Rock: KISS

Die Greise sind heiß auf "Hamburg Rock City"

Foto: Jahnke

Die Brandschutzklappen der Hamburger O2 World freuen sich schon auf das Konzert der Hardrock-Dinosaurier KISS am 31. Mai.

O2 World. Es gab Zeiten, da wurden Live-Alben von Rock-Göttern angebetet wie Heiligtümer. Deep Purples "Made In Japan", Motörheads "No Sleep 'til Hammersmith" oder "Alive II" von KISS waren Schreine zum Niederknien und verkauften sich dementsprechend. Auch wenn KISS auf "Alive II" 1977 etwas geschummelt hatte ("I Stole Your Love" wurde beim Soundcheck eingespielt und mit Jubel unterlegt), schrieb das Stück Vinyl Hardrockgeschichte und kassierte mehrfach Platin.

Jetzt, im Jahr 2010, haben Live-Alben viel von ihrer Faszination verloren. Denn wenn YouTube und ähnliche Portale nach Konzert-Ende sofort mit Handymitschnitten fragwürdiger Qualität überladen werden, geht die Exklusivität förmlich ins Netz. Und auch die Künstler selber veröffentlichen teilweise im Jahresrhythmus Live-Alben und Live-DVDs oder bieten bereits nach der letzten Zugabe die Aufzeichnung zur Mitnahme auf handlichen USB-Sticks an. Und KISS, traditionell Meister sowohl der Selbstinszenierung als auch der Selbstvermarktung, mischte und schnitt auch in diesem Segment ganz vorne mit: "Sonic Boom Over Europe: Live in Hamburg" konnte schon Wochen vor dem heutigen Auftritt in der Hamburger O2 World für 20 Euro auf CD oder USB-Stick vorbestellt werden.

Dabei steckt das Erfolgsgeheimnis der New Yorker Hardrock-Veteranen schon im Bandnamen: das aus Informatik-Kreisen stammende KISS-Prinzip "Keep it simple, stupid" - "Halte es einfach, Dummkopf".

Das zeigte sich erstmals am 30. Januar 1973: Im New Yorker Popcorn Club traten Paul Stanley, Gene Simmons, Ace Frehley und Peter Criss damals erstmals auf - vor drei zahlenden Gästen, wie die Legende erzählt. Und da die eher dilettantischen Fertigkeiten an den Instrumenten und simplen Songs wie "Deuce", "Strutter" oder "Cold Gin" nicht die nötige Aufmerksamkeit versprachen, begann KISS, sich zum Gesamtkunstwerk zu entwickeln. Aus Sänger und Gitarrist Paul Stanley wurde "The Starchild", aus Bassist Gene Simmons "The Demon", aus Leadgitarrist Ace Frehley "The Spaceman" und aus Schlagzeuger Peter Criss "The Cat".

Inspiriert von Arthur Brown und Alice Cooper, Ende der 60er-Jahre Pioniere der rockigen Schock-Revue mit blutgetränkter Effekthascherei und gruseliger Schminke, traten die Urmitglieder von KISS nur noch in aufsehenerregenden Kostümen auf die Bühne und in die Öffentlichkeit. Und als wäre das nicht genug gewesen, wurden Showelemente entwickelt, die KISS Mitte der 70er bis Anfang der 80er zur heißesten Band der Welt machten.

Böller und Flammenfontänen sowie Gene Simmons und seine Schlabberzunge nebst Blutgespucke lockten weltweit eine fanatische Gefolgschaft an, die sich zur "KISS Army" vereinte und Millionen Konzertkarten, Live- und Studioalben und Fanartikel erwarb. Die Kommerzialisierung und die Stadion-Dimension des 70er-Hardrocks wurden von KISS auf die Spitze getrieben. Koste es, was es wolle. Bis das simple Erfolgsgeheimnis in den 80ern letztendlich obsolet wurde.

Während KISS sich kreativ im Kreis drehte und neue Besetzungen ausprobierte, wilderten neue, junge und wildere Heavy-Metal-Bands in den Revieren der Rock-Dinosaurier. Die einzige, schnell verpuffte Sensation von KISS war da nur noch 1983 der Verzicht auf Schminke, der immerhin bis 1996 durchgehalten wurde.

In eben diesem Jahr hatten die Kostüme und Devotionalien der 70er genug musealen Charakter entwickelt, um vom Klamauk zum Kult zu werden. Die Schminke wurde wieder angelegt, die Plateaustiefel entstaubt und die Magazine der Feuerwerker geplündert. Und auch wenn Peter Criss und Ace Frehley mittlerweile von Eric Singer und Tommy Thayer vertreten werden: Das Konzert-Intro dieser Ü-50-Band hält auch 2010 noch, was es verspricht: "You wanted the best, you got the best, the hottest band in the world - KISS!"

Leider wird Wolfmother nicht im Vorprogramm auftreten, für sie springen Five And The Red One ein.

KISS, Five And The Red One heute 19.30, O2 World (S Stellingen + Bus 380), Sylvesterallee 10, Karten ab 62 Euro; www.kissonline.com