Reform

Widerstand gegen die Hortreform wächst

Die Kritiker: Alles geht zu schnell, die Betreuung verschlechtert sich, es fehlt ein pädagogisches Konzept. Viele Horte werden vorzeitig schließen.

Hamburg. Gegen die vorgezogene Einführung der Hortreform formiert sich in Hamburg breiter Widerstand. Ein überregionales Bündnis von Kritikern fordert die Behörde auf, das Vorhaben nicht durch die Hintertür durchzusetzen. "Die ganztägige Bildung und Betreuung in Schulen sollte in Ruhe eingeführt werden, aber nun kommt sie doch an ganz vielen Schulen schon im kommenden Schuljahr", sagt Isa Baumgart vom Hamburger Bündnis für Hortbetreuung.

Prekärer Begleitumstand: Aufgrund der unsicheren Zukunft werden viele Horte vorzeitig schließen und damit den Betreuungsnotstand vorübergehend verschärfen. Der erste Hort, die Schatztruhe in Ottensen, nimmt bereits keine neuen Schulkinder mehr auf: "Wir mussten jetzt reagieren. Sonst haben wir in zwei Jahren ein Riesenproblem, wenn die Hortkinder plötzlich weg sind", sagt Leiterin Doris Noack.

Derzeit gibt es 18.000 Hortkinder. Wenn die von Schul- und Sozialbehörde gemeinsam betriebene Reform zum Schuljahresbeginn 2013/2014 flächendeckend umgesetzt ist, sollen es 28.000 betreute Kinder sein. Mehr Geld steht nicht zur Verfügung. Die Behörden rechnen damit, die laufenden Kosten der Hortreform aus den bisherigen Mitteln des Kita-Gutschein-Systems bestreiten zu können. Das Geld werde effektiver eingesetzt, deshalb könnten auch mehr Kinder betreut werden, sagt Schulbehörden-Sprecherin Brigitte Köhnlein. Die Schulen sollen künftig in Zusammenarbeit mit Hortträgern eine neue Form der Ganztagsschule anbieten. Nach dem Unterricht bis 13 Uhr schließt sich die kostenlose Nachmittagsbetreuung bis 16 Uhr an.

"Uns fehlt ein pädagogisches Konzept", sagt Jochen Schepp von der Elterninitiative Peter und Paula, die befürchtet, die Nachmittagsbetreuung könne zum reinen Verwahrungsort für die Kinder verkommen: "Den Betroffenen, also den Eltern, Lehrern, Schulleitern und Erziehern, muss klar sein, worauf sie sich einlassen, wenn die Ganztagsbetreuung an ihrer Schule schon 2011 eingeführt wird."

Bereits 80 Schulen haben inzwischen ihr Interesse an der ganztägigen Betreuung ab 2011 angemeldet. "Die Nachfrage war so groß, dass wir uns entschieden haben, allen Schulen die Möglichkeit zu geben, in die Ganztagsbetreuung einzusteigen", sagt Brigitte Köhnlein. Die Bewerbungsfrist läuft bis Januar 2011. Für Isa Baumgart, die auch Mitglied beim Landeselternausschuss Kindertagesbetreuung (LEA) ist, bedeutet der Zulauf auf die den Schulen angegliederten Hortplätze "kein Zeichen von Akzeptanz, sondern ein Zeichen der Not. Viele Eltern, die dringend einen Betreuungsplatz brauchen, denken, ,besser' den als keinen."

Die Skeptiker betonen, sie seien nicht generell gegen die Reform, "aber wenn sie kommt, muss sie gut sein", sagt etwa Jochen Schepp. "Die Übergangszeit bis 2013 ist völlig ungeklärt", sagt auch Hannes Nöllenheidt von Peter und Paul. Es fehle vielen Schulen an geeigneten Räumen und einer Ausstattung für ein gesundes Mittagessen.

Auch am Betreuungsschlüssel gibt es Kritik. In den Schulhorten gilt derselbe Schlüssel wie in der Schule: In sozial benachteiligten Gebieten sollen 19 Kinder von einem Erzieher betreut werden, ansonsten 23 Kinder. "Wir fordern einen Betreuer für höchstens 17 Kinder, so wie bisher", sagt Christiane Willim vom Hortbündnis.

Über erste Erfahrungen verfügt die Grundschule Hasenweg in Sasel, eine der fünf Pilotschulen. Hier gibt es die Ganztagsbetreuung seit Schuljahresbeginn. Von den 327 Schülern sind 170 dabei. "Es läuft recht gut", sagt Schulleiterin Ulrike Schau. Die Betreuung findet hauptsächlich in den Klassenräumen statt. Allerdings gebe es noch einige Probleme, so Schau: Trotzdem steht sie hinter dem neuen Angebot. "Die Dinge müssen sich entwickeln."

Die Kritiker wollen diese Entwicklung gern abwarten: "Man sollte die Erfahrung der Pilotschulen nach zwei Jahren auswerten. Isa Baumgart: "Im Zentrum müssen die Bedürfnisse des Kindes stehen. Danach muss man ein tragfähiges Konzept mit Hortträgern und Eltern entwickeln."