Fotografie

Michael Poliza: Betrachtungen eines Optimisten

Foto: Michael Poliza

Es ist alles eine Frage der Perspektive: Der Hamburger Fotograf Michael Poliza hat das Land Südafrika mit seiner Kamera festgehalten.

Hamburg. Michael Poliza macht Bilder von fast schmerzender Schönheit, so wie das mit den Strahlen Gottes. Sie finden ein Loch in der Wolkendecke und fallen auf tiefes Grün, eine unwirkliche "Avatar"-Landschaft, ein besonderer Augenblick. Vielleicht ist er einzigartig. Wenn man wissen will, wie Poliza fotografiert, was sozusagen sein Auftrag ist, weshalb er diesen Job macht, dann muss man sich dieses Bild ansehen.

Oder das mit dem Zebra. Es steht in einer Savanne und trinkt. Unspektakulär, eigentlich. Poliza, der 52-jährige Fotograf aus Hamburg, verwandelt die Wasserspeisung jedoch in einen ästhetischen Moment. Er fotografiert das Tier von vorne, das Bild zeigt das gesenkte Haupt und die Beine. Zebras spreizen die Glieder, wenn sie trinken; die Hinter- in einem größeren Winkel als die Vorderläufe. Die geometrische Form könnte schöner nicht aussehen.

Poliza wusste, welche Motive er haben wollte, aber das Warten gehört zu seinem Beruf wie das Surren des Auslösers. Und Poliza, dessen neuer Fotoband "South Africa" gerade erschienen ist, hat schon oft Stunden, Tage gewartet, nur für diesen einen Augenblick. "Man braucht Geduld und Glück", sagt Poliza, "Glück ist, wenn Vorbereitung und Gelegenheit zusammentreffen." Ein guter Sinnspruch, Poliza formuliert ihn auf Englisch. Wie der Hamburger, der seit anderthalb Jahren wieder in seiner Geburtsstadt lebt, sowieso bisweilen ins Englische fällt. Poliza ist weit gereist, er gilt als einer der besten Naturfotografen der Welt. Das neue Buch weist als Schöpfer "Poliza & Friends" aus. Poliza hat nicht alle 120 Fotos selbst geschossen, sondern sich bei Kollegen wie Vanessa Cowling, Chris Fallows und Justin Fox bedient. Und so wirft der Laptop in Polizas Galerie in Barmbek nicht nur eigene Bilder an die Wand. So geduldig Poliza beim Fotografieren auf den richtigen Moment wartet, so hastig blättert er im Gespräch durch seine Bildbände. Dabei verdienen die Fotos allergrößte Aufmerksamkeit, sie sind großartig in ihrer Umfassung der Welt und liebevoll in ihrer Fokussierung auf die Details.

Natürlich erzählen die Bilder Geschichten, und anders als früher blendet die neue Arbeit Polizas die weniger schönen Seiten nicht mehr aus. Seine Fotos aus den kalten und heißen Regionen dieser Erde, von Elefanten, Eisbären und Landschaften waren opulente Feiern der jeweiligen Objekte. Kritiker haben ihm diese bewusst naive Sicht auf die Dinge stets vorgeworfen. Poliza, preisgekrönt, änderte in der Erkundung Südafrikas seine Arbeitsweise: Er fotografierte mehr Menschen als je zuvor. Neben die Tieraufnahmen - Elefanten, Eulen, Nashörnern - und Surfer-Stränden, Küsten-Paradiesen und Naturparks, die in einem breiten Prospekt die Postkartenreize Südafrikas auffächern, gehören auch die Appartement-Blocks in Johannesburg. Die Bewohner werfen ihren Müll aus dem Fenster, er sammelt sich in riesigen Bergen, deren Monstrosität sich dem Betrachter erschließt, wenn er sie von oben sieht.

Polizas wichtigstes Hilfsmittel ist wohl der Helikopter, mit ihm war er 2006 bereits von Hamburg nach Kapstadt geflogen. Unterwegs entstanden Bilder aus der Vogelperspektive, die erhaben waren und in seinem hochgelobten "Africa"-Band verewigt sind. Die Wirklichkeit sortiert sich auf diesen Bildern von oben immer neu. Der "Über"-Blick ist auch hinsichtlich der gesellschaftlichen Realität in Südafrika der einzig ermessende: wie reich die Wohlhabenden, wie arm die Deklassierten.

Es sind eben keine Klischees, in die abzurutschen Poliza laut eigener Aussage fürchtete, sondern eindrucksvolle Bilder des gesellschaftlichen Status quo: Villen, aneinandergereiht wie in einer pittoresken Spielzeugwelt, und Müllhalden, auf denen Menschen leben. Man muss die Punkte auf dem bunten Flickenteppich, den Poliza aus dem Hubschrauber aufgenommen hat, akribisch suchen, es sind Menschenköpfe. Polizas Fotos haben Muster und Strukturen, wer von oben blickt, dem offenbaren sich die Zusammenhänge. Heuballen ergeben ein Muster, Häuser in einer Siedlung für HIV-Positive auch. Ästhetisch ist auch das Schreckliche, sagt Poliza, das sagen seine Bilder. Aber dass es noch die Betrachtungen eines Optimisten sind, die sich in Polizas Buch äußern, ist offensichtlich. Ein Mann, der unter blauem Himmel einen Esel vor einer Karre antreibt, eine alte Frau, deren zerfurchtes Gesicht von den Schrecken des Englisch-Burischen Krieges erzählt, der Straßenfriseur in Bizana.

Die Menschen sehen nicht unglücklich aus; ein Klischee, genau das anzunehmen: dass sie unglücklich sein müssten. Poliza ist ein gefragter Mann in diesen Tagen, da die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika vor der Tür steht. Die Fans sorgen sich, die Zweifel an der Sicherheit Südafrika-Reisender sind da, und sie haben dafür gesorgt, dass der Kartenverkauf sehr schleppend läuft. Poliza würde die Bedenken gerne wegwischen, er sagt: "Es gibt in jedem Land der Welt Stadtteile, in die einer mit gesundem Menschenverstand nicht fährt." Er glaubt und hofft, dass viele Europäer Last-Minute-Flüge nach Südafrika nehmen werden. Bereuen dürfte den Trip niemand. Es gibt viel zu sehen, davon zeugt Polizas bildmächtige Ortsbegehung. "Südafrika ist ein unglaublich schönes Land", sagt Poliza.

Er hat ihm, zusammen mit seinen Kollegen, ein visuelles Denkmal gesetzt, und im Kleinen eben auch einen immer wieder verwunderten und neuen Blick auf das Land gerichtet. Es sind die einfachen Techniken, die Poliza einsetzt. "Zum hundertsten Mal ein Zebra zu fotografieren ist langweilig", erklärt der Fotograf. Also fotografiert er nur seine Schnauze. Oder drei Zebrahinterteile, die gleichzeitig den Schwanz anlegen.

Alles eine Frage des Blickwinkels.

Michael Poliza & Friends South Africa (TeNeues), 280 Seiten, 120 Fotos. 75 Euro (Soft Cover 29,90 Euro). Die Galerie Polizas befindet sich in der Jarrestraße 42a und ist Dienstag bis Freitag von 11 bis 18 Uhr, Sonnabend von 11 bis 15 Uhr geöffnet.