Senioren

Wenn der Besuch ausbleibt

Ergotherapeutin Andrea Audorf und Pflegefachkraft Ester Jöns arbeiten mit Dementen im Senioren und Therapiezentrum in Halstenbek

Ergotherapeutin Andrea Audorf und Pflegefachkraft Ester Jöns arbeiten mit Dementen im Senioren und Therapiezentrum in Halstenbek

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Manche können den Anblick ihres dementen Angehörigen nicht mehr ertragen, ein Gespräch über Partner oder Kinder, die wegbleiben.

Rund 30 Prozent der 46 Männer und Frauen, die im beschützten Wohnbereich des Senioren- und Therapiezentrums Halstenbek leben, bekommen nie Besuch von ihren Angehörigen. Alle Bewohner des Bereichs sind schwer dement. Ein Interview mit Altenpflegerin Ester Jöns (43), stellvertretende Leiterin des Wohnbereichs, und Ergotherapeutin Andrea Audorf (47) über das Wegbleiben der Kinder und Partner.

Warum weigern sich Angehörige, ihre dementen Eltern oder den Partner zu besuchen?

Andrea Audorf: Viele können mit dem Verfall der geliebten Person nicht umgehen. Es tut ihnen weh zu erleben, wie der Geist nachlässt, sie nicht mehr erkannt werden. Manchmal ignorieren die Eltern ihre Kinder, laufen an ihnen vorbei, das kann nicht jeder aushalten.

Ester Jöns: Die meisten unserer Bewohner sind hochbetagt. Aber wir haben zum Beispiel auch eine etwas jüngere Frau. Die ist buchstäblich von der einen Sekunde auf die andere umgefallen, lag anschließend lange im Wachkoma und ist nun zwar wieder wach, aber geistig stark beeinträchtigt. In diesem Fall haben die Angehörigen für sich entschieden, sie kommen nicht mehr, weil sie den Anblick ihrer Mutter so nicht mehr ertragen können. Es gibt aber auch Kinder, die erklären uns, ihre Mutter und sie seien nie gut miteinander ausgekommen und sie wollten sich nicht weiter um sie kümmern.

Auch wenn der Anblick wehtut – ist das nicht eine Verweigerung der Realität, die Demenz gehört doch zum Leben?

Jöns: Das ist sicher so, aber jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er den Zustand der Mutter oder des Partners ertragen kann. Ich sprach mit einer Tochter, die konnte zwei Tage vor dem Besuch bei ihrer Mutter nicht mehr schlafen und danach ging es ihr tagelang schlecht. Ich habe ihr gesagt, dass sie auch an sich denken soll, sie muss nicht jede Woche kommen.

Ihre Mutter lebt auch in der Einrichtung – könnten Sie sich vorstellen, sie nicht mehr zu besuchen?

Jöns: Nein, das kann ich nicht. Aber ich hatte eine tolle Kindheit, auch wenn mein Vater sehr früh gestorben ist. Meine Mutter war immer für mich da, jetzt muss ich für sie da sein. Aber ich arbeite mit Dementen seit 26 Jahren, beschäftige mich mit dem Thema, das tun viele Angehörige nicht.

Was raten Sie Angehörigen, die überlegen, nicht mehr zu kommen?

Audorf: Oft suchen die Ehemänner oder Ehefrauen das Gespräch mit uns. Sie erzählen davon, dass sie fix und fertig und selber krank sind. Dann rate ich ihnen häufig, sich mal eine Auszeit zu nehmen, Abstand zu bekommen. Und sie sollen erst wiederkommen, wenn sie sich stark fühlen. Viele haben jedoch ein sehr schlechtes Gewissen bei dem Gedanken, nicht mehr zu kommen. Und sie haben uns im Blick und fürchten sich davor, was wir wohl von ihnen denken würden. Ich habe großes Verständnis für ihre Entscheidung und wir unterstützen sie bei ihrem Entschluss, sonst würden sie sich immer weiter quälen. Das nützt doch niemandem. Zumal die Dementen hier gut versorgt sind.

Jöns: Leider fehlt vielen Partnern das Verständnis für die Demenz. Sie setzen sich mit dem Thema einfach nicht tiefgründiger auseinander. Wir mussten schon häufiger bei Auseinandersetzungen dazwischengehen, weil beispielsweise der Ehemann ­partout nicht verstehen wollte, warum ­seine Frau nicht isst oder mit ihm redet. Doch im fortgeschrittenen Stadium können die Dementen sich unter anderem nicht mehr ausreichend artikulieren und erkennen vertraute Personen unter Umständen nicht mehr.

Ist das ein Kernproblem, dass Angehörige sich nicht mit der Erkrankung befassen und deswegen häufig überfordert sind?

Audorf: Ja, das ist vor allem bei den Ehemännern und Ehefrauen so. Wir empfehlen hier Selbsthilfegruppen und bieten in unserem Hause regelmäßig Angehörigenabende an, aber diese werden oft von den Betroffenen nicht genutzt. Es ist eher die jüngere Generation, also die Kinder oder sogar Enkel, die unsere Angebote besucht oder sich intensiv mit dem Thema Demenz auseinandersetzt.

Wie kann man sich auf so einen Krankheitszustand vorbereiten, was raten Sie den Angehörigen?

Jöns: Wenn die künftigen Bewohner hier ankommen, ist das Kind meistens schon in den Brunnen gefallen, da gab es oft zu Hause schon eine Eskalation, bis sich die Tochter oder der Mann eingestanden haben, dass ein Zusammenleben mit dem dementen Menschen nicht mehr möglich ist. Die Beschäftigung mit dem Thema hätte schon viel früher stattfinden müssen, wenn die ersten Anzeichen von Demenz da sind und eine Diagnose vorliegt.

Audorf: Viele denken am Anfang, es wird nicht so schlimm mit der Mutter oder der Ehefrau, weil sie das Krankheitsbild nicht kennen, und versuchen lange, es alleine zu bewerkstelligen. Aber dann passieren im Verlauf der Krankheit Dramen: dass die Frau zum Beispiel unbekleidet auf die Straße läuft oder etwas in Brand steckt. Oft kommt erst dann die Einsicht, sich helfen zu lassen und handeln zu müssen.

Unterscheiden sich Ehemänner und Ehefrauen im Verständnis für die Erkrankten?

Jöns: Ich habe den Eindruck, dass das Verständnis häufig bei den Ehemännern fehlt. Diese fühlen sich nach meinen Erfahrungen oft hilflos und sind überfordert im Umgang mit ihren dementen Frauen.

Raten Sie den überforderten Männern von sich aus, Abstand von den Besuchen zu nehmen?

Jöns: Ja, das haben wir schön öfter gemacht. Ich persönlich habe schon so manchem Besucher gesagt, es sei besser, wenn er jetzt mal eine Woche zu Hause bleibt oder künftig nur noch gemeinsam mit anderen Angehörigen kommt.

Welche Reaktion erleben Sie bei Dementen, die keinen Besuch bekommen – merkt man ihnen das an, zum Beispiel an Festtagen, wenn alle Besuch bekommen? Sind sie dann trauriger?

Audorf: Die Dementen in den letzten Stadien können nicht mehr zwischen den Tagen unterscheiden, die im Anfangsstadium schon eher, mit denen versuchen wir dann über ihre Lebensgeschichte zu sprechen. Manchen ist bewusst, warum sie nie Besuch bekommen – weil beispielsweise das Familienleben eben alles andere als harmonisch war.

Wenn der Bewohner stirbt – rufen Sie dann in jedem Fall die Angehörigen dazu?

Audorf: Wir versuchen immer die Angehörigen zu erreichen. Ich habe schon öfter erlebt, dass die Bewohner sich so lange Zeit mit dem Sterben lassen, bis ihr Sohn oder ihre Tochter noch einmal bei ihnen war.

Jöns: Auch wenn man mit dem Vater oder der Mutter zerstritten ist: Ich glaube, dieser Abschied ist wichtig, um mit sich ins Reine zu kommen. Und diese Möglichkeit wollen wir jedem geben.