Altenpflege

Musik in der Altenkultur: Melodien für Senioren

Was kann Musik in der Altenpflege bewirken? Zu Besuch in der Wohn- und Pflegegemeinschaft Bärenhof in Langenhorn, wo musiziert wird.

Hamburg. Heute Vormittag, bei der Eröffnung des 10. Deutschen Seniorentags im CCH, wird sich zeigen, wie aufmerksam Bundespräsident Joachim Gauck seine Post liest, und ob die ihm schriftlich zugestellte Bitte, in seinem Begrüßungsreferat als Schirmherr der Veranstaltung auch auf die Belange der Musik im Alter einzugehen, Gehör gefunden hat. Wolfhagen Sobirey, Präsident des Landesmusikrats Hamburg, dessen Verband den musikalischen Teil der festlichen Eröffnung gestaltet, hatte Gauck vor zehn Tagen brieflich um einen "Impuls" gebeten, der das Thema "Musik in der Altenkultur" stärker ins Bewusstsein der Gesellschaft bringen soll. Einer Gesellschaft, die zum Immer-älter-Werden tendiert, weil die Leute heute viel länger leben als früher, zugleich aber viel zu wenige Menschen geboren werden.

Vor wenigen Wochen hatte Sobirey gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse und dem Deutschen Musikrat in Hamburg zu einer Tagung geladen, bei der es um "Musik im Alter - Musik als Chance" ging. Henning Scherf, 73, der bemerkenswert fröhliche Altbürgermeister von Bremen, der in seiner Heimatstadt in einem Mehrgenerationenhaus lebt, sang in seinem Grußwort ein Loblied auf das Chorsingen und das Musizieren im Alter. Der Musik wohnten "heilende, therapeutische, pflegevermeidende Kräfte" inne, sagte Scherf, und er berichtete von einer 92 Jahre alten Freundin, die ihn schon längst nicht mehr erkennt, aber doch noch 15 Strophen des Lieds "Geh aus, mein Herz, und suche Freud''" auswendig kann.

+++ Pflegeleistung Musik +++

Dass Musik auch für solche Alte einen großen Wert besitzt, die sie als etwas, das man selber macht, längst kaum mehr erleben - schwere Pflegefälle, Demente, Alzheimerkranke: Diese Erkenntnis ist nicht eben neu. Aber sie braucht sehr, sehr lange, um ihren Weg in die pflegenden Berufe zu finden und damit in den Alltag jener, die in Alten-WGs, Heimen oder Pflegestationen ihre letzte Lebenszeit verbringen.

Die Hamburger Homann-Stiftung wollte wohl nicht so lange warten, bis es so etwas wie "Musik mit Alten, Musik für Alte" als Schulfach bei der Pflegekräfteausbildung gibt. Ihr Vorstand Mechthild Kränzlin hat deshalb einen Lehrgang für ehrenamtliche sogenannte Musikpaten entwickelt. Die ersten zehn Absolventen, die vom Hamburger Musiktherapeuten Andreas Blase als fachkundigem Partner der Stiftung in seinem Klang Centrum ausgebildet wurden, bekamen nach einjährigem Training vor wenigen Wochen ihr Starter-Kit in die Hand gedrückt: eine Trommel, eine Gitarre, eine Flöte, Liederbücher und andere nützliche Kleinigkeiten für die Praxis.

Iris-Mary Walliser-Wolf, eine der Absolventinnen, geht nun seit zwei Monaten mit einer Kollegin einmal pro Woche in die Wohn- und Pflegegemeinschaft Bärenhof in Langenhorn, um mit den acht "Mietern, wir nennen sie nicht Bewohner, denn das hier ist kein Heim" (Team-Koordinatorin Hannelore Köster) Musik zu machen und über Musik ins Gespräch zu kommen.

+++ Der Seniorentag im Internet, Radio und Fernsehen +++

Der Kalender im großen Wohnraum mit Blick auf die Terrasse steht noch auf dem 30. April, aber es ist der 1. Mai, und Frau Walliser-Wolf hat heute jede Menge Mai-Lieder mitgebracht. Sie ist eine patente Frau, die aus dem Schuldienst kommt und alles, was sie tut, ehrenamtlich macht. Heute ist sie ohne ihre Kollegin hier. Die Bewohner sitzen mit ihr und zwei weiteren Pflegekräften (Traumschlüssel: 26 Pflegekräfte und Nachtwachen kümmern sich rund um die Uhr im Wechsel um die acht Bärenhof-Bewohner) um drei zusammengeschobene Tische. Elskes* Mann ist heute auch dabei. Er wohnt nicht hier, kommt aber beinahe jeden Tag zu Besuch. Während der gemeinsamen Musikzeit streichelt er seiner Ehefrau, die nicht mitsingen mag und auch sonst wenig sichtbare Teilnahme am Geschehen zeigt, Arm und Kopf. Johanna, weiches, gütiges Gesicht, aber erfrischend scharfzüngig, kann das Ende der Singerei kaum erwarten. Aber wenn die zweite, dritte Strophe kommt, bewegt sie ihre Lippen mit. Hermann, er war früher Busfahrer, wollte erst nicht so recht, aber sie haben ihn dazugeholt. Er kann die plattdeutschen Lieder und hat schnell einen Spruch auf den Lippen. Außerdem ist er der einzige Mann in der WG. Karolin, klein, zusammengekauerte Statur, hält als Einzige einen Filztrommelschlägel, den sie die ganze Stunde lang nicht aus der Hand legen mag. Sie klopft damit auf eine Klangschale, es klingt dumpf. Sie sucht damit die Trommel, die auf dem Tisch liegt, schlägt in die Luft und sieht dem Reporter dabei unverwandt ins Gesicht. Was denkt sie, denkt sie überhaupt etwas?

Marianne hat in ihrem früheren Leben mal einen Chor geleitet. Ihre Stimme ist immer noch schön, hell und klar. Jetzt singt sie zu jedem Lied ihre ganz eigene Melodie. "Sie kriegen die über Musik", sagt Frau Walliser-Wolf hinterher und spricht über die Biografiearbeit, als die sie ihren Einsatz auch versteht. "Oft reden wir über frühere Zeiten. Das Singen und aktive Musizieren steht dann nicht so im Vordergrund."

Auch einer der führenden Altenforscher in Deutschland, der Heidelberger Professor Andreas Kruse, preist Musik als diskretes Lebenselixier noch für die am weitesten vom "normalen" Altsein Entrückten. Kruse, Experte für Mimikanalyse bei Demenzerkrankten, berichtete bei der Tagung von einer "mimisch total rigiden Dementen", der beim Hören einer Brahms-Sonate ein wahrer "Bewegungssturm" durchs Gesicht gefahren sei - Beweis dafür, dass die Wahrnehmung von Signalen aus der Außenwelt eben doch noch viel feiner ist, als der Augenschein vermuten lässt.

Die Dame, gehobenes Bürgertum, wird die Brahms-Sonate von früherem Hören irgendwo in sich gespeichert haben. Was aber, wenn im Speicher anderer Dementer kein Brahms liegt, kein Bach? "Spielen Sie Heino, und bewerten Sie das bloß nicht", rät Kruse. Aber muss es denn überhaupt Musik sein? Geht es vielleicht nicht vielmehr um das Hören an sich, das Wieder-Hören von gespeicherter Erinnerung? Würde nicht auch der aufgenommene Klang einer sich öffnenden Bustür den Hermann aus dem Bärenhof glücklich machen, das Rattern einer Nähmaschine die Marianne, die so geschickt die Knoten jener bunten Tücher löst, die für eine Stunde Verbindung schaffen sollten zwischen acht Menschen?

* Alle Bärenhof-Mieternamen von der Red. geändert

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