Upcycling

Ein Spielplatz für Kinder und Erwachsene

In der Werkhalle zeigen Nik Brandl (l.) und Jens-Ole Remmers den Schülern, wie man Holz bearbeitet Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

In der Werkhalle zeigen Nik Brandl (l.) und Jens-Ole Remmers den Schülern, wie man Holz bearbeitet Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Alternation e.V. mit seinem Wilhelmsburger Projekt Minitopia wurde mit dem Budnianer Hilfe Preis ausgezeichnet. Ein Paradies für Kreative

Alte Gerüstbohlen bilden zusammengefügt einen Nähtisch im Atelier, an der Fensterfront steht ein „Müllbüfett“ mit Verpackungsmaterialien, Kronkorken und Stoffresten. Vorbei dann am Tresen mit den aufgestapelten Lkw-Reifen als Barhocker kommen Besucher in die große Metall- und Holzwerkstatt, in der ein überdimensionaler Angler-Fisch aus Holz, Plastik und Stahl die Decke dominiert. Willkommen in Minitopia, einem Spielplatz für Kinder und Erwachsene mitten in Wilhelmsburg! Das rund 1000 Quadratmeter große Gelände, zu dem neben der ehemaligen Lkw-Werkstatt noch ein schöner Garten gehört, gestalten die Betreiber und freien Künstler gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen mit Materialien, die aus der Natur kommen oder sonst entsorgt werden. Der Trägerverein des Projektes, Alternation, hat diese Woche einen von drei Budnianer Hilfe Preisen für dieses großartige Bildungsangebot erhalten.

„Den Schwanz des Anglerfisches habe ich aus Stiefelschuhspannern gestaltet, die Plastikteile standen neben einem Müllcontainer“, sagt Nik Brandl. Der 27 Jahre alte Pädagoge und Student der Kulturwissenschaften ist seit Beginn des Projektes 2017 dabei und werkelt gerade an einer alten Schiffskajüte, die mitten im Garten steht und als kleine Bibliothek dient. Als Außenlicht hat Brandl daran einen alten Fahrradrahmen befestigt, den er mit einer Fassung versehen hat. Daneben führt eine Treppe hoch zu einem Baumhaus, von dem man weit über die angrenzenden Felder sowie die Gemüse- und Kräuterhochbeete auf dem Minitopia-Gelände schauen kann. „Das Baumhaus entstand während eines Schulprojektes. Wir haben es gemeinsam mit Jugendlichen entworfen und dann mit einer Architektin und Profis gebaut“, sagt Brandl.

Es gibt feste Kooperationen mit Schulen und Kitas

Neben Projekttagen mit verschiedenen Hamburger Schulen gibt es feste Kooperationen mit Kitas, Vereinen und der Stadtteilschule Stübenhofer Weg. Es gibt Berufsvorbereitungskurse im Metallbau, und an drei Nachmittagen pro Woche kommen Schüler unterschiedlicher Jahrgänge aus Kirchdorf-Süd zu Minitopia und arbeiten mit verschiedensten Materialien. Nik Brandl betreut die Schüler gemeinsam mit dem Bildhauer Jens-Ole Remmers und der Vereinsvorsitzenden Stefanie Engelbrecht. „Wir geben entweder nur das Thema, das Material oder das zu gestaltende Objekt vor. Die Kinder müssen selber kreativ werden und eigene Ideen entwickeln“, sagt Stefanie Engelbrecht, während sie drei Mädchen im Näh-Atelier anleitet. Die Elfjährigen erstellen aus Stoffresten eine Wimpelkette für die Kinderecke, wenn die fertig ist, wollen sie danach für sich Handytaschen nähen.

Büsra stellt sich geschickt an, sie kommt bereits das zweite Schuljahr in die Werkstatt und hat schon Weihnachtsanhänger aus Beton und ein kleines Holzboot selbst gemacht sowie Gurken und Kürbisse geerntet. „Ich finde es toll, dass wir jede Woche etwas anderes machen. Draußen pflanze ich am liebsten Gemüse an, wir haben nur eine kleine Wohnung und keinen Garten“, sagt die Elfjährige und schiebt ihr Kopftuch zurecht. Mit Stefanie Engelbrecht, von allen nur „Stevie“ genannt, sprechen die Mädchen nicht nur über ihre Kunstwerke, sondern auch häufig über ihre persönlichen Probleme. „Diese Gespräche kommen so ganz nebenbei auf, weil sie sich hier wohl- und ernst genommen fühlen“, sagt die Juristin, die über die Projektarbeit mit Vereinen zu Minitopia kam – ein Lebenstraum, den sie sich gemeinsam mit vielen Ehrenamtlichen, darunter etliche Handwerker, verwirklicht hat. Es geht um Kunst und kulturelle Bildung, aber auch darum zu zeigen, dass man sich mitten in der Stadt selbst versorgen kann. Ein geschnitztes Windrad draußen – auch von Jugendlichen mitgebaut – und Solarpanels sollen künftig für Strom sorgen. Es gibt nur Komposttoiletten. Finanziert wird der Verein Alternation durch Honorare von Schulen, Spenden und öffentliche Gelder.

Ein Handwerk für Jugendliche

In der großen Werkhalle säbeln derweil sechs Jungen und ein Mädchen an einem großen Holzbalken, der mitten im Raum aufgebockt ist. Sie haben dazu große Knüpfel (eine Art Holzhammer) und je ein Schnitzeisen in den Händen. Mehmet erklärt seinem Freund Ismael, dass er nicht mit dem Eisen senkrecht auf den Balken hauen soll. „Das darfst du nicht, das ist echt gefährlich, Digger“, sagt der Elfjährige, der geschickt ein Holzstück nach dem anderen abschält. Als Hobby hat er zuvor wie zwei andere Schüler angegeben, dass er am liebsten zu Hause mit dem Handy spielt, aber hier in der Werkstatt ist er konzentriert und schnitzt voller Eifer. „Ich komme supergern her und arbeite am liebsten mit Holz. Mir gefällt, dass es anders als in der Schule keine Vorgaben gibt, ich fühle mich hier frei. Und ich kann das gestalten, was ich will“, sagt Mehmet. Die Woche davor haben sie unter Aufsicht von Holzkünstler Jens-Ole Remmers mit einer Kettensäge gearbeitet. „Ich durfte nicht, weil ich zu viel Blödsinn gemacht habe“, sagt Justin selbstkritisch. Der Sechstklässler ist schwer zu motivieren, aber als Nik Brandl sich ihm alleine zuwendet, schnitzt auch er mit.

Es geht nicht nur darum, dass Kinder und Jugendliche sich selber ausprobieren können, sondern auch eine Idee davon bekommen, ob ein Handwerk zu ihnen passen könnte. „Wir haben einige Schüler, die bei uns die Berufsvorbereitung mitgemacht haben und nun eine Ausbildungsstelle als Schweißer, Schlosser oder Metallbauer bekommen haben, darunter auch Jugendliche, die schwer vermittelbar waren“, erklärt Stefanie Engelbrecht. Für sie ist der Budnianer Hilfe Preis vor allem eine Auszeichnung dafür, dass „wir nicht nur als Ökoinitiative, sondern vor allem als kulturelles Bildungsprojekt und kreative Querdenker wahrgenommen werden“.

Die Gewinner des Budnianer Hilfe Preises

Je 5000 Euro erhielten die drei Gewinner des diesjährigen Budnianer Hilfe Preises, der am Montag im Altonaer Kaispeicher verliehen wurde. Bei dem Wettbewerb, der unter dem Motto „Bildungs-Schätze“ stand, hatten sich 48 Initiativen beworben. Neben dem Verein Alternation mit seinem Projekt „Minitopia“ gewannen das „Konspirative Kulturkollektiv – Can‘t stop the beat up“, bei dem Jugendliche Musikvideos mit Profimusikern produzieren, und das Esche Jugendkunsthaus, das Kindern nachmittags Kunstfertigkeiten wie Tanz, Gesang und Zeichnen vermittelt. (Bericht zur Gala im Lokalteil)