ARD-Film

"Unter Nachbarn" - Dann hat es rums gemacht

| Lesedauer: 4 Minuten
Karolin Jacquemain

Hervorragende Schauspieler machen den ARD-Film "Unter Nachbarn" (heute, 20:15 Uhr) zu einem psychologisch sensiblen, hoch spannenden Drama.

Hamburg. Zur Hölle mit dem verdammten Autoradio. Fummelt der Fahrer hektisch daran herum, um die Musik einen Tick leiser oder lauter zu drehen, will man als dramaerprobter Zuschauer am liebsten in den Bildschirm hüpfen und den Fahrerkopf Richtung Straße herumreißen. Zu spät, es hat längst rums gemacht. Im Drama "Unter Nachbarn" ist es Nachwuchsjournalist David, der auf der Heimfahrt vom Barbesuch den Radiosender wechseln muss, und ebenjene Blondine, mit der er gerade noch über Cocktails mit bunten Schirmchen am Tresen geflirtet hat, von der nachtschwarzen Fahrbahn drängt. Die Frau stirbt am Unfallort, Davids Glückssträhnengegenwart - neuer Job, neues Haus, was kostet die Welt? - endet.

Regisseur Stephan Rick kann für seinen ersten abendfüllenden Spielfilm auf hervorragende Schauspieler zurückgreifen: Maxim Mehmet, der als Kriminaltechniker im Leipziger "Tatort" den entscheidenden Zigarettenstummel immer dann doch nicht findet, spielt den sympathisch-hemdsärmeligen David, dessen Scheinwerferlächeln mit fortschreitender Handlung immer mehr gefriert. Charly Hübner, der als Straßenköter-Kommissar Alexander Bukow jede "Polizeiruf 110"-Folge adelt, gibt seinen Nachbarn Robert, einen hüftsteifen, im Grunde harmlosen Vollpfosten, der mit seinem Wählscheibentelefon, der Ritterfigurensammlung im Setzkasten und Hemden in den Farben Aubergine bis Rostbraun mehr als nur ein bisschen aus der Welt gefallen daherkommt. Glaubt man.

Als der Film eine Stunde alt ist, sieht die Sache schon anders aus. Robert hat sich als fieser Stalker entpuppt, der den neu gewonnenen Freund mit gedünstetem Dorsch und Kerzenschein auf dem Abendbrottisch überrascht; der glaubt, die gemeinsam begangene Unfallflucht würde sie auf ewig aneinander binden.

Hübner gelingt es, die Teddybärengemütlichkeit seiner Figur innerhalb einer Zehntelsekunde in einen Blick auf halbmast zu verwandeln, dass man am liebsten die Polizei rufen möchte. Dass TV-Filme eine plausible Figurenmotivation brauchen, damit der Zuschauer bloß nicht ratlos die Sofakissen anglotzen muss, auf diese Maxime pfeift Regisseur Rick - und trägt damit erheblich zur Spannung des Films bei. Er erliegt nicht der Versuchung, plumpe Gründe für Roberts pathologische Seltsamkeit aufzufahren. Keine Alkoholikermutter, kein unterkühlter Vater.

Einer russischen Puppe gleich legt "Unter Nachbarn" erst nach und nach die verschiedenen Verrücktheitsgrade von Roberts Charakter offen. "Lass uns von vorn anfangen", sagt er in Totalverkennung der Situation zu David, als die Sache schon ziemlich schlimm steht, die Polizei alarmiert, die Schwester der Toten misstrauisch geworden ist - und fast möchte man ihn tröstend in den Arm nehmen, diesen Mann, der keine Freunde hat, keine Familie, nur seine schweren Ledersofas hinter den vorgezogenen Gardinen und seine Angelrute.

David dagegen schien den Hauptgewinn in der Lebenslotterie gezogen zu haben: schickes Haus in Karlsruhe, weit entfernt von den aus dem Ikea-Sortiment eingerichteten Studentenbuden; ein Händchen für gute Geschichten, das auch der Chefredakteur bemerkt hat; Schlag bei den Frauen und meist am Ende des Abends eine mit Kugelschreiber hingekritzelte Telefonnummer auf dem Unterarm. Das letzte Mal blöderweise die des Unfallopfers.

Petra Schmidt-Schaller spielt die Schwester der Verunglückten, Vanessa, die sich an jede noch so kleine Spur klammert, die Auskunft geben könnte über die letzten Minuten auf dem Nachhauseweg. Und wie der Zufall namens Fernsehdramaturgie es will, verliebt sich David über Pizza Rucola beim besten Italiener der Stadt in Vanessa. Zudem hat sein Chef ihn angesetzt, die Unfallflucht für die Zeitung zu bearbeiten. "Aufmacher, vermasseln Sie es nicht", sagt er zum Schreiber, der dabei ist, viel mehr zu vermasseln als bloß eine Story.

Sensibel, psychologisch gekonnt, gut gespielt - all das ist dieser Film, der unspektakulär daherkommt und Musik, Licht, selbst Dialoge sparsam einsetzt. "Unter Nachbarn" kann vom ersten Satz an auf eine gute Geschichte vertrauen. "Komm doch rein" lautet dieser. Nach 90 Minuten weiß der Zuschauer: Hätte David bloß die Tür zugeschlagen und wäre um sein Leben gerannt.

"Unter Nachbarn" heute, 20.15 Uhr, ARD