht und alles verloren hat. Der in den 90er-Jahren mit den "Sodastream"-Sprudelmaschinen für selbst gemachtes Mineralwasser vom mittellosen Unternehmer zum Millionär wurde - und vom Millionär zum Hartz-IV-Empfänger. Dies ist die Geschichte von Klaus Schmidt.

Er ist ein Mann um die 60. Genau genommen 59. Aber das sagt Klaus Schmidt nicht, das könne man sich ja selbst ausrechnen, wenn man es genau wissen will. Ihn selbst haben Zahlen irgendwie nie interessiert, sagt er und zuckt mit den Achseln. So ist das eben. Man könne auch Erfolg haben, wenn man in der Schule ein Versager gewesen sei. Wenn man noch nicht mal den Hauptschulabschluss geschafft habe. So wie er. "Ich war der schlechteste Schüler von über 800", sagt Schmidt und erzählt, was sein Klassenlehrer einst zu ihm gesagt hat: "Schmidt, du wirst kriminell oder ein Penner."

Er klingt fast ein bisschen stolz, als er davon spricht. Stolz, weil er es dennoch geschafft hat. Weil er es allen gezeigt hat. Seinem Lehrer, den Klassenkameraden. Der Gesellschaft. "Ich hab immer nach der Devise gelebt: Gehe dem Erfolg auf den Grund, und du wirst Beharrlichkeit finden", sagt Schmidt. Er sitzt in einem Restaurant und bestellt Fleisch, Tafelspitz. Keinen Lachs, bitte. Das sei ein Arme-Leute-Essen, das haben früher immer die Dienstboten bekommen. Nichts für ihn. Und außerdem habe er zu lange auf einem Fischdampfer gearbeitet. Dort habe er gelernt, sich in der rauen Erwachsenenwelt durchzusetzen, sagt Schmidt und erzählt von Vergewaltigungen an Bord und einem Schiffskoch, der von den Matrosen einfach über Bord geworfen wurde. Und im eiskalten Wasser starb. Es klingt wie Seemannsgarn.

Schmidt kann Geschichten erzählen wie kein anderer. Doch seine Lieblingsgeschichte ist seine eigene. Die eines Mannes, der sich nach der Seefahrt jahrelang mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen hat, bis ihn sein Freund Peter 1993 um Mithilfe beim Vertrieb eines neuartigen Küchengeräts bat. Ein Gerät, das Trinkwasser Kohlensäure beimischt. "Richtig überzeugt war ich zwar nicht, aber da ich keinen Job hatte, machte ich bei dem Abenteuer mit", sagt Klaus Schmidt. Denn ein Abenteuer ist es von Anfang an, die angebliche Wundermaschine zum Preis von 259 Mark verkauft sich schlecht. So schlecht, dass die Firma, ein Tochterunternehmen von Cadbury-Schweppes, irgendwann 100 000 Mark Schulden hat und Geschäftsführer Peter den Konkurs der Firma anmelden will.

Der Traum vom Mineralwasser aus dem Hahn geht den Bach hinunter. Aus reiner Verzweiflung bittet Klaus Schmidt seinen Kumpel um eine Galgenfrist von zwei Wochen. Um einen letzten Rettungsversuch zu starten. Oder um sich einen neuen Job zu suchen. "Es war verrückt: Aber je mehr bei Peter die Zuversicht sank, umso größer wurde sie bei mir", sagt Klaus Schmidt. Er legt das Besteckt beiseite und hält einen Moment inne. Einen Moment lang ist er nicht mehr im Hier und Jetzt, im Hamburg der Gegenwart, sondern im Delmenhorst der Vergangenheit. In dem kleinen Büro an jenem schicksalhaften Nachmittag im Herbst 1994, als ihm seine Sekretärin den Anruf eines Herrn Putz durchstellt. Doch es ist kein Herr Putz, es ist Jean Pütz. Moderator der WDR-"Hobbythek", der den Wassersprudler in seiner Sendung vorstellen will. Was das bedeutet, kann sich Klaus Schmidt da noch nicht vorstellen. Weil es unvorstellbar ist. Unvorstellbar, dass nach einem einzigen Bericht im Fernsehen die Telefonleitung zusammenbricht. Dass die Maschinen innerhalb von zwei Tagen ausverkauft sind. Der Sprudelautomat "Gemini" startet durch. Er ist nach einem Raumfahrtprogramm der Nasa benannt.

"Und die Geschäfte gingen genauso ab wie eine Rakete", sagt Schmidt. Er drückt sich gerne so aus. Einfach. Klar. Verständlich. Auch in seinem Buch, das er gerade über sich und sein Leben geschrieben hat. "Warum kompliziert daherreden, wenn es auch simpel geht", sagt er und hat gleich noch ein eingängiges Beispiel parat. "Es war wie in der Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär." Doch es ist mehr als eine fiktive Geschichte, mehr als ein Symbol aus der Literatur. Es ist die Geschichte von Klaus Schmidt. Eine Erfolgsgeschichte. In vier Jahren steigt der Umsatz von 100 000 auf 67,8 Millionen Mark. In vier Jahren wächst die Zahl der Mitarbeiter von drei auf 70. Doch nach vier Jahren bleibt ein Mitarbeiter auf der Strecke. Klaus Schmidt. Der Erfolg des Wassersprudlers hat ihn ausgebrannt. Die Rakete zwingt ihn zu einer Notlandung - und zum Ausstieg. Nach zwei Zusammenbrüchen lässt sich Klaus Schmidt im April 1998 auszahlen. Für fünf Millionen Mark.

Es ist der Einstieg in den Abstieg. Ein Abstieg, der langsam beginnt. Schleichend. Kaum wahrnehmbar. Zuerst ist er froh über die Ruhe, Entspannung. Erholung. Über die Zeit, die er für seine neue Yacht, das neue Haus, den neuen Sportwagen hat. Doch irgendwann fehlt ihm etwas. Was es ist, kann er anfangs kaum selbst sagen. Vielleicht die Beschäftigung, die Aufgabe. Vielleicht aber auch der Kick, der Reiz. Das Adrenalin, das beim Abwickeln von Geschäften durch seinen Körper geschossen ist. Schmidt sucht eine neue Herausforderung an der Börse. Doch Zahlen sind noch immer nicht sein Ding. Irgendwann, als er von seiner Wohnung in Holland nach Bremen fährt und wieder einmal über die Zukunft nachdenkt, kommt er an einem Spielkasino vorbei. Zuerst will er nur im angeschlossenen Restaurant etwas essen, doch dann geht er ins Kasino. Aus Neugier. Es ist das erste Mal in seinem Leben. Doch es wird nicht das letzte Mal sein. Schmidt tauscht 2000 Mark in Jetons und stellt sich an den Roulettetisch. Er setzt 100 Mark auf eine Zahl. Welche es ist, weiß er heute nicht mehr. Aber was er dabei gefühlt hat, das weiß er noch genau. Dieses Kribbeln, die Anspannung. Aufregung. "Deswegen habe ich gespielt. Nicht wegen des Geldes", sagt Klaus Schmidt und erzählt, dass er die Nacht durchgespielt hat und am nächsten Tag wieder ins Kasino gegangen ist. Aus Ehrgeiz. Um seinen Verlust zurückzuholen. Und um das Glück zu finden.

Das Glück ist mit dem Tüchtigen, sagt der Volksmund. Und Schmidt will tüchtig sein, dem Glück auf die Sprünge helfen. Denn wer nur zu Hause sitzt und auf das Glück wartet, wird es nicht finden. Also macht er sich auf, um es zu suchen. Im Kasino.

Es ist eine Parallelwelt. Eine Welt, in der alles zu nichts wird. In der Zeit und Raum verschwinden. Es gibt keine Uhren, kein Tageslicht, keine Freunde. Es gibt nur Schmidt und die Kugel. Und die Zahlen. Null bis 36. Doch noch immer sind Zahlen irgendwie nicht Schmidts Ding. Es gibt Tage, an denen er 60 000 Mark verliert. In der Stunde. Und es gibt Tage, an denen er 50 000 gewinnt, 300 000. Er scheint das Glück gefunden zu haben. Das Glück scheint ihn gefunden zu haben. Schmidt gibt 70 000 Mark Trinkgeld und spielt weiter. Bis er schließlich wieder Verlust macht.

Doch Klaus Schmidt verliert mehr als sein Geld. Er verliert die Kontrolle. Jeden Tag setzt er sich ein Limit, nimmt sich vor, aufzuhören. Doch jeden Tag schmelzen die guten Vorsätze dahin wie das Geld auf dem Roulettetisch. "Rien ne va plus", heißt es am Spieltisch. Nichts geht mehr. Doch in Schmidts Leben heißt es: Nichts zählt mehr. Nur noch, wann das Kasino geöffnet hat. Seine Freunde werden zu Statisten in seinem Leben, sein Sohn zu jemandem, vor dem man die Spielsucht geheim halten muss. Denn Schmidt ist süchtig, das weiß er inzwischen. Er lässt sich selbst sperren - doch aufhören kann er trotzdem nicht. Selbst dann nicht, als er alles verspielt hat. "Ich hatte ja immer noch mein Schiff, das Haus und das Auto", sagt Schmidt und erzählt, wie er nach und nach alles verkauft hat. Zuerst das Schiff, weil er das am wenigsten brauchte. Dann das Haus, weil er bei einem Kumpel unterschlüpfen oder mit seinem Wohnmobil hinterm Kasino campieren konnte. Damit er dem Glück näher war. Und schließlich das Auto. 20 000 Mark hat er dafür bekommen. Genug, um ins Kasino zu gehen und zu gewinnen. Um aus nichts alles zu machen. Doch am Ende des Abends bleiben ihm nur 500 Mark. Einen Moment lang überlegt Schmidt, ob er davon seinem Sohn die innig gewünschte Gitarre kaufen soll - doch dann verspielt er auch das Geld. Als Schmidt nach Hause geht, spielt ein Straßenmusiker "It's all over now" ("Es ist alles aus"). Schmidt gibt ihm sein letztes Geld und sagt: "Recht haste."

Rien ne va plus. Nichts geht mehr. Auch in Schmidts Leben nicht mehr. Er ist mittellos. Aber nicht hoffnungslos. Er beantragt Hartz IV und zieht vor Gericht. Er klagt gegen die Spielbank, weil sie ihn trotz seiner offenkundigen Sucht und der Selbstsperre nicht vom Spielen abgehalten hat. Doch am Ende wird die Klage abgewiesen. Am Ende heißt es mal wieder: Rien ne va plus.

Er hat alles auf eine Karte gesetzt und verloren. Doch irgendwie, glaubt er, ist es im Leben wie im Spiel. Da gilt schließlich auch: neues Spiel, neues Glück. Und Schmidt sucht weiterhin nach dem Glück. Aber nicht mehr im Kasino. Er hat ein Buch über seine "persönliche Katastrophe" geschrieben und arbeitet inzwischen als Unternehmensberater. Sein Schwerpunkt sind Marketing und Unternehmensführung sowie Patentverwertung. Zu einer Finanzanlage fühlt sich der Millionär a. D. allerdings nicht berufen.

"Alle Menschen sind klug", sagt Schmidt am Ende des Gesprächs und zitiert Voltaire. "Die einen vorher, die anderen nachher." Er meint sich selbst.


Klaus Schmidt: "Nichts geht mehr - Vom Sodastream-Multimillionär zum Hartz IV-Empfänger", Mankau-Verlag, 12,95 Euro

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