Senioren-Projekt

„Das ist so schön hier, ich könnte weinen“

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Sabine Tesche
Die Seniorinnen und Senioren aus Wohnanlagen der Fluwog Baugenossenschaft hatten viel Spaß beim Ausflug

Die Seniorinnen und Senioren aus Wohnanlagen der Fluwog Baugenossenschaft hatten viel Spaß beim Ausflug

Foto: Sabine Tesche / Sabine Tesche (FMG)

Sie waren im Lockdown besonders isoliert: Für Bewohner aus elf Seniorenwohnanlagen organisierte der Abendblatt-Verein Ausflüge.

Als der Reisebus in die Straße Palmaille einbiegt, deutet Helga Selk auf den Mittelstreifen. „Da fuhr mal eine Straßenbahn“, sagt die 88-Jährige. Sie wird zunehmend aufgeregter, je näher die Landungsbrücken kommen. „Ich bin auf der Veddel aufgewachsen, nun habe ich solche Sehnsucht nach der Elbe und dem Hafen. Da kommt ein ganzer Rucksack voller Erinnerungen hoch“, sagt sie, während sie auf den glitzernden Strom schaut, aus dem sich die Elbphilharmonie prominent hervorhebt.

Seit Jahren war die alte Dame nicht mehr in der HafenCity. Eine schwere Sepsis musste sie überstehen und 2020 hielt sie sich wegen der Corona-Pandemie überwiegend in ihrer kleinen Wohnung auf, versuchte dort das Gefühl von tiefer Einsamkeit wegzuschieben. „Wir durften ja niemanden sehen“, sagt sie leise. So genießt sie nun gemeinsam mit den anderen 28 älteren Menschen aus zwei Niendorfer Seniorenwohnanlagen der Baugenossenschaft Fluwog den vom Abendblatt-Verein organisierten und gesponserten Halbtagesausflug ganz besonders.

Stadtrundfahrt mit anschließendem Mittagessen

Zum Programm gehört eine geführte Stadtrundfahrt durch die HafenCity und die neue Mitte Altona mit einem abschließenden Mittagessen am Willkomm Höft im Neuen Schulauer Fährhaus in Wedel. Die Idee dahinter ist, ausgesuchten Hamburger Seniorenanlagen, deren Bewohner wenig Geld haben und die besonders von den Corona-Maßnahmen betroffen waren, eine kleine Freude mit einem Ausflug zu machen – elf Wohnanlagen haben sich daran beteiligt.

Sie alle machen seit Jahren beim Gemeinschaftsprojekt des Abendblatts und des Hamburger Sportbunds „Mach mit – bleib fit!“ mit. Doch auch diese Bewegungskurse für Hochbetagte mussten mehr als ein Jahr wegen Corona pausieren. „Ich war von Anfang an bei dem Sitzgymnastikkurs dabei, da wurde so viel gelacht, das war für mich immer ein Highlight in der Woche. Nun hat er wieder angefangen, zum Glück. Ich habe das Angebot und vor allem die sozialen Kontakte so vermisst, das war ein schreckliches Jahr“, sagt Selks Sitznachbarin Ingrid Didschun.

Ihr Mann ist im April 2020 gestorben, sie hat ein Trauerjahr hinter sich, dazu ist sie stark gehbehindert. „Außer zur Krankengymnastik komme ich kaum aus der Wohnung. Mein letzter Ausflug ist bestimmt fünf Jahre her, für Gehbehinderte gibt es ja kaum Angebote“, sagt die 86-Jährige. Deswegen hat sie auch sofort zugesagt, als es hieß, auch mobil eingeschränkte Senioren könnten an dem Ausflug teilnehmen.

Große Sehnsucht nach Gemeinschaft

Denn der komfortable Bus ist behindertengerecht mit einem elektrischen Rollstuhllift ausgestattet, maximal acht Rollifahrer können mitkommen. Didschun und Selk gehen, wie mehr als die Hälfte der Teilnehmer, am Rollator. „Vor dem Corona-Jahr hatten wir neben der Gymnastik etliche Angebote in der Woche, die haben dem Tag Struktur gegeben. Das fiel alles weg, insgesamt gab es eine große Vereinsamung unter den Bewohnern“, sagt Maren Nehls, die das Sozialmanagement bei der Fluwog leitet. „Wir sind während der Corona-Zeit immer mal bei Einzelnen vorbeigegangen, haben was vor die Tür gelegt, Briefe geschrieben.

Die Sehnsucht nach Gemeinschaft ist riesig. Als wir den Ausflug des Abendblatt-Vereins angekündigt haben, war die Resonanz groß, die meisten Plätze waren am ersten Tag schon belegt“, berichtet die Diplom-Pädagogin.

Lange nicht mehr so glückliche Gesichter gesehen

Andere Seniorenheimleiterinnen berichten übereinstimmend davon, dass die nicht gelebte Gemeinschaft enorme gesundheitliche Folgen auf die Bewohner gehabt habe. „Man kann bei vielen den körperlichen und psychischen Verfall sehen. Demente sind noch dementer geworden, die Hörgeschädigten hören noch schlechter, da sie kaum Ansprache hatten. Und es ist schwieriger, die Senioren aus ihren Wohnungen rauszubekommen, etliche sind noch ängstlicher geworden, trauen sich weniger zu“, berichtet Nicole Baumotte, Leiterin des Max-Brauer-Hauses. 35 Bewohner ihrer Bramfelder Wohnanlage haben eine Woche nach den Niendorfern den Abendblatt-Ausflug mitgemacht.

„Ich habe lange nicht mehr so viele glückliche, strahlende Gesichter gesehen, die Seniorinnen und Senioren waren so dankbar für diese Gelegenheit“, berichtet Baumotte. Die Stimmung sei nach dem Ausflug so überschwänglich gewesen, dass die Teilnehmer auf der Rückfahrt zur Seniorenwohnanlage lautstark gesungen hätten. Jasmin Birdöner, die mit Bewohnern vom Gagfah-Hesse-Haus im September unterwegs war, berichtet von einem Bewohner, der ihr freudestrahlend erzählt habe, dass er durch die Corona-Pandemie ängstlich und motivationslos geworden war und dass er durch die Ausfahrt neuen Mut geschöpft habe und wieder sehr motiviert nach vorne schaue.

Lauter neue Erfindungen auf der Straße

„Mit meinem Rollator passe ich da wohl nicht rein“, sagt unterdessen Helga Selk lachend. Sie deutet auf den kleinen autonom fahrenden Bus, der vor der Speicherstadt hält und gerade von einem jungen Mann mit einem Elektro-Lastenrad überholt wird, aus dem drei kleine Kinder fröhlich winken. „Was es heute nicht alles gibt“, sagt Selk kopfschüttelnd. Stadtführer Malte Michlich zeigt auf den RiverBus, der nicht nur auf der Straße, sondern auch im Wasser fahren kann, und erklärt die neuen Gebäude und Entwicklungen, die Hamburgs jüngster Stadtteil aufweist.

Die meisten der Seniorinnen und Senioren kennen die Elbphilharmonie, doch die rasanten Veränderungen der HafenCity haben sie nicht mitbekommen. „Den Wandel hier finde ich spannend, aber ich liebe die Speicherstadt, da wehte früher immer ein Duft von geröstetem Kaffee durch“, erinnert sich Helga Selk. Etwas irritiert zeigen sie und ihre Sitznachbarin sich von dem Konzept der Neuen Mitte Altona, in dem es große, familienfreundliche Wohnblöcke gibt. „Das sieht riesig und anonym aus, das gefällt mir nicht so“, sagt Didschun, während Selk zustimmend nickt.

Auf der Fahrt Richtung Wedel stellt die erfahrene Abendblatt-Reiseleiterin Marion Röhsel das Willkomm Höft mit seiner Schiffbegrüßungsanlage vor, erklärt, dass Kapitäne in der Kommandozentrale den Gästen des Neuen Schulauer Fährhauses über Lautsprecher vielfältige Informationen über das Schiff, das vorbeifährt, liefern.

Die älteste Teilnehmerin ist 93 Jahre alt

Ingrid Didschun bekommt feuchte Augen beim Anblick des schönen Restaurants. „Hier war ich zuletzt vor 40 Jahren mit meinem Mann und den beiden Kindern.“ Die drei begleitenden Betreuerinnen helfen ihr und den anderen Seniorinnen aus dem Bus, vor dem Rollatoren in allen Farben und Ausstattungen aufgereiht sind.

Ganz behutsam lässt Busfahrer Bodo Offenborn den Rollstuhllift mit Hannelore Greve herunter. Die 93-Jährige ist die älteste Teilnehmerin bei dieser Tour. Immer wieder schießt das Rheuma in ihre Gelenke, die Schmerzen sind permanent da, tapfer beißt sie die Zähne zusammen.

Zuerst hatte sie sich nicht getraut, mitzukommen

Zuerst wollte sie nicht mit auf den Ausflug. „Ich habe mir das nicht zugetraut. Aber meine Nachbarin hat mich überredet“, erzählt Frau Greve und zeigt auf Hannelore Ligmann, die sie gleich darauf mit dem Rollstuhl in den lichtdurchfluteten Speiseraum schiebt.

Die Senioren und Seniorinnen können zwischen leckerem Fisch, Fleisch oder einem vegetarischen Gericht wählen, Kellner wuseln herum, die alten Menschen genießen sichtlich, so umsorgt zu werden. Als sich das erste große Containerschiff tutend vorbeischiebt, laufen Hannelore Greve die Tränen über das Gesicht: „Dieser Ausflug ist etwas ganz Besonderes. Das ist so schön hier, ich könnte weinen.“