Initiative für Obdachlose

Tolle Schüleridee: Ein Bollerwagen und Schlafplatz zugleich

Gruppenbild mit  Bollerwagen, der auch für Schlafzwecke benutzt werden kann, vorne rechts sitzend Lehrer Julian Lee mit Schülern und Freiwillige  auf dem Gelände von Minitopia in Wilhelmsburg

Gruppenbild mit Bollerwagen, der auch für Schlafzwecke benutzt werden kann, vorne rechts sitzend Lehrer Julian Lee mit Schülern und Freiwillige auf dem Gelände von Minitopia in Wilhelmsburg

Foto: Stephan Wallocha

Jugendliche vom Gymnasium Allermöhe bauen mit Lehre Julian Lee einen Karren mit Liegefläche für Obdachlose

Rund zwanzig frisch zusammengebaute Kisten stapeln sich in einer alten Fabrikhalle auf dem Gelände des Vereins Minitopia in Wilhelmsburg. An einzelnen Exemplaren hantieren junge Leute mit Sprayflaschen. Sie wollen den braunen Oberflächen ein buntes Outfit verschaffen. Die rechteckigen Kisten haben eine ganz besondere Funktion: Nach der Montage auf einen Unterbau mit Deichsel und Reifen werden sie zu einer Art Bollerwagen umfunktioniert. Damit sind sie nicht nur beweglich, sie sind zudem auch ausklappbar. Denn sie sollen von Menschen genutzt werden, die auf der Straße leben.

„Mit diesen mobilen Wagen haben Obdachlose die Möglichkeit, ihre Sachen zu transportieren und sich auf den ausgeklappten Wagen schlafen zu legen“, erklärt Julian Lee. Das Konzept ist einfach aber überzeugend. Wenn die Wände der Kisten heruntergeklappt werden, dann entsteht eine Fläche von 120 Zentimeter Breite und 180 Zentimeter Länge, „das sind die Maße einer Isomatte, die dann genau darauf passt“, sagt Lee, der am Gymnasium Allermöhe Englisch und Philosophie unterrichtet. Die Idee zu diesem außergewöhnlichen Projekt kam von seinen Schülern der Klasse S1. Als während des Philosophieunterrichts im vergangenen Jahr das Thema Ethik anstand, sollte es auch um das ethische Handeln in praktischen Projekten gehen. Lehrer Lee engagiert sich selbst im gemeinnützigen Verein Clubkinder. Der 2011 auf St. Pauli von jungen Kreativen gegründete Verein sammelt unter anderem mit Veranstaltungen und Partys Spenden für verschiedene soziale Zwecke in der Hansestadt.

Schüler sollen sich auch sozial engagieren

Lee wollte auch seine Schüler anregen, sich sozial zu engagieren und ermunterte sie, zu recherchieren, wo es Probleme und mögliche Lösungen gibt. „Es kamen einige Anregungen, doch der Anstoß zu den Bollerwagen kam durch die Schülerin Liza Popal“, sagt Lee. Sie hatte im Fernsehen etwas über Minihäuser gesehen, die Tiny Houses in den USA. Weil in Hamburg im vergangenen Winter die ersten Obdachlosen auf der Straße erfroren waren, wollten die Schüler etwas tun und entwarfen, inspiriert von der Minihaus-Idee, einen mobilen Schlafplatz.

„Bei der Planung war es uns auch wichtig, die Menschen zu beteiligen, die es betrifft“, sagt Lee. So holten sich die Schüler und ihr Lehrer im Café Sonnenschein, einem Treff für Wohnungslose im Schanzenviertel, Informationen von Menschen, die auf der Straße leben. Dabei stellten sich zwei dringende Wünsche heraus: Einen leichten Transport der Last, denn viele Obdachlose sind im Schnitt mit einem 40 Kilogramm schweren Rucksack unterwegs, und eine Schlafmöglichkeit, die nicht direkt auf dem kalten Boden liegt. Angepasst an diese Bedürfnisse entwickelten die Schüler gemeinsam mit Obdachlosen einen Prototyp auf Rädern, dessen Liegefläche etwa 30 Zentimeter über dem Boden ist.

Unter der Liegefläche gibt es ein Schließfach

Zudem gibt es unter der Liegefläche noch ein flaches abschließbares Fach. „Den Schülern hat der Austausch mit den Wohnungslosen besonders gut gefallen, er hat geholfen, Vorurteile abzubauen und ihnen als Menschen zu begegnen“, sagt Julian Lee. Etwa 2000 Obdachlose soll es nach Schätzungen der Diakonie in Hamburg geben, „aber nur einen kleinen Teil davon sehen wir auf der Straße“, sagt Lee. Vielen Menschen sehe man ihre Not nicht auf den ersten Blick an, sagt er.

Für die Finanzierung starteten die Jugendlichen eine Crowdfunding-Aktion, also einen Aufruf zu einer Gruppenfinanzierung über eine Internetplattform. ,,Mit unserem Aufruf hatten wir in weniger als 48 Stunden schon so viel zusammen, dass es für den Bau von 20 Wagen reichte“, sagt Julian Lee. Pro Wagen sind für die Materialien 350 Euro nötig. Inzwischen kam Geld für 35 Wagen zusammen. Zu Beginn des Jahres machten sich die rund 20 Schüler, ihr Lehrer und weitere Freiwillige von Clubkinder e.V. daran, die passend zugeschnittenen Siebdruckplatten zu Bollerwagen

zusammenzubauen.

Der Verein Minitopia unterstützt originelle Projekte

Sie nutzten dazu die Werkhalle des Vereins Minitopia. „Wir sind ein Experimentierplatz für urbane Versorgung“, sagt Stefanie Engelbrecht, eine der beiden Gründerinnen. In Gemeinschaftsgärten werden Pflanzen für die lokale Versorgung angelegt, in der Werkstatt ausprobiert, was man aus Müll herstellen kann. Es gibt Workshops und Kurse für Interessenten und Schulen. Und der Verein unterstützt auch soziale Engagements wie die Bollerwagen.

Die sind schon fast fertig. Auch die künstlerische Gestaltung ist fast abgeschlossen. Schülerin Lena (17) hat die Flächen einer Kiste weiß grundiert und sprüht mittels einer Schablone farbige Motive auf die Holzplatte. „Ich engagiere mich gern für Menschen, die nicht viel haben und außerdem macht mir das kreative Arbeiten Spaß“, sagt die Schülerin. Mit dabei ist auch Manu (45), von ihm stammen viele Tipps zum Bau der Wagen, denn Manu ist ein versierter Techniker. 20 Jahre lang lebte und arbeitete der diplomierte Agraringenieur im Ausland und „lernte dort viel von den einfachen Menschen“. Nach seiner Rückkehr in Deutschland war er lange ohne festen Wohnsitz. Dank der Aktivitäten bei der Bollerwagen-Aktion hat er neue Kontakte geknüpft und ein Zimmer in einer WG gefunden.

30 Bollerwagen werden derzeit produziert

Julian Lee freut sich über das Engagement und will seine Schüler auch weiter dazu motivieren, etwas für andere zu tun. „Wir wollen das Ehrenamt verjüngen. Viele Jugendliche möchten auch etwas tun, deswegen ist es gut, das Engagement an die Schule zu holen“, sagt er.

Demnächst sind 30 Bollerwagen fertig für die Straße. Dann folgt der Praxistest durch die Obdachlosen. Und wenn es gut läuft, bauen die Freiwilligen gerne weiter.