Hilfe bei Trauer

Erinnerungsstücke selbst gestalten

Conny Raschke hat eine Mapapu Puppe

Conny Raschke hat eine Mapapu Puppe

Foto: Martina Petersen

Es kann für den Trauerprozess heilsam sein, Dinge aus dem Nachlass des Verstorbenen zu etwas Neuem zu verwandeln.

An den ersten Schnitt in das grüne Lieblings-T-Shirt ihrer verstorbenen Partnerin Sabine kann sich Conny Raschke heute noch genau erinnern. „Meine Hand mit der Schere hat gezittert und ich wusste, wenn ich das jetzt tue, ist mein altes Leben endgültig vorbei. Dann gibt es kein Zurück mehr“, erzählt die 54-Jährige. „Mit diesem Schnitt brachen alle Gefühle aus mir heraus und ich habe heftig weinen müssen. Aber mir war ziemlich schnell nach Sabines Tod klar geworden, dass unser Haus kein Museum werden soll und ich aktiv etwas tun muss, wenn ich ihren Verlust überleben will.“

Im November 2016, eineinhalb Jahre nach dem Tod ihrer langjährigen Partnerin, hatte Conny Raschke allen Mut zusammengenommen und war mit einem Korb voller Kleidungsstücke zum zweitägigen Workshop nach Tostedt gefahren. Mit fachkundiger Begleitung von Jen Arndt-Lind (42) sollte sich Sabines Kleidung zu einem individuell gestalteten Erinnerungsstück verwandeln: einem „mapapu“-Kuscheltier, bei dem in jedem Detail ein Stück der gemeinsamen Lebensgeschichte steckt.

Ursprünglich sollte die Puppe über den Trennungsschmerz der Kinder hinweghelfen

Kennengelernt hatten sich Conny Raschke, die als Qualitätsbeauftragte im Hamburger Universitätskrankenhaus arbeitet, und Jen Arndt-Lind während der Ausbildung zur „Sterbeamme“: Während Conny den Kurs privat als eine Art Selbsttherapie besuchte, wollte sich Jen für die Trauerbegleitung im eigenen Unternehmen weiterqualifizieren. Die ehemalige Friseurin hatte sich als Autodidaktin das Nähen beigebracht. Als erstes Modell entstand für ihre Kinder in der Patchwork-Familie eine „mapapu“ („Mama-Papa-Puppe“) aus der Kleidung des jeweiligen Elternpaares, die über den Trennungsschmerz hinweghelfen sollte.

Als das individuelle Kuscheltier von immer mehr Trauernden nachgefragt wurde, gründete Jen Arndt-Lind zusammen mit ihrem Mann Hendrik 2013 ihr „mapapu“-Unternehmen. In gut fünf Jahren sind in ihrer Manufaktur mehr als 1200 dieser Trostspender gefertigt worden, seit 2016 bietet „mapapu“ zudem die begleiteten Do-it-yourself-Workshops an.

Beim Anfertigen leisten die Hinterbliebenen ein Stück Trauerarbeit

„Ich habe schnell gedacht, dass die Trauernden ihre Puppen eigentlich selbst anfertigen müssten, weil sie bei jedem Schritt ein Stück heilsame Trauerarbeit leisten können“, sagt Jen Arndt-Lind. „Das Zerschneiden verlangt die Akzeptanz, dass es nie mehr so wird wie vor dem Tod des geliebten Menschen. Beim Zuschnitt machen die Betroffenen die Erfahrung, dass sie in der Lage sind, das Alte in etwas Neues zu verwandeln. Beim Stopfen mit Füllwatte können sie jedem Körperteil Gefühle und Wünsche mitgeben und den Prozess mit einer Naht abschließen. Und beim Verzieren der Puppe entstehen oft Freude und neuer Lebensmut, weil die Trauernden das Gefühl von Ohnmacht überwunden und selbstbestimmt etwas so wunderschönes Neues hervorgebracht haben.“

Bei der kreativen Umgestaltung von Dingen aus dem Nachlass des Verstorbenen kann es für Trauernde hilfreich sein, einen einfühlsamen Begleiter an der Seite zu haben, der Sicherheit gibt und der Kreativität auf die Sprünge hilft. Anemone Zeim (37) von der Hamburger Trauerberatung „Vergiss mein nie“ unterstützt seit 2015 Menschen beim Anfertigen individueller Erinnerungsstücke. „Meist kommen die Angehörigen rund ein Jahr nach dem Todesfall mit dem Wunsch, für den Verstorbenen einen Platz in ihrem neuen Leben zu finden. Dabei haben die wenigsten eine klare Vorstellung davon, wie sie all ihre guten Erinnerungen in einen Gegenstand verdichten können“, erzählt die Trauerbegleiterin.

Deshalb gibt Anemone Zeim in ihrem Eimsbütteler Laden Workshops, bei denen Bastelsets für ein Mobile oder ein Erinnerungs-„Weckglas“ mit Fotos und kleinen Gegenständen zu einem persönlichen Kraftspender gestaltet werden können. Oder sie begibt sich in ihrer Erinnerungswerkstatt zusammen mit dem Trauernden auf eine intensive Zeitreise in die Vergangenheit: Da werden gemeinsam Fotos und Alltagsgegenstände gesichtet und die Geschichten, die mit den Gegenständen verbunden sind, erforscht.

Es kann der Lieblingspulli der Mutter sein, oder der abgenutzte Kochlöffel der Großmutter

„Ich spüre beim Erzählen genau, wenn wir bei unserer Spurensuche die richtige Richtung einschlagen, weil die Menschen dann zu strahlen beginnen“, sagt Anemone Zeim. Es kann der Lieblingspulli der Mutter sein, der zum Sinnbild für ihre Zuwendung wird. Oder der abgenutzte Kochlöffel der Großmutter steht für die Geborgenheit, die gemeinsame Mahlzeiten vermittelt haben. In diesen Fällen kann mit kreativem Upcycling der ideelle Wert erlebbar werden: Der Pulli wurde zum Schal umgearbeitet, in den sich die Tochter bei Bedarf kuscheln kann. Und aus einem Stück Holz des Kochlöffels ist in Form eines Anhängers ein besonderes Schmuckstück geworden.

Manchmal ist es aber auch eine ab­strakte Idee, die Anemone Zeim und ihr Team aus Designern und Handwerkern mit einem Erinnerungsstück für den Trauernden greifbar machen können. „Eine Frau, die sowohl den Bruder als auch beide Elternteile verloren hatte, sprach davon, wie zentral seit Kindertagen die Telefonnummer des Zuhauses war. Unter dieser Nummer war die Familie immer für sie da.“ Die Zahlenfolge der Telefonnummer übertrug ein Designer auf das Ziffernblatt einer Uhr, sodass der Trauernden die Verbindung zu ihren geliebten Menschen nicht verloren gehen kann. „Ein Erinnerungsstück bringt uns schon beim Herstellungsprozess in Kontakt mit unseren Gefühlen. Es kann uns ein Stück Kontrolle über unser Leben zurückgeben“, erklärt Anemone Zeim. „Denn jetzt haben wir in der Hand, ob wir unseren Kraftspender nutzen wollen oder nicht.“

Die Puppe ist so etwas wie ihre Trauer-Schmerzpumpe geworden

Conny Raschke erlebte beim Anfertigen ihrer „mapapu“ die ganze Bandbreite der Emotionen von tiefer Verzweiflung bis zu spielerischer Leichtigkeit und Freude. „Als Jen der Puppe am Ende die Augen aufstickte, hatte ich das Gefühl, dass Sabine in einer neuen Form wieder da ist“, sagt sie lächelnd. Anfangs war das Kuscheltier im Privatleben ständig an ihrer Seite: Conny sprach mit ihrer Puppe, konnte sie bei Bedarf in den Arm nehmen und persönliche Wünsche in der „Geheimnistasche“ auf ihrer Rückseite platzieren. „Auch heute greife ich noch zu ihr, wenn ich Halt brauche und keine andere Lösung habe“, erzählt Raschke. „Sie ist so etwas wie meine Trauer-Schmerzpumpe geworden, die ich nach Bedarf dosieren kann und die mir Sicherheit gibt. Ihre Herstellung war eine wichtige Etappe auf dem Weg, mein Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen.“

Eine „mapapu“ liegt inklusive der Beratungsgespräche bei 280 Euro. Die Kosten für den zweitägigen Workshop mit Einzelbetreuung gibt es auf Anfrage unter Tel. 04182/285 636. Bei „Vergiss mein nie“ kostet ein dreistündiger Erinnerungsglas-Workshop 39 Euro. Infos: www.mapapu.de; www.vergiss-mein-nie.de