Die Eleganz der Madame Michel

Josiane Balasko ist Frankreichs Antiheldin

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Josiane Balasko erfüllt nicht die klassischen Kriterien einer Leinwandgöttin, aber ein Star ist sie trotzdem. Heute startet ihr neuer Film.

Hamburg. Auf den Leinwänden regieren die Göttinnen. Meist sind es grazile Wesen von beinahe überirdisch perfekter Schönheit. Frauen mit eher durchschnittlichen Konfektionsgrößen sind in Hollywood Mangelware. Aber auch im europäischen Autorenkino ist es für Anwärterinnen auf eine Filmkarriere hilfreich, dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen.

Josiane Balasko hat das nie interessiert. In Frankreich zählt sie zu den größten Stars im Filmgeschäft und zu den wenigen, die man auch im Ausland kennt. Obwohl sie nie ein Modelgesicht und auch keine Modelmaße vorweisen konnte. Der Part der Verführerin fiel ihr eher selten zu. Rollen wie die der kratzbürstigen, schon reichlich verwelkten Concierge in Mona Achaches Bestsellerverfilmung "Die Eleganz der Madame Michel", die diese Woche in unseren Kinos anläuft, schon eher. Eine Paraderolle für Balasko. Sie kann herrlich herablassend die Mundwinkel nach unten ziehen und einen verhärmten Blick aufsetzen. Die Maske hat ihr obendrein ein wollwestig-verwahrlostes Kostüm verpasst. Mit dieser Concierge diskutiert man besser nicht über den Müll.

Wer die heute 60-jährige Josiane Balasko persönlich trifft, muss schon zweimal hinschauen, um dieselbe Person wiederzuerkennen. Hellwach blickt sie durch eine viereckige Intellektuellenbrille. Aus jedem Satz sprüht Temperament und Leidenschaft. Sie lacht gerne und viel. "Ja, Madame Michel ist keine Person, die man häufig im Kino sieht. Vor allem als Frauenfigur", sagt Josiane Balasko. "Ich habe damit gar kein Problem. Ich sah nie wie ein Topmodel aus und habe eine Zeit lang nur Nebenfiguren gespielt. Irgendwann habe ich angefangen, mir die Hauptrollen selbst zu schreiben. Und jetzt? Je älter ich jetzt werde, desto mehr Rollen bekomme ich."

Mit einer Nebenfigur fing es tatsächlich an. Roman Polanski entdeckte die Balasko für seinen Film "Der Mieter" (1976). Danach drehte sie mit allen großen französischen Regisseuren. Mit Patrice Leconte, Claude Berri oder André Téchiné. Die Zusammenarbeit mit Bertrand Blier wurde für sie zum Meilenstein. In "Zu schön für dich" (1989) spielte sie eine Aushilfssekretärin mit derart viel Herzenswärme, dass Gérard Dépardieu als Autohändler dafür seine bildschöne Frau, gespielt von Carole Bouquet, links liegen ließ. Seither ist sie auf den Typus der Antiheldin festgelegt, bevorzugt als gute Freundin mit Problemen oder als Hausangestellte. Aber sie ist es gerne.

In Deutschland wurde sie vor allem mit der Komödie "Eine Frau für Zwei" (1995) bekannt, in der sie eine Frau spielt, die mit ihrer herben Ausstrahlung und Unkonventionalität eine Ehefrau zu einer lesbischen Beziehung verführt. Sie führte Regie, schrieb das Drehbuch und trug dafür einen César nach Hause. Seitdem schreibt und inszeniert sie regelmäßig für Film und Theater. "Ich glaube, der Film hat dazu beigetragen, dass Frauen heute in Hauptrollen nicht mehr unbedingt wie Topmodels aussehen müssen", sagt Josiane Balasko. Zumindest in Frankreich. "Unsere Filmindustrie ist unabhängig. Das sichert uns eine größere Vielfalt, als sie vielleicht in Hollywood herrscht", so die Schauspielerin. "Wir schaffen sympathische Figuren, wie Delon oder Belmondo, aber die wollen nicht gleich die Welt retten."

Sympathisch ist ihre Madame Michel auch erst auf den zweiten Blick. "Ich mag diese doppelte Fassade der Figur. Sie hat diese fast brutale Seite, einfach und fast ein bisschen dumm. Doch daneben hat sie auch eine verborgene Seite, kultiviert, belesen und sensibel." Auf der Leinwand erleben wir die Wandlung der Madame Michel, die durch die Erfahrung einer möglichen Liebe plötzlich einen seltsamen Glanz ausstrahlt. Sicher nicht alltäglich, wenn eine Frau ihre besten Jahre hinter sich hat. "Ach was", protestiert Josiane Balasko. "Ich glaube, dass auch mit 50 noch alles passieren kann. Ich jedenfalls bin noch lange nicht fertig."

Die Eleganz der Madame Michel ab heute im Kino, lesen Sie dazu die Kritik in Hamburg LIVE