Schicksal: Vor 20 Jahren verlor er seine Sehkraft

Ronald Hinz - ein blinder Richter spricht Recht

Der 43-Jährige wohnt im Herzen von St. Pauli und arbeitet beim Landgericht Hamburg. "Ich führe ein ganz normales Leben", sagt er, "nur mit einem Handicap."

Dass Justitia, die römische Göttin der Gerechtigkeit, blind sei, über den lockeren Spruch, der bisweilen zu hören ist, hat Ronald Hinz noch nie ernsthaft nachgedacht. Hinz ist Richter - er kann niemanden sehen. Nicht den jungen Mann, der an diesem Morgen im Prozess vor ihm sitzt, der zwei Autos gekauft hat und nun vom Händler verklagt wird, weil er sie nicht bezahlt hat, nicht den Anwalt des Klägers, nicht die Protokollführerin. Keiner ahnt es im Saal: Ronald Hinz ist blind, ist einer von rund 60 blinden Richtern in Deutschland.

Der 43-Jährige, der den Fall am Landgericht an diesem Morgen verhandelt, kann gerade noch Hell und Dunkel wahrnehmen, schemenhaft, Kontraste, mehr nicht. Das ist ihm nicht anzumerken. Er trägt keine Blindenbinde, scheint den Beteiligten direkt ins Gesicht zu schauen. "Wo ist denn Ihr Anwalt?", fragt er, als er die Verhandlung eröffnet, die Personalien der Anwesenden abgefragt hat. "Nicht da", sagt der Beklagte. Hinz: "Das ist schlecht, Sie brauchen beim Landgericht einen Anwalt, sonst kommen wir hier nicht weiter."

6000 Euro begehrt der Advokat des Klägers für seinen Mandanten, den Händler. "Ich kann nichts zahlen, vielleicht 20 Euro im Monat", sagt der Autokäufer. Hinz erlässt ein "Versäumnisurteil", weil der Beklagte ohne Anwalt erschien. Doch der Rechtsprecher versprüht Lebensmut: "Nicht den Kopf in den Sand stecken." Der Autokäufer hebt seinen Kopf, freut sich über die Ansprache. Hinz diktiert den Fall der Protokollführerin, die gibt es in den PC ein, erledigt ist die Sache.

Der blinde Richter steht auf, verabschiedet sich. Er geht aus dem Saal, mit sicherem Gang. Links herum, ein paar Meter. Dann wieder links. Er hält vor einer Tür. Sein Büro. Er schließt auf. Orientierung ohne Blindenstock. Hinz lächelt. "Hier kenne ich jeden Winkel", sagt er. Er fährt den Computer hoch. Eine Stimme aus dem PC begrüßt ihn. Sie benennt jeden Mausklick, den Hinz macht. Eine besondere Sprach-Software für Blinde macht es möglich. Blindenschrift versteht Hinz nur wenig. Die Computer-Stimme liest ihm jede Mail vor. Die Akten mit den Zivilrechtsfällen, die er braucht, werden alle zuvor eingescannt. Eine Assistentin bespricht täglich mit ihm die Post.

Ronald Hinz wohnt im Herzen von St. Pauli. "Mitten im Leben", sagt er und lacht. Er wirkt positiv, dynamisch. Gut zwanzig Minuten benötigt er bis zum Gerichtsgebäude. Ampelsignale beachten, ein Auto, das ausparkt. Hupen, Stimmengewirr. Hinz horcht genau hin. "Vorsicht, da ist ein Pfeiler", sagt er einmal dem Reporter. Sein Weg: Heiligengeistfeld, Planten un Blomen, bis zum Sievekingplatz. Er geht zügig. Schritt für Schritt, punktgenau ertastet er mit dem Blindenstock die Hürden. Den klappt er vor dem Ziviljustizgebäude zusammen, verstaut ihn in seiner Aktentasche. Im Gebäude kennt er sich aus.

Ronald Hinz wuchs in Othmarschen auf, sein Vater war Steuerberater. Als Kind ist er nur stark kurzsichtig. Doch er weiß, seine Sehkraft kann sich verändern. Jeden Tag. Retinitis pigmentosa, heißt die Stoffwechselerkrankung, an der Hinz leidet, eine Netzhautdegeneration.

Er besucht das Jenisch-Gymnasium. Als Ronald Hinz 15, 16 Jahre alt ist, kann er kaum noch ein Buch lesen. Er muss mehr pauken als seine Mitschüler, härter ackern fürs Abitur. Aber er schafft es. Behält seinen Humor: "Die Bundeswehr wollte mich erstaunlicherweise nicht haben." Hinz studiert Jura in Marburg. Er lässt sich den Weg zur Uni zeigen und merkt sich, wo die Waren im Supermarkt liegen. Er wohnt in einer Studentenbude. Der junge Mann beißt sich durchs Jura-Studium, trotz Handicap. "Das war eine Quälerei."

Beim Jura-Studium lernt er seine spätere Ehefrau kennen. Er lächelt, sagt trocken: "Damals habe ich sie noch gesehen." Er schafft beide Examina, jobbt unter anderem als Anwalt. Bei TV-Richterin Barbara Salesch, früher am Landgericht in Hamburg tätig, hatte er im Referendariat eine Ausbildungsstation gehabt. 2001 wird er selbst Richter. Der Einsatz von blinden Richtern ist gesetzlich nicht geregelt. Es gibt höchstrichterliche Rechtsprechung, wonach ein blinder Richter nicht Vorsitzender einer Hauptverhandlung beim Strafgericht sein darf. Ronald Hinz arbeitet beim Zivilgericht, in einer Kammer mit zwei Kollegen. Er verhandelt in der Regel als Einzelrichter Baurechts-Streitfälle, allgemeines Zivilrecht.

Nach dem Mittagessen sitzt er wieder im Sitzungssaal. Es geht um schwere Harley-Davidson-Motorräder. Streitwert: 37 000 Euro. Ein verzwickter Fall. "Wollen Sie nicht beide aufeinander zugehen?", fragt Richter Hinz wenig später die Prozessparteien. Sie schließen einen Vergleich. Der Richter blickt in zufriedene Gesichter - die er nicht sehen kann.

Es ist Nachmittag. Ronald Hinz zieht seine Robe aus. "Feierabend", sagt er. Denkt er an die Zeit, als er noch sehen konnte? Daran, wie seine Sehkraft verschwand, ganz langsam? "Nein", sagt er. "Ich würde mich doch unglaublich belasten damit, ich lebe im Hier und Jetzt." Er mag es, mit seiner Frau einzukaufen. "Sie sucht aus." Oder mit Freunden ein Bier trinken. Joggen mit einem Kumpel. Er spielt Fußball in der Blinden-Mannschaft des FC St. Pauli. Läuft dabei einem Ball hinterher, an dem eine Klingel hängt. Hinz war sogar mal Nationalspieler. "Ich führe ein ganz normales Leben", sagt er, "nur mit einem Handicap."