Gerichtsurteil

Hamburger fuhr Radfahrer absichtlich an: „Ich war geschockt“

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Bettina Mittelacher
Der Fahrradfahrer stürzte bei der Kollision in Hamburg vom Fahrrad und verletzt sich (Symbolbild).

Der Fahrradfahrer stürzte bei der Kollision in Hamburg vom Fahrrad und verletzt sich (Symbolbild).

Foto: Fotostand / picture alliance

Vor sechs Monaten fuhr Navid N. den Radfahrer Jan W. absichtlich an, um ihm eine Lektion zu erteilen. Nun steht das Urteil fest.

Hamburg. Es hat etwas von einem Rachefeldzug. Ein Autofahrer, der mit dem Verhalten eines anderen Verkehrsteilnehmers nicht einverstanden ist – und ihn zurechtweisen will. Ohne Rücksicht auf Verluste? Ohne zu bedenken, wie gefährlich die Aktion für den anderen werden kann, lebensgefährlich sogar? Denn die Methoden, die Navid N. für seine Lektion nutzte, waren brachial.

Gut sechs Monate liegt die Kollision zwischen dem 39-Jährigen und seinem Unfallgegner an der Budapester Straße jetzt zurück, ein Moment, in dem nicht nur zwei Verkehrsteilnehmer, sondern auch zwei Welten aufeinander zu prallen scheinen. Die Kräfteverhältnisse sind extrem ungleich verteilt. Deutlich mehr als eine Tonne Gewicht gegen nicht mal 100 Kilogramm, weit mehr als 200 Pferdestärken gegen einen Menschen auf einem Rennrad.

Hamburger Täter fuhr Opfer absichtlich an

Weil Navid N. den Unfall vom 1. September vergangenen Jahres verschuldet haben soll, muss sich der Hamburger jetzt unter anderem wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr sowie gefährlicher Körperverletzung verantworten. Er ist angeklagt, nach einem Missverständnis im Straßenverkehr mit seinem Audi S 4 einen Mann auf dessen Rennrad verfolgt und ihn schließlich frontal von hinten angefahren zu haben. Das Opfer stürzte und wurde erheblich verletzt. Dann, so die Vorwürfe weiter, sei Navid N. einfach weggefahren.

Mit schuldbewusster Miene sitzt der 39-Jährige jetzt im Gericht. Zu der Anklage lässt der kräftig gebaute IT-Berater lieber seinen Verteidiger sprechen. Sein Mandant sei dem Radfahrer aus Verärgerung über ein vermeintliches Fehlverhalten gefolgt, erklärt der Anwalt. „Er hat ihn nur versehentlich umgefahren. Dann ist er unter Schock weggefahren.“

Angeklagter entschuldigte sich vor Prozess bei Opfer

Unfallopfer Jan W. ist ein gebranntes Kind. Es sei das fünfte oder sechste Mal, erzählt der 34-Jährige, dass er auf seinem Rad durch Autofahrer in eine gefährliche Situation geraten ist. „Man wird ausgebremst, oder die Vorfahrt wird einem genommen.“ Aber Navid N. sei „der Erste, der sich dafür auch entschuldigt hat“. Der Angeklagte habe ihn vor dem Prozess angesprochen. „Es tut ihm voll Leid.“

Der Zeuge war mit seinem Rennrad auf der Straße unterwegs. Auf dem Radweg liege insbesondere während des Corona-Lockdowns immer sehr viel Müll herum. „Deshalb deshalb bin ich dort nicht gefahren, aus Sicherheitsgründen.“ Jan W. schildert, wie er im relativ dichten Feierabendverkehr beim Abbiegen aus Richtung Innenstadt in die Budapester Straße von einem Audi geschnitten wurde. Daraufhin habe er Handzeichen gemacht, die der Autofahrer jedoch ignoriert habe.

Jan W.: „Ich war geschockt.“

„Da habe ich einen kleinen Stups gegen seinen Außenspiegel gegeben.“ Es sei aber definitiv nichts kaputt gegangen. Der 34-Jährige fuhr weiter. Plötzlich bekam sein Rad einen massiven Stoß von hinten, er stürzte schwer. „Ich war geschockt.“ Jan W. zog sich diverse Hämatome und Schnittverletzungen zu, ein Zahn brach ab, die Lippe musste genäht werden. Und sein teures Carbon-Rennrad war Schrott. Während er noch auf der Straße lag, hörte Jan W., wie der Audi „mit aufheulendem Motor“ wegfuhr.

Weil sich Zeugen das Kennzeichen des Unfallwagens gemerkt hatten, konnte die Polizei Navid N. schnell als Fahrer ermitteln. Der 39-Jährige habe die Kollision sofort zugegeben, schildert ein Polizeibeamter im Prozess. Dass er vom Unfallort weggefahren war, habe der Verdächtige damit begründet, dass er „unter Schock gestanden“ habe. „Er zeigte sich reumütig und beschämt.“ Allerdings habe ein von der Polizei vorgenommener Schnelltest einen Hinweis ergeben, dass Navid N. Kokain genommen habe. Eine anschließende genaue rechtsmedizinische Untersuchung zeigte, dass der Drogenkonsum mehrere Tage zurücklag.

Täter wurde schon vor zwei Jahren auffällig

Vor zweieinhalb Jahren ist Navid N. schon einmal wegen eines Vorfalls im Straßenverkehr verurteilt worden, seinerzeit zu einer Geldstrafe. Damals hatte er eine Frau, mit deren Fahrweise er nicht einverstanden war, dicht überholt und sie dann durch immer drastischeres Abbremsen bis zum vollkommenen Stillstand gezwungen — und das auf einer stark befahrenen Autobahn.

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Sein Mandant habe erkannt, dass er etwas gegen sein erhöhtes Aggressionspotential tun müsse, erklärt der Verteidiger. Deshalb bemühe sich Navid N. um einen Platz für eine Therapie.

Hamburger wird zu Freiheitsstrafe mit Bewährung verurteilt

18 Monate Freiheitsstrafe mit Bewährung lautet schließlich das Urteil des Schöffengerichts. Für Navid N.’s Führerschein wird eine Sperrfrist von anderthalb Jahren verhängt. Außerdem muss der 39-Jährige 6000 Euro Geldbuße zahlen, davon 2000 Euro an das Opfer. Es sei nur einem glücklichen Zufall zu verdanken, dass der Radfahrer bei der Kollision nicht noch schwerer verletzt wurde, betont der Vorsitzende. Man könne auch von Glück sagen, dass das Opfer, als er verletzt auf der Straße lag, im dichten Feierabendverkehr nicht noch von einem weiteren Auto angefahren wurde.

„Sie stellen eine Gefahr für den Straßenverkehr dar“, redet der Richter dem Angeklagten ins Gewissen. Damals, auf der Autobahn, habe er jemanden maßregeln wollen. Und dieses Mal, im Feierabendverkehr, „fahren Sie einen Radfahrer um. Sie schwingen sich auf und sagen: Denen zeige ich es mal!“ Wenn es an der Zeit sei zu entscheiden, ob Mavid M. seine Fahrerlaubnis zurück bekommen kann, „muss man sehr genau gucken, ob man es verantworten kann, dass Sie wieder als Autofahrer am Straßenverkehr teilnehmen“.

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