Literatur

Annette Pehnt: Das Mutter-Tochter-Theater

Schriftstellerin Annette Pehnt zeichnet in ihrem Roman "Chronik der Nähe" die komplexen Beziehungen zwischen den Generationen nach.

Es ist etwas Sonderbares mit der Liebe. Je näher wir ihr rücken, je konkreter wir sie leben wollen, desto ungreifbarer scheint sie oft zu werden. Worin liegt ihre Erfüllung? Ist sie ein Phantom, können wir Nähe, Zärtlichkeit, Hingabe womöglich überhaupt nicht ertragen?

Diese Befürchtung bildet jedenfalls den Unterton von Annette Pehnts neuem Roman "Chronik der Nähe". Pehnt beackert ein Feld, das in der schönen Literatur eher ein Randdasein führt: All ihre Liebesnöte finden in den Beziehungen zwischen Mutter und Tochter statt. Die wohlfeile romantische Liebe braucht Pehnt nicht für ihr so feingezeichnetes wie erschütterndes Sitten- und Seelenbild. Männer sind nur Randerscheinungen; die jeweiligen Lebenspartner tauchen hin und wieder als "der Richtige" auf.

Eine Woche nur umfasst die Rahmenhandlung. Von Dienstag bis zum darauffolgenden Montag sitzt die Tochter, die nach Habitus und Lebensalter auch die Autorin selbst sein könnte, am Bett der Mutter und spricht mit der Bewusstlosen. In Erinnerungen und Rückblenden entfaltet Pehnt die ineinander verschlungenen Mutter-Tochter-Beziehungen zwischen der namenlos bleibenden Ich-Erzählerin, ihrer Mutter Annie und wiederum deren Mutter.

Annies Lebensgeschichte steht im Zentrum dieses raffiniert schlicht gebauten Romans. Sie zieht sich von den Bombennächten der letzten Kriegsjahre, da ist Annie vielleicht sechs Jahre alt, bis in das gesichtslose Klinikzimmer der Jetztzeit.

"Ein Tag ohne Sprechen gilt nicht", beginnt der Roman. Wenige Zeilen nur braucht die Autorin, um ihre drei Hauptfiguren einzuführen, und genauso bald ist der Leser mittendrin im Lebensthema der Frauen: dem Widerspruch zwischen dem gesprochenen Wort und dem darunter liegenden Schweigen über das Wesentliche, das keiner wahrhaben will und das selbst in so unverbrüchlichen Beziehungen wie den familiären eine wirkliche Nähe oft unmöglich macht. Pehnt vollzieht dieses Changieren zwischen Machtspiel, Zuwendung und narzisstischer Spiegelung auf kleinstem Raum virtuos nach.

"Umarmt wollte ich sein", erinnert sich die Erzählerin. Wer hätte emotionale Bedürftigkeit je so knapp und klar formuliert? "Ich arbeite: früher mit Geschenken, mit Blicken, mit kleinen Gaben, ein Blumensträußchen, selbst gebastelt, gemalt, geklebt, geschrieben, immer wieder geschrieben auf Zettel: Ich hab dich so lieb." Wann immer die Töchter um Zuwendung buhlen, die Mütter weisen sie zurück. Nur dass kein Gewöhnungseffekt eintritt, weder beim Leser noch bei den Töchtern. Die mögen lernen, nicht zusammenzuzucken, aber die Frische des Schmerzes ist immer dieselbe. Selbst dann noch, als die Ich-Erzählerin ihr erstes Kind erwartet. "Mal gucken, wie das wird, freust du dich. - Wer, ich, fragtest du. - Mama, sagte ich mahnend, wer sonst. - Ach, weißt du. Wenn es mich nur nicht Oma nennt", erwidert die Mutter. Zu der Zeit, als die Tochter selbst ein Baby war, fällt ihr nur ein Vorwurf ein: "Dieses Geschrei, was meinst du, wie mir das noch in den Knochen steckt." Und bei ihren raren Besuchen muss die Mutter die Ich-Erzählerin für ihre ausgiebigen Einschlafrituale mit den kleinen Kindern zur Glucke herabwürdigen, wie um ihr eigenes, so gänzlich anderes Verhalten nicht hinterfragen zu müssen.

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Die Kehrseite der Zurückweisung ist das Erpressen von Gefühlen. "Mutter bedroht Annie mit dem Tod, das kann sie gut", heißt es gleich auf der ersten Seite. Die Mutter führt gern das ganz große Theater auf, mit Luftnot und allem. Später, gegenüber der Enkeltochter, reicht der Verweis darauf: Wenn die Enkelin einmal für ihr Kind die großmütterliche Krippe aufbaue, werde sie, die Großmutter, tot sein, "und du wirst an Weihnachten an mich denken". Schon treten dem Kind Tränen in die Augen, und es fleht die Großmutter an, noch lang nicht zu sterben.

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Pehnt braucht ihre Protagonistinnen nicht zu überhöhen, sie braucht kein Gramm Süße oder Pathos. Ihre Sprache ist nichts als Essenz, sie trifft ins Mark. Lebensgroß wirken die Figuren, weil die Autorin so unbestechlich beobachtet. Wenn sie schildert, wie die Kriegswitwe sich und ihre Tochter mit skrupellosem Improvisationstalent durch die Jahre des Wiederaufbaus bringt, ist das bei allem Unbewältigten auch immer wieder hochkomisch in seiner bitterbösen Genauigkeit. Käsewürfel, Gurkenschiffchen und Mayonnaise-Eier mit Kaviarsprenkeln, schon diese Worte scheinen nach all dem Mangel die höchste Glückseligkeit zu bergen, und die Großmutter rundet sich zusehends - Abbild ihrer nur heimlich ausgelebten sinnlich-erotischen Bedürfnisse.

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Wie spröde dagegen ist Annie. Unauslöschlich geprägt von den vielfältigen Entbehrungen ihrer Kriegs- und Nachkriegskindheit, reicht sie die erfahrene Lieblosigkeit ungefiltert an die Tochter weiter wie so viele ihrer Generation. Lange schon hat die Ich-Erzählerin für eine gemeinsame Reise geworben: Nur du und ich, wir machen es uns schön. Als alte Frau schließlich gibt die Mutter nach. Gemeinsam sitzen sie in der Hotelsauna, ihre Arme berühren sich, sie schweigen, und die Tochter fürchtet einen Moment lang, der Glitzerhimmel aus Glassteinchen über ihnen könnte sich von der Decke lösen und auf sie herabregnen. Tage nach der Reise wird die Mutter ins Koma fallen. Als hätte sich etwas erfüllt.