Kunst in der Stadt

Gräber, venezianische Gondelfahrt und Coffeeshop

Foto: Michael Rauhe

Das Wiener Künstlerkollektiv "God's Entertainment" erklärt Hamburg für fünf Tage zum Dreh- und Angelpunkt der europäischen Kultur.

Hamburg. Altona ist um eine Attraktion reicher. Mitten auf dem Evangelischen Friedhof an der Bernadottestraße liegt ein besonderes Grab: Es trägt den monumentalen Stein mit jener altgriechischen Inschrift, die man von Jim Morrisons letzter Ruhestätte kennt. Allerdings liegt der 1971 verstorbene Sänger der Rockband The Doors auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris.

Und wenn schon. Die Performer von God's Entertainment haben seine Grabstätte kurzerhand umgebettet - in der Kunst ist bekanntlich alles erlaubt. Zwei ältere Damen freuen sich über den ungewohnten Anblick. So ein hübsches Grab hätten sie auch gerne. Was, nebenbei gesagt, nirgends im Angebot ist.

Das Grab ist Teil einer neuen Versuchsanordnung der Wiener Performancegruppe God's Entertainment, die ab dem 1. Juni beim diesjährigen Live Art Festival auf Kampnagel gastiert. Unter dem Titel "Hamburg International" lädt die Truppe zu einer Sightseeing Tour durch die ganze Stadt ein - vorbei an europäischen Hotspots der Kunst und Kultur.

Am Rathausmarkt säugt eine Statue der Römischen Wölfin Romulus und Remus. Im Hanse-Viertel wächst die berühmte Kafka-Statue aus Prag aus dem Boden, und im Gängeviertel können die Teilnehmer einen Teil der Berliner Mauer besprühen und bemalen. Auch eine Marien-Statue, eine venezianische Gondelfahrt auf der Außenalster und ein Amsterdamer Coffeeshop sind Stationen der Tour. Hamburg wird zu Europas kultureller Hauptstadt. Und die ist in knapp zwei Stunden gut auf einer Bustour zu bereisen. Ganz ohne Flugangst und Sprachbarrieren. Mit Aktionen wie diesen hat sich God's Entertainment einen stabilen Ruf als schrägste Truppe Wiens erworben.

"Die Besucher kommen in eine Stimmung, in der sie ihre Stadt ganz anders erleben", sagt Gruppenmitglied Boris Ceko. Gut eine Woche vor Festivalstart blinzelt er im Gängeviertel in die Sonne. Hier, zwischen gläserner Büroarchitektur und buntem Künstlerleben soll bald die Berliner Mauer stehen. Probleme mit den städtischen Genehmigungen gab es nicht: "Man muss eine Statue schon arg blöd positionieren, damit die Leute das ablehnen", sagt Simon Steinhauser. "Die meisten Menschen erfreuen sich daran."

Erfindung und Wahrheit liegen auf der Tour so nah beieinander, dass sich auch das Ausgedachte plötzlich real anfühlt. Etwa, wenn sich beim Greenwich-Meridian - im Original in London - die Welt von Ost nach West mit einem kleinen Sprung überschreiten lässt. Die Akteure wollen erstklassig unterhalten, formulieren aber auch einen politischen Kommentar, eine Kritik am touristischen Wettbewerb, bei dem sich die Städte gegenseitig mit Attraktionen übertrumpfen wollen.

Eine Performance von God's Entertainment bietet immer ein Erlebnis mit ideellem Anspruch. Damit passt es hervorragend zum diesjährigen Thema des Live Art Festivals: "Wie wir uns aufführen" mit Positionen zur "Herstellung der Welt". Die stets mögliche, auch mal rabiate Konfrontation mit dem Zuschauer ist gewollt und Prinzip seit der Gründung des Kollektivs 2004.

Dafür riskieren die Mitglieder einiges, fangen wie in der Umsetzung des Computerspiels "Fight Club realtekken" ein blaues Auge oder eine gebrochene Rippe ein. "Wir sind ja immer mit dabei und laufen nicht davor weg", sagt Ceko. "Die Leute, die uns in Wien Geld geben, sagen gerne, es ist ein Schoiß, den ihr macht", sagt Simon Steinhauser, "Dabei geht es um Dinge, die sie vielleicht nicht verstehen. Mir ist das wurscht." Es kann ihnen wirklich egal sein. Längst ist die Truppe gern gesehener Gast etwa bei den Wiener Festwochen oder beim Impulse-Festival. "Keine Angst. Das ist kein Theater" steht in großen Lettern auf der Webseite von God's Entertainment. Stimmt. Zumindest nicht ein Theater, das das Hehre, Wahre und Schöne künstlich auf der Bühne ausstellen will.

Es ist ein Theater, das ohne Regisseur und Dramaturg auskommt und von der wechselnden Gruppenbildung lebt. Eines, das in die Stadt geht, den öffentlichen Raum sucht. Zurücklehnen und Kunst genießen, diesen Vorsatz können die Zuschauer von God's Entertainment an der Garderobe abgeben. "Wir entwickeln eine starke Energie bei der Arbeit. Damit erreichen wir die Leute und bieten ihnen ein besonderes Erlebnis", sagt Boris Ceko. Die Wiener kamen bereits in den Genuss von "Vienna International". Am Grab haben sie Jim-Morrison-Feuerzeuge und Musik gekauft, Bier getrunken und eine spontane Hippie-Party gefeiert. Auch das kann ein Theaterereignis sein.

God's Entertainment: Hamburg International 1. bis 4.6. Live Art Festival 1. bis 11.6., Kampnagel, Karten unter T. 27 09 49 49; www.kampnagel.de .

Alle Infos zum Festival im beiliegenden LIVE-Heft