Singen im Chor

Beim Singen ist die Sauerstoffflasche mit dabei

Der Chor der Lungenkranken probt jeden Mittwoch

Der Chor der Lungenkranken probt jeden Mittwoch

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

In Hamburgs erstem Chor für Lungenkranke steht das Wohlbefinden an erster Stelle. Ein Besuch bei einer Probe im Haus Flachsland

Den Kiefer lockern und die Zunge heraushängen lassen – ich weiß, das sieht erst mal komisch aus“, sagt Pernille Sieprath und ihre Worte gehen schon in Gelächter unter. Fünf Frauen und zwei Männer bewegen sich durch den Probenraum des Hauses Flachsland in Barmbek und folgen den Anweisungen ihrer Chorleiterin. An diesem nebligen Mittwochmorgen sind sie zur Probe gekommen, auch wenn ihnen das Atmen schwerfällt, zwei von ihnen sogar eine extra Sauerstoffflasche dabeihaben. Alle Chormitglieder leiden an Krankheiten der Lunge, die mit dem Sammelbegriff COPD – chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen – bezeichnet werden. Obstruktiv steht dabei für verengte Atemwege. Die Erkrankung ist nicht rückgängig zu machen, für einen besseren Umgang mit ihr holen sich viele Betroffene Unterstützung in Selbsthilfegruppen oder sorgen für mehr Bewegung in speziellen Lungensportgruppen.

Dass sie trotz ihrer Atemeinschränkungen auch singen können, hätten sich die heutigen Chormitglieder vor knapp einem halben Jahr noch nicht träumen lassen. Doch Musikpädagogin und Psychologin Pernille Sieprath konnte sie überzeugen. Die gebürtige Dänin hat in Hamburg den ersten Chor für Menschen mit Lungenerkrankungen wie COPD oder Asthma gegründet. „In meiner Heimat gibt es Chöre für diese Zielgruppe schon seit rund vier Jahren und das Interesse steigt, denn das Krankheitsbild nimmt leider zu, auch in Deutschland. Ich war erstaunt, dass es hier bisher kein Angebot gab“, sagt Sieprath. Sie arbeitet als Dozentin für musikalische Früherziehung am Hamburger Konservatorium mit seiner Außenstelle im Haus Flachsland und bietet seit August 2019 diesen speziellen Chor an.

Die Köperleistung wird besser durchs Singen

Die Vorteile, die das Singen besonders für Menschen mit Atemwegserkrankungen hat, liegen für sie klar auf der Hand. „Durch das Üben von Atemtechniken erhöht sich die Körperleistung und die Chormitglieder erfahren, dass sie die zur Verfügung stehende Luft besser kontrollieren können“, sagt Sieprath. Mehrere Studien belegen, dass durch das Singen „das tiefe Atmen und die gesamte Atemmuskulatur gestärkt werden“, sagt sie. Zudem helfe die Gemeinschaft mit Menschen, die ähnliche Herausforderungen zu meistern haben, auch den Einzelnen. So ist es im Chor ganz normal, wenn einige Teilnehmer eine sogenannte Nasenbrille tragen, eine dünne Nasensonde, durch die sie reinen Sauerstoff aus einem tragbaren Behälter mit Flüssigsauerstoff erhalten. Ihre ersten Teilnehmer fand Sieprath bei der COPD-Selbsthilfegruppe in Barmbek. „Ich habe früher viel getanzt, das schaffe ich körperlich nicht mehr, aber bei einem Chor wollte ich gern mitmachen“, sagt Kathy Bischoff-Prieß (71). Sie leidet an einem Lungenemphysem. Die Lunge ist überbläht und in ihrer Funktion eingeschränkt. Das führt zu Schwierigkeiten bei der Atmung. „Ich kann schlecht ausatmen“, sagt Kathy. Beim Singen spürt sie, „ich atme anders, besser.“

Peter Schütt von Forstner (59), der wegen seiner Lungenkrankheit auch tagsüber eine Sauerstoffzufuhr braucht, kann das bestätigen. „Wenn man kaum Luft bekommt, fühlt man sich matt und ist geneigt, sich hinzusetzen. Aber es ist wichtig, aktiv zu sein, das Singen ist ein gutes Training, man mobilisiert den ganzen Brustkorb und kommt weg von der flachen Atmung“, sagt er.

Das Zwerchfell muss hüpfen

Diesen Effekt regt Pernille Sieprath auch mit der nächsten Übung an: Die Teilnehmer stehen im Kreis, und spüren mit der Hand auf dem Bauch nach, wie er sich verhält, wenn sie die Laute „pf“ und „p“ und „t“ ausstoßen. „Wenn ihr merkt, wie sich der Bauch vorwölbt, dann habt ihr die tiefe Atmung aktiviert und beim Ausstoßen der Laute hüpft das Zwerchfell“, sagt die Chorleiterin.

Dann setzt sie sich ans Klavier und spielt einen bekannten Beatles-Song. Beschwingt stimmt die Gruppe in den Refrain von „Yellow Submarine“ ein. Bei einer Strophe ahmen die Sänger und Sängerinnen mit Stimme und Gestik einige Blasinstrumente nach, was ebenso zur Heiterkeit führt wie das Einstudieren der Schrittfolge zum nächsten Lied „Mango, Mango“. Die Kombination von Schritt und Gesang bringt einen schnell mal aus dem Takt, trainiert aber das Rhythmusgefühl.

Jeder kann bei diesem Chor mitmachen

Beim Chor, der eingängige Lieder und populäre Hits singt, kann jeder mitmachen, „man muss nicht mal gut singen können“, sagt Sieprath. Denn vor allem stehe das Positive im Vordergrund: Die Teilnehmer sollen wahrnehmen, dass sie trotz verengten Atemvolumens etwas können. Anderthalb Stunden stehen, sich bewegen und dazu singen, das sei eine Leistung, sagt die Pädagogin. Die jetzigen Mitglieder möchten die Proben nicht mehr missen. „Man kann sich hier mal fallen lassen und ist eine Zeit lang nicht mit seiner Krankheit beschäftigt“, sagt Kathy Bischoff-Prieß. Und sie merkt auch, dass sie nach der Probe ihre Treppen hinauf in den zweiten Stock besser bewältigt, „sonst habe ich schon nach dem ersten Stock Luftnot“, sagt sie. Auch Harry Bertow (60) hat eine Veränderung festgestellt. Er hatte zuvor noch nie gesungen und wollte „das einfach mal ausprobieren“, sagt er. Mittlerweile ist er selbst erstaunt, wie viel Spaß ihm das macht. „Ich gehe danach viel glücklicher zur Arbeit“, sagt der Prozesstechniker, der bei einem Chiphersteller arbeitet. Auch seinen Kollegen sei das schon aufgefallen. Pernille Sieprath wundert das nicht. „Durch das Singen werden viele Aktivitäten im Gehirn angeregt, es wirkt wie ein Stimmungsaufheller“, sagt sie. Inzwischen hat der Chor neun Mitglieder. „Es dürfen aber gerne mehr werden“, so Sieprath. Kleine Auftritte sind auch geplant.

Die Probentermine