Schulgebäude am Tegelweg

Lernen mit Schimmel in der Bruchbude

Foto: Roland Magunia

Es regnet durch und es schimmelt. Doch die körperbehinderten Schüler und Lehrer vom Tegelweg werden seit Jahren vertröstet - aktuell bis 2011.

Farmsen. Zurzeit tropft es nicht durch die Decke. Das Wasser auf und im Dach ist gefroren. Aber genau deshalb wandert der Blick des Elternratsvorsitzenden Hans-Martin Flesch, wenn er sich in der Aula der Schule Tegelweg aufhält, immer wieder nach oben. Die Furcht, dass demnächst die Schneemassen aufs marode Dach drücken werden, wächst mit jeder Flocke.

2005 hatte das Amt für Arbeitsschutz gravierende Mängel am 1974 eigens für körperbehinderte Schüler errichteten Schulgebäude festgestellt. "Allein das Gewicht des Wassers, das die Wärmedämmung wegen der undichten Dachoberhaut aufsaugt, war schon damals für die Statik der Spannbetondecken und Trapezblech-Decken als äußerst bedenklich eingeschätzt worden", sagt Flesch. Nicht nur das Dach, auch andere Gebäudeteile sind seit Jahren in einem bedenklichen Zustand. Durch die Flure pfeift der Wind, Wände schimmeln vor sich hin.

Seit Jahren arrangieren sich die 150 teils schwer körperbehinderten und dementsprechend gesundheitlich sensiblen Kinder und ihre 75 Pädagogen immer wieder mit den Baumängeln. In regelmäßigen Abständen versprechen ihnen unterschiedlich zuständige Behörden und Ämter Größeres als nur simple Reparaturen: Grundsanierung des Gebäudes, Anbauten und zuletzt einen kompletten Neubau. Die Schule freut sich jedes Mal und schafft ebenso regelmäßig zusätzliche Eimer und Wannen an, die bei Regen in Pausen- und Sporthalle sowie auf den Fluren aufgestellt werden.

Mehr als die Hälfte der Kinder an der Schule Tegelweg können sich ausschließlich mithilfe von elektronisch gesteuerten Rollstühlen fortbewegen. Erik, 13, ist ein kluger Kopf, steht gleichaltrigen Schülern an Regelschulen kaum nach. Der Junge besucht die achte Klasse, kann sich nur schwer verständlich mitteilen. Beide Beine und der rechte Arm sind spastisch gelähmt, mit der linken Hand steuert er seinen Rollstuhl. Wie die meisten seiner Mitschüler braucht der Junge rund um die Uhr Hilfe, Pflege, individuelle Ergo- und Physiotherapie. "In unserem Therapiebereich sind seit Jahren die Fenster vernagelt, weil sie sonst aus dem Rahmen fallen würden. Weil die Räume nicht belüftet werden können, haben wir dort ein großes Schimmelproblem", sagt Flesch. "Wer übernimmt eigentlich die Verantwortung für die Gesundheit der Kinder und der Beschäftigten?", hat Flesch am 12. November - inzwischen Ex-Schulsenatorin - Christa Goetsch (GAL) in einem Brief gefragt. Eine Antwort bekam er bis zu ihrem Abtritt von der politischen Bühne nicht. Auch Interimssenator Dietrich Wersich (CDU) äußert sich derzeit nicht. "Er muss sich zu allen Fachfragen erst einen Überblick verschaffen", so Behördensprecher Rico Schmidt.

Das Schulgebäude am Tegelweg gammelt indes weiter vor sich hin. Seit 2005 gab es diverse Sanierungs- und Erneuerungsplanungen. Auf Nachfrage des Schülerrates erhielt die Schule im April 2009 die gute Nachricht vom Amt für Verwaltung in der Schulbehörde. "Jetzt kann ich euch die frohe Botschaft verkünden, dass wir mit der Sanierung der Schule Tegelweg beginnen", schrieb Amtsleiter Hannes Alpheis. Im Oktober überprüfte die Behörde dann erneut die Wirtschaftlichkeit der Maßnahme, bevor im Januar 2010 sämtliche Schulbauangelegenheiten - auch die am Tegelweg - an die neu gegründete Schulbau Hamburg gegeben wurden. Die stellte im Juni fest, dass doch ein Neubau die wirtschaftlichste Lösung sei. Soeben erklärte die Schulbau Hamburg den Planungsstopp und stellte die Dachsanierung in Aussicht. Schulleiter Matthias Gerber: "Außerdem soll der Standort vor dem Hintergrund der aktuellen Schulentwicklungsplanung hinterfragt werden." Weil künftig alle förderbedürftigen Schüler das Recht haben, eine Regelschule zu besuchen, wären Neubau oder Grundsanierung der Tegelweg-Schule womöglich demnächst gar nicht mehr nötig, weil die Schüler die Stadtteilschule oder das Gymnasium besuchen können.

"Unseren Kindern, die jetzt hier sind, helfen diese Überlegungen überhaupt nicht. Sie haben vor allem das Recht, in einem ordentlichen Gebäude beschult zu werden", sagt Flesch.

Der Beginn der Dachsanierungsarbeiten ist für Frühjahr 2011 angedacht. Bis dahin werden Eltern und Pädagogen am Tegelweg noch so manchen skeptischen Blick gen Schuldach werfen und Regenauffanggefäße kaufen. Und Erik und seine Freunde werden also noch so manchen Slalomparcours mit ihren Rollstühlen um Eimer und Wannen herumfahren.