Jugendgewalt

Gewalt an Hamburgs Schulen nimmt dramatisch zu

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Die Zahl der schweren Fälle wie Sexual-, Waffen- und Drogendelikte stieg um 42 Prozent. SPD fordert Auskunft über auffällige Stadtteile.

Hamburg. Die Zahlen sind alarmierend: Im zweiten Jahr der verbindlichen Meldepflicht für Gewalt an Hamburger Schulen ist die Zahl der gemeldeten Gewaltvorfälle von 361 auf 484 angestiegen. Das ist ein Plus von 34 Prozent. Die Zahlen gehen aus der Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage der SPD-Innen-, Schul- und Jugendexperten Andreas Dressel, Ties Rabe und Carola Veit hervor.

Besonders stark zugenommen haben laut Senat die sogenannten Gewaltfälle der Kategorie I, in der unter anderem Sexual- und Raubstraftaten, gefährliche Körperverletzungen, Waffen- und Drogendelikte erfasst werden. Hier betrug der Anstieg im Zeitraum April 2009 bis März 2010 gegenüber dem Vorjahreszeitraum sogar 42 Prozent auf 180 Gewalttaten, darunter allein 69 Fälle schwerer Drohungen gegen Schulen. Der Senat führt diese Steigerung auf sogenannte Trittbrettfahrer nach dem Amoklauf im baden-württembergischen Winnenden 2009 zurück. In der Kategorie II - darunter fallen Sachbeschädigung, Beleidigung und einfache Körperverletzung - stieg die Zahl um 30 Prozent auf 304 gemeldete Gewalttaten.

Die Meldungen aller Gewaltvorfälle zwischen April 2009 und März 2010 verteilen sich auf insgesamt 173 Hamburger Schulen, im Vorjahreszeitraum hatten laut Senat 139 Schulen in der Hansestadt Gewaltfälle gemeldet. Unklar bleibt dabei, ob es tatsächlich zu mehr Gewalttaten an Schulen gekommen ist oder ob sich möglicherweise nur mehr Schulen an die Meldepflicht gehalten haben.

+++ SO KRIMINELL IST IHR STADTTEIL +++

Für Andreas Dressel steht fest: "Die registrierte Gewalt an Schulen nimmt dramatisch zu. Wir müssen außerdem von einem Dunkelfeld ausgehen, das trotz Meldepflicht nicht in die Statistik eingeflossen ist." Die Schulbehörde müsse daran arbeiten, dass die Meldepflicht verbindlich eingehalten werde. Nur bei verlässlichen Meldungen könne konsequent mit Maßnahmen interveniert werden. Der Instrumentenkasten sei mit dem "Handlungskonzept gegen Jugendgewalt" vorhanden - er müsse nur durchgehend angewandt werden.

Der Senat sieht die Lage etwas anders. Die Entwicklung der Fallzahlen nach der Einführung des neuen Meldeverfahrens im Schuljahr 2008/2009 zeige einen weitgehend konstanten Verlauf. "Monatliche Steigerungen lassen sich teilweise auf besondere Ereignisse wie den Amoklauf von Winnenden zurückführen", heißt es in der Antwort auf die SPD-Anfrage. Schulen mit verstärktem Meldeverhalten, sprich einer überdurchschnittlich hohen Zahl von gemeldeten Gewalttaten, erhielten das Angebot einer fallbezogenen Unterstützung. "Darüber hinaus gibt es weitere Maßnahmen wie Anti-Gewalt-Trainingskurse für Schüler oder Fortbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen für Lehrer und Pädagogen."

Eine Antwort auf die Frage nach besonders auffälligen Schulen und gewaltbelasteten Stadtteilen blieb der Senat schuldig. Die Begründung der Schulbehörde, man wolle eine Stigmatisierung vermeiden, bezeichnet SPD-Innenexperte Dressel als nicht stichhaltig. "Mit dem gleichen Argument könnte sich der Innensenator weigern, Auskunft über Verbrechen in den Stadtteilen zu geben."

Zu guter Letzt wollten die SPD-Politiker vom Senat wissen, was unternommen wird, um die Meldepflicht der Schulen für Gewalt durchzusetzen, damit alle relevanten Fälle gegenüber Behörden und der Polizei angezeigt werden. Antwort: "Die Schulen werden durch die regionalen Unterstützungs- und Beratungszentren, die Beratungsstelle Gewaltprävention und die Schulaufsicht fortlaufend über das vorgeschriebene Verfahren informiert. Darüber hinaus ist vorgesehen, bis zu den Sommerferien eine Handreichung mit Praxisbeispielen, Hinweisen und Verfahrensempfehlungen zur Stärkung der Verbindlichkeit erzieherischer Maßnahmen an Schulen zu veröffentlichen. Den Sozialdemokraten reicht das nicht. Der Senat bleibe den Nachweis schuldig, dass die Einhaltung der Meldepflicht tatsächlich kontrolliert und durchgesetzt werde. Die Abgeordneten werfen der Schulbehörde vor, kein wirkliches Interesse an einer offenen Diskussion über das Thema Gewalt an Schulen zu haben. "Jede Kriminalstatistik weist Stadtteildaten aus. Das muss auch für die Zahlen über die Gewalt an Schulen gelten", sagt Rabe.