Flüchtlinge in Hamburg

Torsten Niehus ist der Spendenverteiler von Jenfeld

Das Jugendzentrum
Jenfeld unter der
Leitung von Torsten
Niehus ist momentan
vor allem eine
Anlaufstelle für
Flüchtlinge

Das Jugendzentrum Jenfeld unter der Leitung von Torsten Niehus ist momentan vor allem eine Anlaufstelle für Flüchtlinge

Foto: Andreas Laible / HA

Niehus koordiniert die Hilfe der Abendblatt-Leser für Flüchtlinge, die wegen Krätze neue Kleidung brauchen.

Hamburg.  Der dunkelhäutige Junge mit dem schwarzen Schopf kann zwar nicht lesen, was auf dem Schild im Fenster steht – trotzdem schaut er immer wieder hin. Denn sobald eine der Mitarbeiterinnen aus dem Jugendzentrum Jenfeld es um 15 Uhr von „geschlossen“ auf „geöffnet“ dreht, darf er hinein in das Haus, das für ihn und andere Flüchtlinge aus der Zeltunterkunft Jenfelder Moorpark zu einer wichtigen Anlaufstelle geworden ist.

Im Jugendzentrum können sie WLAN, Playstation und Tischkicker nutzen, an den eigens für sie eingerichteten Bastel-, Spiel- und Sprachangeboten teilnehmen, sich Sandwiches für 30 Cent kaufen oder ein paar Worte mit den Mitarbeitern radebrechen.

Täglich kommen mehr als 120 Flüchtlinge – meist junge Männer, aber auch Frauen mit Kindern. Ihre Betreuung ist für Jugendzentrums-Leiter Torsten Niehus und sein Team eine enorme Herausforderung. „Ehrlich gesagt, ist es ein Riesen-Mega-Ding“, so Niehus, bei dem mittlerweile die Fäden der Flüchtlingshilfe in Jenfeld zusammenlaufen. „Aber sich da einzubringen, ist sinnvoll. Wir sind schließlich die Einrichtung vor Ort.“ Und so sind er und seine Mitarbeiterinnen am ersten Tag zur 100 Meter entfernten Erstunterbringung gezogen, haben auf den davor liegenden Grünflächen mit den Kindern gespielt und sie und ihre Familien ins Jugendzentrum eingeladen. Durch Gespräche mit kritischen Anwohnern konnten sie dazu beitragen, eine bessere Stimmung zu schaffen. 150 Ehrenamtliche bieten den Flüchtlingen mittlerweile Unterstützung und Abwechselung im Alltag an. Zehn Gruppen mit verschiedenen Angeboten haben sich gebildet, die von Torsten Niehus koordiniert werden.

In Kooperation mit „Fördern & Wohnen“ stimmt Niehus auch die Arbeit der Kleiderkammern aufeinander ab. Und da in der Erstaufnahme die Hautkrankheit Krätze ausgebrochen ist, hat er diese Woche eine große logistische Aufgabe vor sich: Am heutigen Dienstag und am morgigen Mittwoch werden sich jeweils 50 ehrenamtliche Helfer die verbliebenen Spenden der Abendblatt-Leser vornehmen (immerhin acht LKW-Ladungen) und diese in dem von Hermes zur Verfügung gestellten Bramfelder Zentrallager sortieren. Die Aktion dient dazu, dass alle Flüchtlinge in der von Krätze befallenen Zeltunterkunft mit neuer Kleidung und Bettwäsche ausgestattet werden können, wenn sie Sonnabend mit den lange erwarteten Tabletten gegen die Krankheit behandelt werden können. Niehus hat die Sortierhelfer zusammengetrommelt – unter anderem per Facebook-Aufruf.

Wenn die Schule wieder losgeht, wird es im Jugendzentrum eng

Angst, sich selbst anzustecken, hat Niehus nicht. „Krätze, Läuse, Flöhe – das gibt es in einem Jugendzentrum immer wieder mal“, sagt er. Sorgen bereitet ihm und Manfred Gans, dem Geschäftsführer des Trägers Quadriga, vielmehr der nahende Schulanfang. „In den Ferien war hier Platz für die Flüchtlinge, weil unsere eigentliche Klientel im Urlaub war“, so Gans. „Ab Donnerstag lautet unsere Aufgabe wieder, uns täglich um bis zu 300 Kinder und Jugendliche aus der Umgebung zu kümmern. Dafür erhalten wir schließlich unser Geld.“

Noch aber nehmen die Flüchtlinge das Jugendzentrum in Beschlag. Kaum öffnet Mitarbeiterin Isabel die Tür, strömen die ersten hinein. Der schwarzhaarige Junge ist als erster an den drei hochbegehrten Computern – sein frühes Kommen hat sich ausgezahlt. Andere setzen sich mit ihren Handys an die Tische, kickern oder kaufen sich was zu essen.

„Wir versuchen, den Flüchtlingen zu erklären, dass es sich hier um eine besondere Einrichtung handelt, die eigentlich für eine andere Klientel da ist“, sagt Torsten Niehus. Um niemandem die Tür zu weisen, suche man derzeit nach Lösungen für die älteren Flüchtlinge. In Kooperation mit anderen Einrichtungen im Stadtteil, darunter Bürgerhaus, Kulturinitiative und Kaffeekanne, plane man sowohl Angebote für Jugendliche ab 18 Jahren als auch welche für Erwachsene. Um die jüngeren Flüchtlinge werden sich Torsten Niehus und seine Mitstreiter aber wohl weiterhin kümmern können. Auch wenn der Einsatz das ehrenamtliche Engagement von Niehus (mittlerweile bereits täglich rund drei Stunden zusätzlich zu seinem Job als Leiter des Jugendzentrums) weiter erhöhen werde. „Einer muss es ja tun“, sagt er und lacht. „Und außer mir war eben keiner da, der gesagt hat: Ich mach’s.“