Vewaiste Eltern

Männer im gleichen Boot

Trauernde Väter treffen sich in der Gruppe und einmal jährlich zu einer gemeinsamen Kanutour

Trauernde Väter treffen sich in der Gruppe und einmal jährlich zu einer gemeinsamen Kanutour

Foto: Ulrich Hölscher

Einmal im Jahr brechen Hamburger Väter zu einer Kanutour auf, um unter sich mit der Trauer um ihr verstorbenes Kind umzugehen

Es ist ein Bootsausflug unter Männern ohne Grillkohle und den obligatorischen Kasten Bier an Bord, dafür aber mit schweren Gefühlen im Gepäck: Seit mittlerweile sechs Jahren brechen einige Väter, die nach dem Tod ihres Kindes zusammen mit der Partnerin Unterstützung bei den „Verwaisten Eltern und Geschwistern e. V.“ finden, im Spätsommer zu einer gemeinsamen Kanutour auf. Dreizehn trauernde Väter im Alter zwischen Ende 20 und Anfang 70 und zwei ausgebildete Trauerbegleiter sind in diesem Jahr einen Tag lang auf der Luhe gepaddelt, um ihre Gedanken und Gefühle in Fluss zu bringen und sich mit Tiefen und Untiefen in ihrem Leben auseinanderzusetzen. „Ich habe während meiner Ausbildung zum Trauerbegleiter nach einem anstrengenden Tag spontan mit einem Mitstreiter ein Kanu gemietet“, erzählt Axel Köckritz (70), der nach dem Tod seines Sohnes Paul vor 16 Jahren zu den Verwaisten Eltern kam. „Es tat gut, körperlich etwas zu tun, mich hautnah in der Natur zu erleben. Dieses Erlebnis wollten wir mit anderen Männern teilen.“ Im Laufe der Tour stellt Axel Köck­ritz den Vätern einige Aufgaben, um Impulse für den Trauerprozess und das Gespräch untereinander zu geben. „Hinter Luhmühlen hat der Heidefluss eine recht starke Strömung und heftige Kurven, die einen aus der Bahn werfen können. ,Was haut euch im Leben aus der Bahn?‘, habe ich die Männer vor dem Start gefragt.“

Tobias Röske (33), dessen Sohn Bendit vor zwei Jahren still geboren wurde, und Julian Münder (35), dessen Tochter Mathilda vor zwei Jahren an seinem Geburtstag geboren wurde und am gleichen Tag verstarb, besuchen zusammen mit ihren Partnerinnen bei den Verwaisten Eltern die sogenannte Frühtodgruppe. Die Familien sind mittlerweile gut befreundet, die Männer sitzen buchstäblich im selben Boot. „Meine Frau und ich haben große Angst vor weiterer Familienplanung. Sie erträgt es kaum, schwangere Frauen zu sehen. Ich kann da rationaler sein“, sagt Tobias Röske.

Begreifen, dass man das Leben nicht immer im Griff hat

In der gemischten Trauergruppe nimmt er wie alle Männer Rücksicht auf die Gefühle der Partnerin, unter den Männern kann Tobias Röske seine existenziellen Verlustängste thematisieren. „Es tat gut, mit so einem erfahrenen Kanufahrer wie Julian im Boot zu sitzen. Die Freundschaft zu ihm gibt mir auch im Leben Halt“, sagt er. Julian Münder genießt an der Tour unter trauernden Vätern, dass er hier keine Rolle spielen muss. „Zu Hause übernehme ich die Verantwortung dafür, dass das Leben für meine Frau und unseren Sohn weitergeht“, sagt er. „Ich arbeite in einer Führungsposition und war es gewohnt, am Steuer zu sitzen. Seit Mathildas Tod muss ich begreifen lernen, dass ich das Leben nicht immer im Griff habe.“

Auch Walter Busse (63) kennt das Gefühl von Kontrollverlust, nachdem sein Sohn Maximilian 2011 durch einen Zugunfall starb. Er besuchte gemeinsam mit seiner Frau eine Trauergruppe für Paare und nutzt seit fünf Jahren das Angebot von Axel Köckritz, sich einmal im Vierteljahr in einer offenen Männergruppe zum Austausch zu treffen. „Unter uns Männern kann ich mich ganz frei und unverstellt zeigen. Hier geht es nur um mich“, sagt er. „Ich brauche manchmal eine Pause von der Trauer und kann zeitweise auch besser loslassen als meine Frau, weil es nun einmal ist, wie es ist. Aber manchmal, wenn ich allein im Auto bin, überkommt mich die Trauer mit voller Wucht. Hier packe ich auf den Tisch, was in mir wühlt.“

Dass sein Kanu als einziges auf der Tour kenterte, nimmt Walter Busse mit Gelassenheit. Schließlich konnte er so hautnah erleben, dass ein Mann nicht immer alles allein schaffen muss, sondern eine Rettung manchmal nur in Teamarbeit gelingt. „Auch wenn ich mir so manchen Spruch anhören konnte, waren die anderen sofort zur Stelle. Und ich hatte ja trockene Kleidung dabei“, sagt er schmunzelnd.

Natur mit allen Sinnen erleben

Als die Luhe im Laufe der Tour ruhiger fließt, lädt Axel Köckritz die Männer bei einem Zwischenstopp am Ufer dazu ein, die Natur mit allen Sinnen wahrzunehmen. Außerdem regt er an, beim Blick in die Weite zu überlegen, welche Perspektiven sich für das Weiterleben erschließen. Alle Männer schwärmen von der Ruhe, die sie so ganz bewusst erleben konnten. „Wir sind zwischendurch auch mal abgedriftet und haben spekuliert, wie der HSV wohl gespielt hat“, erzählt Tobias Röske lächelnd. „Aber dann haben wir sogar an der Böschung an Wildhopfen geschnuppert. Wo erlebt man sonst, dass Kerle wie wir anfangen, von der Natur zu schwärmen? Ich begreife durch solche Erlebnisse immer mehr, dass es Nonsens ist, sich einen Zukunftsplan zu machen. Ich möchte lieber lernen, jeden Moment intensiv zu leben, weil das Leben nun mal endlich ist.“

Erfahren, wie andere mit dem Schicksalsschlag umgehen

Am Ende jeder Tour kehren die Männer in einen Biergarten oder einen Gasthof ein, um das Erlebte Revue passieren zu lassen. „Es ist bewegend zu erleben, wie gestandene Männer da manchmal weinend beieinandersitzen“, sagt Ulrich Hölscher (56), der seinen Sohn Finn Bogumil vor knapp zwei Jahren verloren hat. „In diesem Kreis ist es normal, sich auf dem Handy gegenseitig die Bilder der Kinder, aber auch ihrer Gräber zu zeigen. Mich interessiert, wie es die anderen schaffen, nach so einem Schicksalsschlag weiterzuleben. Wir hören uns zu, wir sind achtsam miteinander und haben manchmal einen ganz schön ruppigen Humor. Sicher ist es nicht ganz normal, wie wir unterwegs sind, aber uns hat das Leben ja auch ganz schön zugesetzt.“

Trauerbegleiter Axel Köckritz spricht voller Respekt über die Offenheit und die Entwicklungsprozesse der Väter, die er im Laufe der Jahre in seinen Männergruppen begleitet hat. Die Frage, ob Männer anders als Frauen trauern, ist für ihn nicht relevant. „Jeder Mensch geht seinen individuellen Weg und trauert anders. Da die Erfahrungen zeigen, dass Partner in gemischten Gruppen immer aufeinander Rücksicht nehmen, ist es wichtig, Männern und Frauen eigene Räume für ihre Trauer zu schaffen“, sagt Köckritz. Und so wie die Väter einmal jährlich zu einer Kanutour aufbrechen, treffen sich die verwaisten Mütter zu einer Wanderung an der Ostsee, wo sie mit Ritualen am Strand ihrer verstorbenen Kinder gedenken.

Hier bekommt man als Trauernder Hilfe

Verwaiste Eltern und Geschwister Hamburg e. V., Bogenstraße 26, bietet mehr als 25 Trauergruppen mit verschiedenen inhaltlichen Schwerpunkten an. Der Teilnahme geht ein Einzelgespräch voraus, Kontakt: Tel. 45 00 09 14 oder E-Mail: info@verwaiste-eltern.de.

Vom 1. bis 3. November und vom 29. November bis 1. Dezember veranstaltet der Verein in Bad Bevensen unter dem Titel „Brücken verbinden“ Wochenend­seminare für trauernde Familien. Alle Termine auf der Webseite des Vereins.