Justiz

Im Offenen Gerichtssaal lernen Schüler, was Recht ist

Was ist es für ein Gefühl, auf der Anklagebank zu sitzen? Helen (14) guckt ratlos. "Ich habe noch nie etwas mit der Polizei oder dem Gericht zu tun gehabt", sagt die Achtklässlerin und setzt sich auf die lange Holzbank. Wäre das jetzt eine richtige Gerichtsverhandlung, säße sie vis-à-vis dem Vorsitzenden Richter - mit direktem Augenkontakt. "Das ist schon ein komisches Gefühl." Ein paar Schritte weiter liest Isabella (15) den Bericht eines Jungen, der Opfer einer Schlägerei auf der Reeperbahn wurde. "Das ist für mich weit weg, aber interessant", sagt sie. "Man merkt, dass es um Menschen und Schicksale geht."

Die Schüler der Sophie-Barat-Schule sind die Ersten, die gestern den Offenen Gerichtssaal (DOGS) im Strafjustizgebäude am Sievekingplatz besuchten. "Der Offene Gerichtssaal bietet einen Einblick in die Recht sprechende Gewalt", sagt Matthias Lux, Jugend- und Strafrichter am Amtsgericht Hamburg. Gemeinsam mit neun Kollegen hat er das Projekt in den vergangenen zwei Jahren ehrenamtlich aufgebaut.

"Wir wollen den Jugendlichen die Gangster-Rap-Flausen austreiben und sie zum Nachdenken über die Folgen von Straftaten anregen." Angesprochen werden sollen vor allem Schüler, aber auch für andere Interessierte ist der Anschauungsraum in Sachen Justiz offen (Informationen unter der Telefonnummer 428 43 23 45 oder per E-Mail unter DOGS@ag.justiz.hamburg.de ). "Es ist ein wichtiger Beitrag zur Prävention", lobt Justizsenator Till Steffen (GAL) die Initiative gestern bei der Einweihung. Dabei ist die Idee, so Landgerichtspräsidentin Sibylle Umlauf, "dass die Schüler erst eine reale Gerichtsverhandlung erleben und im Offenen Gerichtssaal die Hintergründe erfahren".

Auf großen Infotafeln werden im Saal 201a des Strafjustizgebäudes grundsätzliche Fragen zum Strafrecht erläutert: Was bedeutet Jugendstrafe? Wie läuft eine Hauptverhandlung? Es gibt Interviews mit Strafgefangenen, Auszüge aus Jugendarrest-Tagebüchern und Berufsinformationen.

Ein Orginalbett aus der Untersuchungshaft oder ein Drogenschmuggelschuh sollen einen Eindruck von der Knastwirklichkeit vermitteln. "Es ist eine gute Ergänzung zu einem Gerichtsbesuch", sagt Lehrer Matthias Siemer, der mit seiner achten Klasse das Thema Rechtsstaat gerade im Unterricht behandelt hat.

Auch Veranstaltungen sind geplant. "Wir haben ja alles da, Plätze für Richter, Staatsanwalt und Sachverständige, Zeugenstand und eine Anklagebank", sagt Initiator Lux, der sich vorstellen kann, dass Schüler auch in die Rolle des Angeklagten schlüpfen. "Normalerweise kennt man Prozesse ja nur aus dem Fernsehen", sagt Achtklässler David (13). Auch sein Freund guckt nachdenklich: "Ich kenne Leute, die schon mal beim Klauen erwischt wurden. Jetzt kann ich mir vorstellen, was danach kommen kann."