Manipulation im Dunkeln

Premiere des Sprechtheaters "Matrosenaufstand" in der Fleetstreet

"Alles Leuchtende bitte jetzt ausmachen, verbannen und verstecken. Die Handys werden bitte richtig abgeschaltet – nicht dieses Halbscharige auf stumm Geschalte und dann vibriert und hüpft es rum, wenn eine SMS kommt." Die Ansage ist klar und deutlich. Jetzt geht es hinein in die absolute Dunkelheit – in ein Nichts aus Schwarz.

Hamburg. "Alles Leuchtende bitte jetzt ausmachen, verbannen und verstecken. Die Handys werden bitte richtig abgeschaltet nicht dieses Halbscharige auf stumm Geschalte und dann vibriert und hüpft es rum, wenn eine SMS kommt." Die Ansage ist klar und deutlich. Jetzt geht es hinein in die absolute Dunkelheit in ein Nichts aus Schwarz.

Von blinden Guides werden die Theaterbesucher in guter alter Polonäse-Manier zu ihren Plätzen geführt. Vorsichtig tippelnd und tastend geht es ein paar Stufen runter, dann rechts in die Stuhlreihe. Der allgemeinen Belustigung über diese auf oktuierte Hilflosigkeit weicht eine viel sagende Stille. Was mag da nun kommen? Die leisen Atemzüge rechts und links geben einem die Gewissheit, dass die anderen noch da sind. Trotzdem gleicht diese Inszenierung einer Privatvorführung. In einem Raum voller Menschen, aber doch durch die Dunkelheit bedingt allein. Das, was sich da gleich im Kopf abspielen wird, erlebt kein zweiter. Und schon geht es los.

Im Rahmen des "150prozent made in Hamburg" Festivals fand vergangenen Donnerstag die Premiere von "Matrosenaufstand" in der Fleetstreet statt. Das Sprechtheater beginnt mit einem schunkeligen Seemannslied irgendwo vorne auf der Bühne. In 80 Minuten erzählt die Theatergruppe "Limited Blindness" von der Meuterei der Matrosen im ersten Weltkrieg. Stimmen fangen an zu sprechen, erzählen von damals. Reden wirr durcheinander und verstummen plötzlich. Vom hinteren Teil des Zuschauerraums ertönt in enervierender, schleppender Tonlage eine männliche Stimme, die scheinbar Tagebucheinträge vorliest. Am 24. Oktober 1918 befiehlt die deutsche Seekriegsleitung ein letztes Auslaufen der Hochseeflotte. Doch die Schlacht ist bereits geschlagen, der Befehl gleicht einem Todeskommando. Sich gegen die damaligen politischen Machenschaften aufbäumend, entzündet sich zuerst in Kiel die Revolte des "Pöbels". Von dort verbreitet sich die Bewegung schließlich über ganz Deutschland.

Langsam schwindet auch die anfängliche Überempfindlichkeit des Gehörgangs. Fast könnte man meinen, innerhalb von Minuten habe sich da eine neue viel intensivere Sinneswahrnehmung herausgebildet. Die Ohren sind nun im wahrsten Sinne des Wortes bis zum Anschlag gespitzt. Erstaunlich, wie gut auf das Visuelle verzichten werden kann. Und wie entspannend, sich der Reizüberflutung so entziehen zu können. Nur das Wesentliche zählt. Nur die gesprochenen Worte und die von Zeit zu Zeit eingespielten Akustiken bestimmen die Bilder vor dem inneren Auge. Und dann plötzlich ganz dicht neben einem, entfacht eine Diskussion über die Organisierung des Aufstandes. Welche Punkte fordern wir ein? Wie setzen wir uns durch? Gespannt lauscht man den Beteiligten. Wie viele mögen es wohl sein? In einem Mix aus Originaleinspielungen und Dialogen geht es weiter. Gegenwärtiges Geschehen außerhalb dieser vier Wände ist in weiter Ferne. Innere Ruhe erfüllt einen und man lässt sich bedingungslos von der Dynamik der Worte mitreißen. Der Aufstand wird zur Nebensache. Ohne zu realisieren, dass da gerade die Anfänge der Identität des heutigen politischen Systems entstehen, lauscht man süchtig den Klängen der Stimmen und saugt diese einzigartige Atmosphäre wie ein ausgetrockneter Schwamm auf. Die Rätebewegung setzt ihren Gang fort, während die Reduzierung der Kommunikationselemente auch eine ganz neue Intensivierung der Raumerfahrung mit sich bringt. Wo stehen die Schauspieler eigentlich? Scheinbar überall im Raum verteilt, sprechen sie über die Weiten der Stuhlreihen miteinander. Ihr Timing ist à la minute. Während einer zielstrebig im stockfinsteren Raum hin und her stakst, um imaginäre Leute einander vorzustellen, fängt vorne jemand an, einen Monolog zu halten - oder war es doch eher hinten links? Unbegreiflich, wie sich die Schauspieler hier zu Recht finden. Und dann ist es vorbei. Abrupt geht der Vorhang auf. Das plötzlich einfallende schummrige Licht ist zunächst irritierend. Nichts ist so, wie man glaubte es zu lokalisieren: die Bühne hinter nicht vor einem, die Raumdimension um ein Vielfaches kleiner als angenommen. Ein Mann sitzt vor dem Publikum auf einem Stuhl. Verweilt dort stumm und unbeweglich, als wenn er selbst erst realisieren müsse, dass er wieder sehen kann. Langsam dreht er sich um, blickt auf die Gestalt in der Tür zur Strasse stehend hinter ihm und wendet sich ebenso langsam wieder dem Publikum zu. Ist das jetzt Teil des Stücks oder ein Fehler im Ablauf? Er schüttelt den Kopf. Es ist Absicht. Das Publikum beginnt stürmisch zu applaudieren. So ganz ist es aber in der Realität noch nicht angekommen.