Die Stadtteilserie

Eilbek

| Lesedauer: 7 Minuten
Sven Kummereincke

Mittendrin und trotzdem kaum bekannt. Aber dies soll sich gründlich ändern.

Vielleicht sollten sie es machen wie die Tonndorfer. Jahrzehntelang hatte die Bahnstation der R 10 an der Strecke Hamburg-Lübeck Wandsbek-Ost geheißen, seit ein paar Jahren trägt sie den Namen des Stadtteils. Und deswegen ist der Bekanntheitsgrad Tonndorfs kräftig gestiegen. Der erste Halt der R 10 nach dem Hauptbahnhof hat noch immer seinen traditionellen Namen: Hasselbrook. Und eben nicht Eilbek. Genauso wenig wie die anderen sechs U- und S-Bahn-Stationen des Stadtteils - Eilbek steht nirgends drauf.

Umgekehrt verhält es sich mit dem Krankenhaus, den Schön-Kliniken Eilbek, und dem Eilbekkanal. Da steht's zwar drauf, ist aber irgendwie falsch: Beides liegt in Barmbek-Süd. Und deswegen gehört die spannende Geschichte der 1864 fertiggestellten "Irrenanstalt Friedrichsberg", der modernsten und fortschrittlichsten ihrer Zeit, streng genommen gar nicht hierher. Nehmen wir's locker. Erwähnt sei deshalb, dass man dort auf Zwangsjacken und Fenstergitter verzichtete (was als geradezu revolutionär, wenn nicht verrückt galt) und so illustre Patientinnen wie die Zitronenjette hatte. Und dass jeder, der irgendwo in Hamburg eine dumme Antwort gab, als "Friedrichsberger" verspottet wurde. Da hat Eilbek bei der Namensgebung der Anstalt also noch mal Glück gehabt.

Die Vision vom Szenestadtteil

Wenn also nicht für Irre, wofür steht Eilbek dann eigentlich? Für einen Szenestadtteil mit vielen Studenten und Kreativen. Okay, noch nicht. Aber spätestens 2030. Davon ist zumindest Thomas Ritzenhoff überzeugt, der Leiter des Bezirksamts Wandsbek. "Viele werden merken, dass es von der Ritterstraße nicht weiter in die Innenstadt ist als vom Schulterblatt oder von der Osterstraße", argumentiert er. Und weil dort die Mieten immer weiter stiegen, kämen viele junge Leute dann eben nach Eilbek.

+++ Zahlen & Fakten +++

+++ Kurz & knapp +++

+++ Name & Geschichte +++

+++ Töchter & Söhne +++

Behält er recht, dann steht der 1,7 Quadratkilometer große Stadtteil mit seinen gut 20 000 Einwohnern vor einem Boom. Und das wäre nicht der erste. Vor 150 Jahren begann Eilbek nämlich in einem Tempo zu wachsen, das wirklich als atemberaubend zu bezeichnen ist. Aus einem kleinen Dorf mit ein paar Hundert Einwohnern und reichlich Acker- und Grünfläche wurde binnen weniger Jahrzehnte der dicht besiedelte Teil einer Großstadt. Ursachen waren die Industrialisierung und der Große Brand in Hamburg 1842. Die Stadt brauchte dringend Flächen zur Bebauung, weil die engen und übervölkerten Gassen - der Grund für die rasche Ausbreitung des Feuers - der Vergangenheit angehören sollten.

Die Zahlen des Wachstums in Eilbek sind beeindruckend. 1856 lebten hier rund 500 Menschen, 18 Jahre später schon zehnmal so viele. Bis 1900 war die Einwohnerzahl schon auf 30 000 gewachsen, und bis 1920 sollte sie sich noch einmal verdoppeln. "Wachsende Stadt" war damals kein politischer Slogan, sondern Realität.

Hatte Eilbek die Folgen des Großen Brands noch mittelbar zu spüren bekommen, traf der Feuersturm der Bombennächte im Juli 1943 die Menschen grausam direkt. Der Stadtteil wurde zu mehr als 90 Prozent zerstört. Das ist bis heute sichtbar, denn bei der Bebauung überwiegt der schlichte Stil der Nachkriegszeit, als es darum ging, möglichst schnell möglichst viele Wohnungen zu bauen. Vielleicht liegt es daran, dass viele Hamburger mit Eilbek nicht so recht etwas verbinden können. Zumal die meisten nur durchfahren, was an der Lage mitten auf der Verkehrsachse Hamburg-Lübeck liegt. Die Bahnlinie ist zugleich die südliche Grenze, die sechsspurige Wandsbeker Chaussee zerschneidet den Stadtteil in der Mitte. Und da Eilbek im Osten und Westen quasi nahtlos in Wandsbek beziehungsweise Hohenfelde übergeht, fehlt das Spezielle, mit dem man den Stadtteil charakterisieren könnte.


Suche nach einer Identität

Gibt es also so etwas wie eine Eilbeker Identität gar nicht? "Wir versuchen, so etwas zu schaffen", sagt Michael Pommerening. Der Rechtsanwalt ist das, was man einen engagierten Bürger nennt. Er hat diverse Bücher über die Stadtteile Wandsbek und Eilbek geschrieben, engagiert sich im Eilbeker Gesprächskreis und war einer der Väter der "Tafelrunde". Gemeinsam mit dem Eilbeker Original Karl-Heinz Meier hat er dafür gesorgt, dass 44 Tafeln im Stadtteil aufgestellt wurden, die einen historischen Rundgang ergeben. Bald soll auch eine Geschichtswerkstatt entstehen. Das wichtigste Forum im Stadtteil ist der Eilbeker Gesprächskreis, in dem Vereine, Kirchen, Politik, Geschäftsleute und Bürger viermal im Jahr zusammenkommen.

Einschneidende Veränderungen stehen aber erst einmal nicht an. Eilbek ist mit gut 20 000 Einwohnern ohnehin schon der am dichtesten besiedelte Stadtteil im Bezirk Wandsbek, Brachflächen gibt es nicht. Und da niemand den Jacobipark bebauen will, bleibt nur die Nachverdichtung, der enge Grenzen gesetzt sind. Und da ist noch das Problem mit dem Wohnungsbestand, der größtenteils aus der Nachkriegszeit stammt. Entsprechend sind die meisten Wohnungen nicht besonders groß. "Das macht es für Familien mit Kindern schwer, nach Eilbek zu ziehen", sagt Pommerening.

Perfektes Umfeld für Familien

Dabei ist es für sie eigentlich ein ideales Quartier. Denn die soziale und kulturelle Infrastruktur ist richtig gut. Es gibt vier Schulen, diverse Kitas und mehrere Jugendtreffs. In der Kinder- und Jugendarbeit sind vor allem die beiden evangelischen Gemeinden - die Friedenskirche-Osterkirche und die Versöhnungskirche - engagiert. Und natürlich die Sportvereine: der Sport-Club Eilbek (SCE), der 2013 sein 100-jähriges Bestehen feiert, und der schon 132 Jahre alte Turnerbund Hamburg-Eilbeck, der aus Tradition noch das "ck" im Ortsnamen trägt.

Mit dem Fundus-Theater für Kinder hat Eilbek auch eine Bühne. Zusammen mit dem Opernloft, das allerdings 2010 von der Eilbeker Conventstraße an die Fuhlentwiete in die Innenstadt zog, knüpft sie an die Tradition des Theaters 53 an, das bis zu seiner Schließung 1965 manchen als das fortschrittlichste in Hamburg galt. Dort begannen Uwe Friedrichsen, Hans Scheibner und Claus Peymann ihre Karrieren. Da es nur 132 Plätze gab, war das Theater ein Minusgeschäft und endete in der Pleite.

Das ist in den vergangenen Jahren auch einigen Ladeninhabern passiert. Die Kaufleute leiden unter der Konkurrenz am Wandsbeker Markt und an der Mundsburg. "Wir haben leider viel Leerstand", sagt Uwe Becker von der Interessengemeinschaft der Kaufleute, die für den Standort wirbt.

Aber vielleicht behält Bezirksamtsleiter Rieckhoff ja recht, und Studenten und junge Kreative entdecken Eilbek. Dann wird sich das mit dem Leerstand von ganz allein erledigen.

+++ Der Stadtteil-Pate: Sven Kummereincke +++

In der nächsten Folge am 18.7.: Sinstorf . Die Serie finden Sie auch unter www.abendblatt.de

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