Stadtgeschichte

Ein Leben in Ketten: Wie Hamburger zu Sklaven wurden

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Französisches Schiff im Gefecht mit Galeeren der Barbaresken-Korsaren, Gemälde von Aert Anthonisz (1579–1620)

Französisches Schiff im Gefecht mit Galeeren der Barbaresken-Korsaren, Gemälde von Aert Anthonisz (1579–1620)

Foto: Wikipedia

Vor 200 Jahren erreichten die Überfälle islamischer Korsaren auf Handelsschiffe den Höhepunkt. Auch Hamburger wurden zu Opfern.

Hamburg. Die drei exotischen Schiffe vor der Elbmündung sind flink, gefährlich und gefürchtet wie die Giftschlangen an der nordafrikanischen Küste, und von dort kommen sie auch her. Die Haifischsilhouette mit dem scharfen Bug und den Dreieckssegeln an den schrägen Masten löst überall Panik aus. Wehe dem Kauffahrer, der den Kurs der Korsaren kreuzt! Wehe den Fischern, die es aus ihrem Dorf nicht mehr rechtzeitig in die Dünen schaffen!

Brutal und blutrünstig fallen die Piraten aus den Barbaresken, den berüchtigten Raubnestern in Algerien, Tunesien, Libyen und Marokko, auf der Nordsee über ihre Opfer her. Wer sich wehrt, stirbt. Wer überlebt, wird unter Deck angekettet. Auf den Sklavenmärkten im Maghreb sind Christen das „weiße Gold“.

Zuerst erwischt es in diesem März 1817 den Hamburger Segler „Reiherstieg“. Er muss, so die Chronik des Stadtgeschichtlers Johann Gustav Gallois, „mit der Mannschaft, die Sklaven wurden, nach Algier in die Gefangenschaft“.

In Lissabon in Sicherheit

Mehr Glück hat das russische Schiff „Industrie“: Es wird vor Kap Finisterre an der spanischen Nordwestküste ebenfalls „von einem Algerier genommen“, doch der Hamburger Kapitän Schumann „überwältigte unterwegs die Piraten und brachte das Schiff nach Lissabon in Sicherheit“. Die drei schnellen, wendigen Schebeken, die jetzt auf der Nordsee lauern, kommen aus Tunis. Schweden und Dänen haben sich bei ihnen Schutzbriefe gekauft, dürfen passieren und warnen in Hamburg vor der Gefahr.

Grausamer Menschenhandel

In der Gegenwart wird der grausame Menschenhandel der europäischen Kolonialmächte auf das Schärfste verurteilt. Nach jüngsten Schätzungen fielen ihm in den dreieinhalb Jahrhunderten zwischen 1519 und 1867 etwa elf Millionen Afrikaner zum Opfer. Der noch viel größere Menschenverlust Afrikas geht auf das Konto muslimischer Menschenjäger: Sie haben in zwölf Jahrhunderten 17 Millionen Afrikaner in die arabische Sklaverei gebracht. Und dazu, auch das ist kaum noch bekannt, mehr als eine Million Europäer.

Kühn nach 14 Jahren freigekauft

Schon zur Zeit Karls des Großen nisten sich sarazenische Seeräuber an den Küsten Südfrankreichs und Italiens ein. Seit dem 16. Jahrhundert morden und plündern sie für den türkischen Sultan auch in Nordeuropa bis nach Island.

Die Opfer erwartet Schlimmes. Nur wenige können sich freikaufen. Die anderen müssen jahrelang in der Gefangenschaft schmachten. Viele kehren nie wieder nach Hause zurück.

In Algier kommen 1650 auf 100.000 Einwohner rund 40.000 weiße Sklaven. Frauen und Mädchen werden für Haushalt und Harem islamischer Herren verkauft. Männer müssen aus den Steinbrüchen bei Algier Blöcke, die mehr als 40 Tonnen wiegen, auf Schlitten in die Stadt ziehen. Die Unglücklichsten werden an die Ruderbänke der Galeeren gekettet. Der US-Historiker Robert Davis von der Ohio State University in Columbus errechnete eine Sterberate von jährlich 20 Prozent.

Wehrlose Mannschaft

Besonders gut ist das Beispiel des jungen Matrosen Johann Michael Kühn dokumentiert. Sein Schiff wird auf der Fahrt von Hamburg ins andalusische Cádiz gekapert. Die wehrlose Mannschaft landet auf dem Menschenmarkt von Algier, dem „Badistan“. Kühn nennt ihn einen „Sammelplatz allen irdischen Jammers“.

Nackt und in Ketten wird der junge Seemann von Interessenten betastet, zum Hüpfen und Laufen gezwungen. Der Korsar, der ihn erbeutete, behält ihn dann aber selbst und zwingt ihn, bei den Raubfahrten mitzumachen. Seine Galeere heißt „Goldene Sonne“, und das nächste Opfer ist wieder ein Schiff aus Hamburg.

Heimische Zeitungen schimpfen über die „elenden Capers der Mohren“ und „türkischen Teufel“. Die Kirchen stellen bei den Opferstöcken spezielle Bittfiguren auf: aus Holz geschnitzte Seeleute mit echten Ketten sammeln Spenden für den Freikauf der Gefangenen. Seit 1622 zahlen Seeleute in Hamburgs Sklavereiversicherung „Casse der Stücke von Achten“ ein. Sie ist die erste Sozialversicherung der Welt. Kaufleute aus Italien und Spanien bringen das Lösegeld zu den Korsaren, nehmen die Befreiten an Bord und verdienen dabei nicht schlecht.

Von 1613 bis 1621 verliert Hamburg insgesamt 56 Schiffe an die Seeräuber. Der Rat steckt viel Geld in den Bau von Konvoischiffen wie die „Wapen von Hamburg“ unter dem legendären Admiral Berend Jacobsen Karpfanger. Sein Standbild steht heute an der Kersten-Miles-Brücke. Als der Senat sich im nächsten Jahrhundert die Ausgaben sparen will, fallen den Korsaren erneut 50 Handelsschiffe zum Opfer, und 682 Seeleute werden in die Sklaverei verschleppt.

US-Kriegsschiffe im Mittelmeer

Der Matrose Kühn wird nach 14 Jahren von seinem Bruder freigekauft. Landsleute haben für ihn gesammelt. Christliche Piraten, vor allem die Malteserritter, machen ihrerseits Muslime zu Sklaven, allein in Neapel sind es 10.000. Die USA bauen ihre ersten Kriegsschiffe nur zu dem Zweck, die Korsarenplage im Mittelmeer zu beenden. Die „USS Philadelphia“ läuft 1804 in Tripolis auf Grund und muss gesprengt werden. Ein Jahr später zwingt eine US-Flotte die Libyer, wenigstens ihre amerikanischen Gefangenen freizulassen.

Engländer halfen

Im Juni 1817 erwischen die drei tunesischen Schebeken auf der Nordsee noch einen Hamburger. Doch die Engländer befreien Schiff und Besatzung und zwingen die Seeräuber endlich, so Stadthistoriker Gallois, „ihr Gewerbe im Angesicht von Großbritannien zu unterlassen“.

Kurz darauf der nächste Erfolg: „Ein anderes Hamburgisches und ein Oldenburgisches Schiff befreiten die englischen Zollkutter aus den Händen der Piraten, die in den Dünen aufgebracht wurden“, berichtet Chronist Gallois.

Englische, holländische und französische Kriegsflotten bombardieren nun die Piratennester. 1830 erobern die Franzosen Algier, 1835 übernehmen die Türken Tunis und Tripolis. Damit endet die Korsarenplage auch in der Nordsee. Die „Casse der Stücke von Achten“ aber gibt es noch heute: Sie betreibt an der Bernadottestraße in Othmarschen das Pflegeheim Fallen Anker.