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Integrationsprojekt

Wie Sport und Theater zum Familienersatz wird

Integrationsprojekt des Vereins Parkour Creation im Oberhafenquartier.: Yoko und Reza üben für eine Vorführung am 8. September  in der Parkour Halle

Integrationsprojekt des Vereins Parkour Creation im Oberhafenquartier.: Yoko und Reza üben für eine Vorführung am 8. September in der Parkour Halle

Foto: Marcelo Hernandez / MARCELO HERNANDEZ / FUNKE Foto Services

Akrobatik, Spaß und Integration: Geflüchtete und deutsche Jugendliche treffen sich wöchentlich beim Salon International in der Parkourhalle

Zwei Turnkästen bilden den Mittelpunkt der Show. Immer zu zweit und synchron springen junge Männer und Frauen über sie in der Parkourhalle im Oberhafenquartier. Vorwärtssalto, Überschlag, Hechtsprung, Radwende, dazwischen eine Hebefigur. Es sind scheinbar mühelose, fließende und sehr dynamische Bewegungen, die zu einem Gesamtkunstwerk werden sollen. Wie eine Dirigentin sitzt Rica Blunck am Hallenrand und gibt Anweisungen. Es sind nur noch ein paar Tage bis zur Vorführung am 8. September und die Choreografin sagt in einer Pause, als alle 20 Kurs-Teilnehmer vor ihr sitzen: „Nicht schlecht, aber da ist noch Luft nach oben.“ Reza und Belal schauen sie fragend an. Blunck erklärt den Spruch und so wird diese Übungsstunde auch immer wieder zum Deutschunterricht für die zehn Flüchtlinge, die am Kurs „Salon International“ des Vereins Parkour Creation mitmachen. Zweimal in der Woche bietet Rica Blunck diese offene Theatergruppe an, hier geht es nicht nur um Tanz, Spiel und Akrobatik, sondern vor allem auch um die Integration der jungen Männer zwischen 15 und 20 Jahren, die hier gemeinsam mit Deutschen trainieren. Mädchen mit Migrationshintergrund machen nicht mit. „Am Anfang, als wir hier aufgemacht haben, waren ein paar dabei. Aber die Eltern haben ihnen das leider verboten“, sagt Sebastian Ploog, Vorstand des Vereins. Er plant deswegen eine eigene „Wonderwomen“-Gruppe nur für Mädchen mit und ohne Fluchthintergrund, die im Oktober starten soll.

Beim Parkour überwindet man direkt Hindernisse

Integration ist für die Parkourhallenbetreiber ein ganz wichtiges Thema, seit sie mitten in der Flüchtlingskrise 2015 mit ihrem Projekt zunächst nur in einer Probephase in der HafenCity gestartet haben, seit 2017 ist „Die Halle“ offiziell geöffnet. „Sie wird super angenommen. Wir hätten auch viel Geld aus dem ganzen Unternehmen machen können, aber wir wollten eine Halle für alle, deswegen sind wir ein Verein“, sagt Ploog, der auch beim Salon International mitmacht. Parkour ist eine Technik, mit der man direkt und effizient die Hindernisse in der Umgebung zu überwinden lernt, in den Straßen sind es Mauern, Geländer, Treppen, in der Halle sind es unterschiedlich hohe Kästen, Matten, Stangen und Barren. „Jeder kann seine eigene Technik und seinen Weg entwickeln, um über ein Hindernis zu kommen, es gibt keine Regeln. Das stärkt enorm das Selbstbewusstsein“, sagt der 33 Jahre alte Sportwissenschaftler.

Für die Teilnehmer ist der Salon-International-Kurs kostenfrei, mit Spenden finanziert, und für einige von ihnen ist die Gruppe ein Familienersatz. So wie für Reza, der als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling aus Afghanistan nach Hamburg kam und über seine Schule von Rica und ihrem Theater-Parkour-Projekt erfuhr. „Als ich 2016 hierherkam, war ich schüchtern und tief unglücklich“, erzählt der 18-Jährige. „Das ist vorbei, denn hier bin ich nie einsam, sondern habe neue Freunde gefunden, die Atmosphäre ist toll und fröhlich. Und hier ist vor allem Rica.“ Die 55-Jährige ist Dreh- und Angelpunkt des Kurses, sie nimmt viele dieser Jungen sprichwörtlich in den Arm, hilft ihnen bei Behördengängen, bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz, spricht ihnen Mut zu, alles nebenbei in ihrer Freizeit. Für Reza hat sie sogar einen Vormund besorgt – ihre beste Freundin.

Dreh- und Angelpunkt der Gruppe ist Rica Blunck

Den Syrer Ali Ahmad hat Rica Blunck gleich bei sich zu Hause aufgenommen – und damit quasi „gerettet“, wie der 28-Jährige es formuliert. Der Schauspielstudent hatte zuvor schon in Damaskus Schauspiel studiert und war als Kriegsflüchtling in einem Dorf außerhalb von Flensburg gelandet. „Im Nirgendwo, es gab nichts zu tun – außer einer Tanzgruppe“, erinnert sich Ahmad. Mit der führte er syrische Volkstänze bei einem Festival in Altona vor. Rica sprach ihn an, ob er nicht beim Salon International mitmachen wolle. „Ich wollte Folk­loretänze mit in unsere Theatervorführungen einbauen, denn ich finde es wichtig, dass jeder sich mit seiner Kultur hier einbringen kann“, sagt die Choreografin, die auf Kampnagel eine eigene Tanzkompanie hatte. Deswegen lud sie Ali Ahmad vor drei Jahren ein, vorerst bei ihr zu wohnen. Er nahm in Hamburg weiter Schauspielunterricht, ist in wenigen Wochen damit fertig und hat schon ein erstes Engagement in einem Stück am Schauspielhaus. Zudem arbeitet er als Trainer in der Parkourhalle. „Ich habe so mein Selbstbewusstsein wiedererlangt und diese Gruppe hat mir enorm bei meinen Sprachkenntnissen geholfen. Ich bin Rica unfassbar dankbar“, sagt Ahmad in fließendem Deutsch.

Deutsche und Geflüchtete profitieren gleichermaßen von der Gruppe

Doch nicht nur die Geflüchteten profitieren von dem Kurs, auch für die beiden 16-Jährigen Ben und Yoko ist das offene Theaterensemble ein Gewinn. Ben ist mit Reza befreundet und findet es spannend, dass hier so viele verschiedene Nationen miteinander trainieren. „Das verbindet ungemein“, sagt der Gymnasiast. „Ich habe viel über Ramadan gelernt und von anderen Kulturen“, erzählt Yoko. Allerdings auch, dass die jungen Männer sich anfangs schwertaten, ihr die Hand zu geben oder sie gar für eine Hebefigur beim Tanz hochzuheben. „Das war schon komisch, inzwischen sind die meisten aber locker“, sagt das Mädchen. Rica Blunck und Sebastian Ploog empfanden diese Scham der Jungen am Anfang als belastend. „Wir haben bewusst Duetts mit Jungen und Mädchen gebildet. Doch manche konnten wir nicht davon überzeugen, dass es für deutsche Mädchen völlig okay ist, angefasst zu werden. Das hat schon ein Jahr gedauert, bis nun alle damit gut umgehen können“, sagt Blunck. Für die, die schon länger bei ihr mitmachen und auf die Verlass beim Training ist, gibt es die Möglichkeit, Mitglied im Verein zu werden. Die Beiträge werden von einem Integrationsfonds, den auch der Abendblatt-Verein mitfinanziert, übernommen. Der 16 Jahre alte Belal aus Syrien ist seit einem halben Jahr dabei und würde gern öfter als zweimal die Woche kommen: „Das ist mein Hobby und ich mag vor allem, dass hier völlig egal ist, wer du bist, ob Deutscher oder Flüchtling, alle sind gleich.“

Am 8. September feiert das Oberhafenquartier von 12–20 Uhr den „Tag des Oberhafens“, Stockmeyerstraße 41–43, Eintritt: 3 Euro, Kinder frei. Der Salon International wird um 13.30 Uhr in der Parkourhalle seine rasante Show zeigen.