Seit unserer Hochzeit vor 46 Jahren führt mein Mann ein Doppelleben. Er traf sich mit seiner Geliebten im Hotel, zeugte mit ihr sogar Kinder.

Es ist so unglaublich, so grausam: Durch einen Zufall erfuhr ich, dass mein Mann mich seit unserer Hochzeit vor 46 Jahren mit seiner ehemaligen Freundin, "die er nicht vergessen kann" (seine Worte), betrügt und mehrere Kinder mit ihr zeugte. Dieses schleuderte er mir vor einem Jahr ins Gesicht, als ich ihn zur Rede stellte. Für mich sind Welten zusammengebrochen. Ich fiel in ein großes schwarzes Loch.

Die "Ehemalige" ist ebenfalls seit 46 Jahren verheiratet und hat die Kinder ihrem Ehemann untergejubelt. Mein Mann traf sie ständig in einem Stundenhotel und bezahlte sie. Mir sagte er: "Ich habe dich nie geliebt, alles war geplant und gewollt." Er führte sein Doppelleben so geschickt, dass es keiner merkte, nicht einmal ich. Geheiratet hätte er sie nie, sie habe kein Format, könne mir das Wasser nicht reichen, so seine Worte. Er kam aber nicht von ihr los, sagte: "Sie ist eine Hure!" Für meinen Mann, 74 Jahre alt und hochintelligent, bin ich immer "das Aushängeschild" gewesen. Diese Frau hat nicht einmal einen Schulabschluss. Wir waren zur Eheberatung. Es hat nichts gebracht. Einen Vertrauensbeweis sollte er mir geben. Er hat es zigmal versprochen, aber wieder gebrochen, bis zum heutigen Tag. Ich bin voller Misstrauen und finde keine Ruhe. Bitte geben Sie mir einen Rat, wie ich weiterleben kann. Barbara S., 69

Es antwortet der Psychotherapeut Dr. Uwe Böschemeyer

Ich bekenne, dass Ihr Brief mir zunächst die Sprache verschlagen hat. Und wenn ich Ihnen jetzt zu antworten versuche, so ist mir bewusst, dass sich die ganze Tragweite dessen, was Sie erlebt haben, kaum ermessen lässt.

Also: Das, was Sie durch Ihren Mann erlitten haben, kann auch ich nur grausam nennen. Damit meine ich nicht nur sein Doppelleben, sondern auch seine Doppelaussage: Er habe Sie nicht geliebt, alles sei geplant und gewollt gewesen, zugleich könne die "Ehemalige" Ihnen nicht das Wasser reichen, Sie aber seien sein Aushängeschild.

Welche Aussagen macht Ihr Mann auch über die Frau, mit der er über Jahrzehnte eine geheime "Ehe" führte? Er nennt sie eine Hure, die kein Format habe. Welch menschenverachtende Äußerungen Ihnen beiden gegenüber!

Kann man Ihren Mann verstehen? Nicht ganz. Vielleicht nur darin, dass er seiner Geliebten hörig war. Hörig sein heißt, abhängig zu sein, heißt unfrei, an das "Objekt" der Begierde gefesselt zu sein. Heißt das etwa, dass Ihr Mann gar nicht anders konnte, als ihr verfallen zu sein? Keineswegs. Von Abhängigen wissen wir, dass es sehr schwer ist, sich von der Sucht zu befreien, dass sie ein klares Motiv brauchen, um sich von den Fesseln zu lösen. Und doch: Es ist menschlich, ein Gewissen zu haben und sich in seinen Entscheidungen von ihm leiten zu lassen. Man kann auf diese "innere Stimme" hören, man kann sie auch verdrängen. Kein Abhängiger muss zwangsläufig in seiner Unfreiheit bleiben. Was kann Ihnen aus Ihrem großen schwarzen Loch heraushelfen?

1. Weil Sie, wie ich vermute, ausreichend erschüttert gewesen sind, scheint es mir notwendig, die Empörung über das Erlittene kommen zu lassen. Wer sich empört, richtet sich auf. Und - vielleicht - wird Ihr Mann sich, wenn er Sie "aufgerichtet" sieht, überlegen, ob er Ihnen nicht Achtung entgegenbringen sollte.

Die Schamlosigkeit seines Verhaltens ist mehr als grenzwertig

2. Vielleicht hilft Ihnen der Gedanke ein wenig, dass das, was sich Ihr Mann "erlaubt" hat, nicht mehr gesund zu nennen ist. Denn die Schamlosigkeit seines Verhaltens Ihnen gegenüber ist mehr als grenzwertig zu nennen. Auch die Art, wie er über seine Geliebte spricht, geht in eine ähnliche Richtung. Ob ich ihn damit entschuldige? Nein, ich versuche lediglich auf eine Seite Ihres Mannes aufmerksam zu machen, die sein Erscheinungsbild für Sie erträglicher machen könnte. Denn, wenn ich Ihre Zeilen richtig interpretiere, werden Sie sich wegen des fortgeschrittenen Alters nicht mehr trennen wollen.

3. Gibt es etwas, was Sie an Ihrem Mann noch mögen? Dass Sie dafür (wieder) einen Blick entwickeln, wünsche ich Ihnen. Denn niemand kann auf Dauer mit einem anderen (weiter-)leben, den man rundum ablehnt.

4. Sie sind jetzt zutiefst verletzt und haben dazu allen Grund. Eine solche Verletzung macht einsam. Auch wenn es mir schwerfiele, würde ich nach Menschen Ausschau halten, die ich ins Vertrauen ziehen würde.

5. Wahrscheinlich denken Sie, dass durch Ihr Leid viele Jahre Ihres Lebens verloren sind. "Verloren wäre die Zeit", so hat es Dietrich Bonhoeffer einmal tröstend gesagt, "in der wir nicht als Menschen gelebt, Erfahrungen gemacht, gelernt, geschaffen, genossen und gelitten hätten."

Für mich ist dieser Satz eine große Befreiung. Denn er macht den Sinn einer Lebenszeit nicht nur fest am Glück oder Unglück einer Partnerschaft, sondern führt uns darüber hinaus. Sein Maß ist die Intensität gelebten Lebens in dieser Zeit. Das heißt: Hast du Mensch, der du gelitten hast, in der Zeit, die dir verloren zu sein scheint, als Mensch gelebt - also nachgedacht, dich eingefühlt, gehandelt, geliebt? Hast Erfahrungen gesammelt und dazugelernt? Wenn du das hast, dann hast du gelebt. Dann hast du in dieser Zeit Sinn gehabt.

Dr. Uwe Böschemeyer ist Leiter des Hamburger Instituts für Logotherapie und Rektor der Europäischen Akademie für Wertorientierte Persönlichkeitsbildung Salzburg.