Literatur

Aus Hamburg, über Hamburg: Roman eines Liebhabers

Foto: Jürgen Vollmer

Der Hamburger Autor Daniel Dubbe beschreibt in "Jungfernstieg" eine typische Jugend und das Erwachen des Eros.

Hamburg. Daniel Dubbe redet gerne von "Vollmer", das ist sein alter Freund, den man in Hamburg nur als Beatles-Fotografen Jürgen Vollmer kennt. Dabei hatte Vollmer ein segensreiches Berufsleben und nicht nur englische Jungmusiker vor der Linse.

Vollmer tritt unter anderem in Dubbes neuem Buch auf, und das Porträtfoto Dubbes auf dem Cover ist sogar von Vollmer. Dubbe und Vollmer sind Weggefährten aus den Sechzigern, Jahren der Empfänglichkeit, in denen sie ihren Platz im Leben suchten. Für Vollmer war dieser Platz auch in Paris und in New York. Dubbe, der spätere Reisereporter, hatte seinen Hauptwohnsitz weiter in Hamburg. Heute trägt er die Haare etwas kürzer als 1961, damals wurde er in der Abiturrede als abschreckendes Beispiel angeführt. Dabei wollte er aussehen wie Belmondo in "Außer Atem". Dubbe erinnert sich gut daran, er sagt: "Der Direktor verglich mich auch mal mit Helmut Schmidt - aber eher wegen der Schnauze."

Daniel Dubbe hat etwas zu sagen. Über sein und in seinem Erinnerungsbuch "Jungfernstieg" (Verlag Maro), in dem es vor allem um eines geht: die Jagd nach erotischem Erfolg. Interessant ist, was der 68er Dubbe selbst über die Wahl seines Sujets sagt: "Die Politik wollte ich ganz rauslassen, da ist alles so abgedroschen."

Der Hamburger Autor gibt seinem nur knapp 120 Seiten großen Büchlein den Untertitel "Die Schüchternheit", und damit ist in zweierlei Hinsicht alles gesagt. Zum einen im Hinblick auf den hohen Integrationsfaktor dessen, was zwangsläufig folgen muss - wer hat schon Erfolg bei Frauen, gerade in jungen Jahren? Zum anderen ist die Schüchternheit des Zeitschriften-Herausgebers, Underground-Schreibers, Schriftstellers, Journalisten und Philologen Dubbe, der in Fuhlsbüttel Abitur machte, eine grundsympathische Voraussetzung seines Schreibens: Er behelligt die von vielen Buchneuerscheinungen geplagten Bibliophilen nicht mit einem Ritt durch die fast sieben Jahrzehnte seiner Vita (Dubbe ist 1942 geboren). Er beschränkt sich auf die ach so wilden 60er-Jahre, die sich bei ihm aber wie ein Kammerstück ausnehmen.

"Jungfernstieg" ist die Miniatur eines Lebenslaufs, wie er so und nicht anders stattfinden musste, wenn man - Daniel Dubbe ist. Ein Junge aus der Vorstadt, der zuerst bei der Tante, dann am Jungfernstieg wohnt: gescheit, lesesüchtig, offen und zurückhaltend zugleich, ein Selbstzweifler, der das Selbstbewusstsein eines jungen Mannes hat, der wahrscheinlich doch irgendwie weiß, dass sich die meisten Träume erfüllen werden. Am Ende der Dekade wird er ein Frauenheld sein.

Interessanter ist der amourenhungrige Jüngling am Anfang seiner erotischen Suche. Ein Porträt des Liebhabers als junger Mann, der wie ein dummer Junge durch Hamburg läuft, weil die Frauen fremde Wesen sind. Und obwohl die pornografische Gegenwart ganz anders ist als die noch in den bürgerlichen Konventionen gefangene Nachkriegszeit, so bleibt doch eines gleich: die Semiotik der Frauen.

Dubbe beherrschte sie nicht: "Ich begriff nie, was in diesem Moment der Verführung ablief. Ich konnte mir die Worte nicht merken, nicht die Codes, die ausgetauscht wurden." Bei Rachel kommt er kaum zum Zug, trotz Paris-Ausflug und der Tatsache, dass sie beide in der Partei der Existenzialisten sind. Mit Elsa tanzt er im Top Ten zu Beatmusik, sie zieht trotzdem ihren Freund vor. Elsa hat hohe Wangenknochen, und der knappe Pullover ist auch nicht unvorteilhaft. Die Jahre der sexuellen Entbehrung müssen durch etwas aufgewogen werden. "Dank Albert Camus war ich auf die Idee verfallen, eines Tages vielleicht Schriftsteller zu werden", schreibt Dubbe. Sartre (den er nicht richtig verstand, aber wer tut das schon), Pavese, Chandler, Robert Walser: Dubbe hat ein Heldengestirn. Und damals wusste er schon genau, dass sein Leben ein bisschen wie Literatur ist.

Nicht ganz so wie bei Kerouac, Ginsberg, Burroughs. Es gibt bei dem ungekünstelt erzählenden Dubbe keine Drogeneskapaden, keine Toten. Aber "gut eingefädelte Szenen, typisch für das Jahrzehnt und diese Jugend". Ihm sei, gesteht Dubbe und lächelt, beim Schreiben alles wie Fiktion erschienen, "ich finde das rätselhaft. Vielleicht ist die einzige Realität der Stil."

In Hamburg, sagt Dubbe, sei er "im Zentrum aller Dinge" gewesen. Und in der im Rückblick beneidenswerten Situation dessen, der das ganze, das tolle Leben noch vor sich hat. Der schönste Satz des Buches lautet: "Ich war nichts, hatte nichts und stellte nichts vor. Trotzdem war ich zuversichtlich und guter Dinge."

Das Jahrzehnt endet in der Eskapade, es hat sich alles gelohnt.