Unterstützung

Keiner muss alleine trauern

Illustration aus dem Buch „Epuriel

Illustration aus dem Buch „Epuriel

Foto: Angela Brandt-Migge

Wer einen geliebten Menschen verloren hat, braucht oft Hilfe von außen. In Hamburg gibt es dazu ein vielfältiges Angebot

Wenn Angehörige nach dem Verlust eines geliebten Menschen nicht mehr essen und schlafen können, wenn sie unvorhergesehen in Tränen ausbrechen, Gedächtnislücken haben oder psychosomatische Beschwerden auftreten, ist die Verunsicherung groß. Ihrem direkten Umfeld mögen sich Betroffene mit ihren Fragen und Ängsten oftmals nicht (mehr) anvertrauen. Besonders wenn nach dem Todesfall bereits einige Zeit vergangen ist, fühlen sie sich mit ihrem Gesprächsbedarf bei Freunden und Bekannten unerwünscht.

„Bin ich noch normal?“ Diese Frage treibt rund 80 Prozent der Menschen, um, die eine Beratungsstelle für Trauernde aufsuchen. „Viele Trauernde spüren bei anderen den Erwartungsdruck, im Alltag bald wieder funktionieren zu müssen, und machen sich ihn zu eigen“, hat Diakon Stephan Klinkhamels, der im Katholischen Trauerzentrum „St. Thomas Morus“ seit zwei Jahren Trauernde begleitet, oftmals erlebt. „,Der Tod ist doch schon vier Monate her‘, sagen sie. Oft ist es schon eine Erleichterung, wenn ich den Blickwinkel verändere und sage: ,Es sind doch erst vier Monate.‘ Betroffene brauchen Zeit und Raum, um den Verlust zu begreifen, und ein Gegenüber, mit dem sie sich über die kleinen Schritte zurück ins Leben freuen können.“

Damit professionell ausgebildete Trauerbegleitende wie Stephan Klinkhamels und ehrenamtlich Tätige ihre Kollegen im Hamburger Raum kennenlernen können, hat das 2016 gegründete „Trauernetzwerk Hamburg“ im Sommer dieses Jahres zum ersten „Vernetzungsfachtag Trauer“ ins Hamburger Hospiz e. V. eingeladen. Knapp 50 Teilnehmende von Hospizdiensten, gemeinnützigen Beratungsstellen und einige private Anbieter von Trauerbegleitung diskutierten miteinander und stellten ihr vielfältiges Angebot für Trauernde vor. „Unser Ziel ist es, dieses Spektrum für Betroffene transparent zu machen und uns Anbieter in die Lage zu versetzen, auf spezialisierte Kollegen oder ein Angebot in Wohnortnähe des Trauernden verweisen zu können“, sagt Claudia Trilk, Koordinatorin vom Malteser Hospiz-Zentrum in Volksdorf, das die Gründung des Trauernetzwerks ­initiiert hat.

Die Bandbreite an Trauerbegleitung reicht vom niedrigschwelligen Besuch eines Trauercafés über moderierte Trauergruppen bis zur Einzelbegleitung. Für den Besuch der regelmäßig stattfindenden Trauercafés müssen sich Besucher nicht anmelden. Die kostenfreien Treffen werden zumeist von ­ehrenamtlichen, geschulten Trauerbegleitenden betreut, die beim gemeinsamen Kaffeetrinken den Austausch unter den Betroffenen anregen. „In diesem Rahmen finden öfter Trauernde zusammen, die sich dann auch privat zum gemeinsamen Essen, für einen Kinoabend oder den Besuch des Friedhofs verabreden“, erzählt Susanne Seelbach vom Hospizdienst Hamburger Süden.

Bei den sogenannten offenen Trauergruppen ist jederzeit ein Einstieg möglich, geschlossene Gruppen treffen sich in gleicher Konstellation über einen verabredeten Zeitraum. Erfahrene Trauerbegleitende unterstützen den Erfahrungsaustausch, manchmal treffen sich die Teilnehmenden anschließend als Selbsthilfegruppe im privaten Rahmen weiter. Einige Einrichtungen bieten Trauergruppen für bestimmte Altersgruppen, gezielt für Männer oder Frauen oder zu einem bestimmten Thema wie Partner- oder Elternverlust oder Suizid an. „Bei uns findet zuerst immer ein Sortiergespräch unter vier Augen statt, in dem Trauernde Raum für ihre Gefühle bekommen und selbst spüren können, was sie brauchen und ob das Gruppenangebot für sie passt“, sagt Trauerbegleiterin Conny Jenckel, die zusammen mit ihrem Kollegen Johannes Antz am Institut für Trauerarbeit e. V. eine „Gruppe für Angehörige nach Suizid“ leitet.

Der Verein „jung verwitwet e. V.“ wendet sich an Hinterbliebene bis 49 Jahre und ihre Kinder, „Verwaiste Eltern und Geschwister Hamburg e. V“ unterstützt Angehörige nach dem Tod eines Kindes. Im „Hamburger Zentrum für Kinder und Jugendliche in Trauer e. V.“ bekommen junge Trauernde Raum unter ihresgleichen. „Es irritiert Eltern oft, wenn ihre Kinder nicht weinen“, sagt Trauerbegleiterin Maria Traut. „Es kann für sie schon eine große Entlastung sein, zu erfahren, dass sich Trauer bei Kindern und Jugendlichen in einer großen Bandbreite von Gefühlen zeigen kann. Sie wollen trotz des Verlustes auch fröhlich sein.“

Beim Malteser Hospiz-Zentrum werden Familien auch beraten, wie kognitiv eingeschränkte Menschen im Trauerprozess angesprochen werden können. „Familien trauen sich oft nicht, Menschen mit Handicap zu einer Trauerfeier mitzunehmen, wenn ihre Reaktionen nicht einschätzbar sind“, erzählt Claudia Trilk. „Hier suchen wir gemeinsam nach Ausdrucksmöglichkeiten jenseits der Sprache. Es kann beispielsweise für Demenzkranke ein stützendes Ritual sein, im Pflegeheim einen kleinen Gottesdienst zu veranstalten und gemeinsam bekannte Lieder zu singen.“

Mittlerweile gibt es in Hamburg viele Angebote für Trauernde, bei denen sie zusammen mit anderen Betroffenen aktiv werden können: So veranstalten die Malteser regelmäßig gemeinsames Kochen oder Spaziergänge. Es gibt Radfahrgruppen genauso wie Reisen speziell für Trauernde.

Manchmal helfen kreative und gestalterische Angebote

Besonders Männern fällt es oftmals leichter, über das Tun in Kontakt mit anderen zu kommen. Darüber hinaus unterstützen Angebote mit kreativen und gestalterischen Methoden Menschen in ihrem Trauerprozess: In der „Erinnerungswerkstatt“ von Anemone Zeim („Vergiss mein nie“) können individuelle Erinnerungsstücke an den Verstorbenen gefertigt werden. Beim Tagesseminar „Trauer in Form und Farbe“ mit Wiebke Joschko im Hamburger Hospiz e. V. erschließt das Malen eine Möglichkeit, auch noch Jahre nach dem Verlust die Beziehung zum Verstorbenen zu klären.

Es gehört zur Ausbildung von Trauerbegleitenden, die Grenzen der eigenen Begleitung zu erkennen und Trauernden bei Hinweisen auf eine traumatische Störung auch den Gang zu einem geeigneten Therapeuten zu empfehlen. Die Praxis zeigt jedoch, dass 80 Prozent aller Trauerprozesse ihren natürlichen Gang nehmen. „Trauer kann ein langer und anstrengender Prozess sein, aber sie ist keine Krankheit“, betont Maria Traut. So kommen viele Betroffene auch nur einmal in eine Beratung und erfahren große Erleichterung dadurch, dass ihre „Symptome“ einem ganz normalen Prozess zugeordnet werden können.

Hinweise auf Angebote zur Trauerbegleitung iim Hamburger Raum finden Betroffene auf www.koordinierungsstelle-hospiz.de (Stichwort „Trauer“) und www.trauergruppe.de

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