Poppenbüttel

Raus aus der Schmuddelecke: der Kondomautomat in der Schule

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs mit Daniel Nagel (l.) und Marlon Jost von der Initiative Jugend gegen Aids

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs mit Daniel Nagel (l.) und Marlon Jost von der Initiative Jugend gegen Aids

Foto: Annabell Behrmann / HA

Die Aufklärungsinitiative Jugend gegen Aids hat den ersten von hundert Automaten für Schulen in ganz Deutschland eingeweiht.

Hamburg. Das ist keine neue Wasserbombenmaschine“, warnt Schulleiter Dominik Teckentrup mit einem Augenzwinkern. Seine Schüler stecken die Köpfe zusammen und kichern. An der Wand der Pausenhalle des Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums hängt seit Dienstagmorgen ein quietschbunter Kondomautomat. Darauf steht in dicken Buchstaben: „Für jeden Lümmel gibt es das passende Kondom.“

Das Gymnasium in Poppenbüttel wurde als erste Schule mit so einem Automaten ausgestattet. Insgesamt hundert Stück verteilt die Aufklärungsinitiative Jugend gegen Aids (JGA) in ganz Deutschland. Bis spätestens Februar können Kondome in teilnehmenden Schulen für gerade einmal 20 Cent erworben werden. „Wir stellen in unseren Workshops immer wieder fest, dass viele Jugendliche beim Kondomkauf vor großen Hürden stehen“, sagt JGA-Vorstandsmitglied Marlon Jost. Entweder seien die Verhütungsmittel zu teuer, peinlich zu kaufen, oder man wisse nicht, wo es sie gibt. „Deswegen wollen wir es den Schülern einfacher machen“, erklärt Jost.

Johannes Kahrs unterstützt die Initiative

Kondome zum Schnäppchenpreis in der Pausenhalle – funktioniert das? „Als ich zur Schule gegangen bin, das ist schon etwas länger her, hat man über Kondome nicht gesprochen. Und sie meistens auch nicht benutzt“, erzählt Johannes Kahrs. Der SPD-Bundestagsabgeordnete unterstützt die Initiative Jugend gegen Aids seit einigen Jahren als Beiratsmitglied. „Viele Jugendliche finden es immer noch peinlich, Kondome zu kaufen. Dabei sind sie ganz normale Gebrauchsgegenstände. Man geht schließlich auch nicht ohne seine Strümpfe aus dem Haus“, sagt Kahrs. Wieder schmunzeln die Schüler.

Hemmungen scheinen die meisten von ihnen nicht zu haben. Mutig marschieren die Schülervertreter zum Automaten, stecken 20 Cent in den Schlitz und präsentieren das Kondom in moderner Designverpackung. Auch bei den meisten Eltern des Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums kommt das Projekt gut an. „Es ist eine super Idee. Die Kondombeschaffung gestaltet sich für junge Menschen oft kompliziert“, sagt Andrea Salzbrunn, Andrologin und Mitglied des Elternbeirats. Der Automat solle so offensiv wie möglich angebracht werden. „Damit auch wirklich jeder Schüler Zugang hat und der Peinlichkeitsfaktor sinkt.“

Kondomautomat raus aus der Schmuddelecke

Eine gemeinsame Studie der JGA und der Dating-App Lovoo hat ergeben, dass 29,7 Prozent der Jugendlichen in Deutschland nicht mit einem Kondom verhüten. Außerdem haben nur 25 Prozent die Fragen zu sexuell übertragbaren Krankheiten richtig beantwortet. Zwar sind die Deutschen mit elf Jahren im Durchschnitt in Europa am frühsten aufgeklärt, aber nur 30 Prozent der Befragten gaben die Schule als Ort der Aufklärung an.

„Bei der Zunahme von Geschlechtskrankheiten ist ein Kondomautomat nicht nur reine Verhütung, sondern eine aktive Gesundheitsvorsorge“, sagt Schulleiter Teckentrup. Das Thema gehöre nicht mehr in die Schmuddelecke, sondern in die Öffentlichkeit. Auch Johannes Kahrs sagt: „Vielleicht sollten wir in unserer SPD-Zentrale im Kurt-Schumacher-Haus auch einen Kondomautomaten aufbauen.“