Interview-Reihe

Tina Uebel: "Ich könnte in keiner anderen Stadt leben"

Die Schriftstellerin ist ein Hamburger Urgestein. Im Abendblatt spricht sie über den Hamburger Schnack, den Hafen und warum sie immer zurückkommt.

Hamburg. Schriftstellerin Tina Uebel ist ein norddeutsches Urgestein, sie liebt den Hamburger Schnack und den Hafen. Und obwohl sie gern an die ungewöhnlichsten Orte reist, zieht es sie immer wieder nach Hamburg zurück. Denn für sie gibt es nur eine Heimat: die Hansestadt Hamburg.

Tina, du bist Vollbluthamburgerin, du bist hier geboren und hier aufgewachsen. Was verbindest du als erstes mit Hamburg, wenn du an die Stadt denkst?

Tina Uebel: Ich glaube, Hamburg dreht sich für mich viel um den Hafen. Ich bin so richtig norddeutsch sozialisiert, ich tendiere zum Hafen und kann Städte nicht begreifen, die keinen Hafen haben. Der ist für mich das Zentrum und der Mittelpunkt des Stadtgesprächs. Und nicht nur der konkrete Ort "Hafen" zieht mich an. Ich glaube, dass Menschen aus Hafenstädten auch eine andere Mentalität haben, weil sie über Jahrtausende den Einfluss anderer Kulturen hatten und diese Weltoffenheit, die damit einhergeht. Für mich ist Hamburg der Hafen und wie sich das in Mentalität und Humor niederschlägt.

Welche Marotten haben die Hamburger deiner Meinung nach?

Uebel: Was ich an Hamburg hasse, ist das geringe Bewusstsein für das Erbe der Stadt. Das große, architektonische Plattmachen ohne Sinn und Verstand stört mich. Und das ist auch keine Entwicklung der letzten Jahre. Wie ein begabter und belesener Freund so schön sagte: Hamburg hat schon immer gerne mal die halbe Stadt niedergerissen, aus irgendwelchen Gründen, zum Beispiel, weil es gerade mal nicht opportun ist.

Und was liebst du dafür besonders an der Stadt?

Uebel: Den Hamburger Schnack. Da sind wir natürlich auch beim Humorverständnis, diese sehr trockene, norddeutsche Art und Weise. Diese Schnack-Kultur ist so lebendig, gerade hier auf St. Pauli. Man kann überall stehen bleiben und erst einmal einen kleinen Schnack halten. Es hat beinahe etwas Dörfliches. Wobei es manchmal auch nervig sein kann, wenn ich nur kurz 'ne Tüte Milch im Supermarkt kaufen will und dann überall erst einmal auf 'nen Schnack stehen bleiben muss (lacht). Damit meine ich nicht das typische: Man, das Wetter ist ja wieder schlecht, sondern eben mit diesem typischen Schnack-Habitus, dem Witz und den trockenen Kommentaren. Das liebe ich ohne Ende.

Wenn du hier in Hamburg bist und schreiben willst: Woher bekommst du deine Inspiration?

Uebel: Ich kann nicht sagen, dass mich alles inspiriert. Ich lese unheimlich viel, ich bin seit Jahrzehnten ein Groupie von theoretischer Physik und habe mich auch mal länger mit Comics beschäftigt. Die Inspiration, oder vielleicht eher Ansammlung von Weltwissen, das ist etwas, was automatisch passiert. Ich stelle mir das vor wie einen großen Staubsauger, mit dem ich Wissen einsammle. Und wenn ich dann schreibe, ziehe ich mich zurück und habe sozusagen einen großen Hangar Staubsaugertüten voller Welterfahrung. Die kann ich dann ausschütten und entscheiden, was zu einem Romangedanken oder einer Erzählung passt.

Also ist Hamburg in diesem Sinne auch ein Teil von einem solchen Staubsaugerbeutel?

Uebel: Klar. Ich reise ja unheimlich viel und das ist ein ganz wesentlicher Teil meines Schreibens, aber auch meiner Person. Ich wusste als kleines Kind schon immer, dass ich viel reisen wollte und dachte, das sei normal. Ich hab lange gebraucht, um festzustellen, dass es Leute gibt, die das ganz anders sehen. Ich habe ganz furchtbar viel Fernweh, finde es aber auch wichtig, eine Heimat zu haben. Ein Zuhause, wohin man zurückkommen kann. Und das ist für mich definitiv Hamburg, ich könnte in keiner anderen Stadt leben. Und ich glaube auch nicht, dass ich in Hamburg woanders leben wollen würde als auf St. Pauli.

Womit muss man rechnen, wenn man direkt auf dem Kiez wohnt?

Uebel: Ich glaube, man darf einfach nicht damit rechnen, dass man Sonnabend um Mitternacht zum Gesang der Nachtigall einschläft. Es ist hier nun einmal laut und lebendig und ich persönlich mag das sehr. Natürlich bin auch ich mal genervt. Schlagermove finde ich zum Beispiel ganz schlimm. Generell machen es mir diese Megaevents in Hamburg etwas schwer. Auf den Schlagermove folgen die Harley Days, dann gleich danach der Hafengeburtstag … Aber Menschen, die in einer Millionenstadt wohnen, müssen einfach damit leben, dass es nicht so ruhig wie auf dem Land ist. Und auch wenn ich solche Megaevents nicht mag, gehören sie zu einer Großstadt dazu.

Das Interview führte Stephanie Pingel

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