St. Pauli

Zerschlägt die Polizei den offenen Drogenhandel?

Razzia der Hamburger Polizei an der Hafenstraße auf St. Pauli: Mutmaßliche Drogendealer werden festgenommen.

Razzia der Hamburger Polizei an der Hafenstraße auf St. Pauli: Mutmaßliche Drogendealer werden festgenommen.

Foto: Michael Arning

16 mutmaßliche Dealer bei Hafenstraßen-Razzia festgenommen – ohne Aufschrei der linken Szene. Wie sich der Drogenverkauf wandelt.

Hamburg. Es war eine genau vorbereitete Aktion: Nach der Drogenrazzia in einem Hinterhof an der St. Pauli-Hafenstraße hat die Polizei die Ergebnisse der Durchsuchung präsentiert. Es seien erneut neben Marihuana auch „größere Mengen harte Drogen“ sichergestellt worden. Sie werden an dem Brennpunkt offenbar mittlerweile vermehrt gehandelt. Die linke Szene, die die Straßendealer insgesamt bislang unterstützt, hielt sich mit Unmutsbekundungen zurück. In Polizeikreisen wird dies so gedeutet, dass zumindest Teile der linken Szene den Handel mit harten Drogen offenbar inzwischen kritischer sehen.

Die offizielle Ausbeute der Beamten beläuft sich auf 320 Gramm Marihuana, verkaufsfertig abgepackt in sogenannten „Grip-Beuteln“, aber auch auf 40 Ecstasy-Tabletten, 15 sogenannte „Tränen“ mit Kokain und 20 kleine mit Kokain gefüllte Gefäße, sowie Amphetamin. Vor der Aktion unter dem Codenamen „Treppe“ hatten zivile Beamte hatten zunächst beobachtet, wie Konsumenten zum Drogenkauf auf den Hinterhof kamen. Das Areal nahe der Balduintreppe gilt seit Jahren als Rückzugsraum der Dealer vor Ort.

Task Force Drogen wurde von Bereitschaftspolizisten verstärkt

Um kurz nach 17 Uhr am Donnerstag schlug die sogenannte Task Force zur Drogenbekämpfung zu – verstärkt durch drei Züge Bereitschaftspolizei, Bundespolizei und Beamte der Ausländerbehörde. Zwei Dealer und zwei Konsumenten wurden bereits im Umfeld des Hofes festgenommen, 14 weitere Dealer und einer ihrer Kunden auf dem Hinterhof überrascht. Alle mutmaßlichen Drogenhändler wurden zunächst festgenommen. Acht von ihnen wurden später der Ausländerbehörde überstellt, weil sie offenbar ohne Aufenthaltstitel in Deutschland sind. Zwei weitere Dealer kamen vor einen Haftrichter.

Die Konsumenten wurden zunächst nur vorübergehend festgehalten und vor Ort ihre Personalien überprüft. „Der Aufschrei aus der Szene hielt sich in Grenzen“, sagte ein Beamter nach dem Einsatz. Zwar war die Nachricht des Zugriffs inklusive Fotos schnell über soziale Netzwerke verbreitet worden. Aber größere Pöbeleien, früher festes Ritual bei solchen Polizeieinsätzen im linken Milieu der St. Pauli Hafenstraße, blieben diesmal aus. Auch ein Bürgerschaftsabgeordneter der Linken, der zum Einsatzort geeilt war, verhielt sich, so sagen Beamte „passiv“ und blieb Beobachter.

Hafenstraße: Wohnprojekt ist Brennpunkt der Drogenszene

Insgesamt waren bis zu 28 Beobachter vor Ort, die der linken Szene zugerechnet werden. Die meisten von ihnen verschwanden wieder, bevor der Einsatz gegen 19 Uhr beendet war. Der Hinterhof an der Hafenstraße, der zu einem alternativen Wohnprojekt gehört, ist einer der Brennpunkte der offenen Drogenszene in Hamburg.

Die Form der offenen Unterstützung einiger Anwohner ist einmalig. Einzelne Alteingesessene sagen jedoch auch, dass sie die starke Polizeipräsenz vor Ort unterstützen. „Es ist ein schmaler Grat, weil die Polizeikontrollen auch Schwarzafrikaner treffen, die nichts mit dem Drogenhandel zu tun haben. Andererseits haben wir viele Kinder hier im Viertel – und eine Mehrheit der Gegendemonstranten wohnt nicht einmal auf St. Pauli“, sagt ein Anwohner.

Ein großes Tor macht den Hinterhof an der Hafenstraße zu einem geschlossenen Bereich. Auf einem Schild wird die Polizei verunglimpft und aufgefordert, sich fernzuhalten. Seit dem Jahr 2016 kommt es dort jedoch immer wieder zu Razzien. Rund 20.000 Personalstunden investiert die Polizei jeden Monat durchschnittlich, um den Handel auf Straßen, auf Plätzen und in Parks zu bekämpfen.

„Wir haben es gerade im Bereich Hafenstraße mit einem komplexen Wohnumfeld mit einer Schule zu tun, in dem mit harten Drogen gehandelt und auch an Jugendliche verkauft wird“, sagt Polizeisprecher Timo Zill.

Dominiert wird die „Frontdealerszene“ im Bereich St. Pauli von Schwarzafrikanern. Die am Donnerstag festgenommenen Drogenhändler stammen aus unterschiedlichen Ländern Afrikas. Auch in der Statistik der Polizei sind die Verhältnisse eindeutig: Von den 1804 Verdächtigen, die im vergangenen Jahr in ganz Hamburg im Zusammenhang mit Schmuggel oder Handel von Drogen festgenommen wurden, besaßen knapp zwei Drittel keinen deutschen Pass.

Hintermänner steuern das Geschäft von Shisha-Bars aus

Die Polizei arbeitet deshalb bei Aktionen wie am Donnerstag mit der Ausländerbehörde zusammen. In der linken Szene werden die Frontdealer dagegen eher als Opfer ihrer Umstände gesehen – sie hätten keine Bleibeperspektive und oft auch keine Erlaubnis zu legaler Arbeit. Auch in Polizeikreisen ist davon die Rede, dass die wahren Hintermänner das Geschäft an Brennpunkten wie der Balduintreppe etwa von Shisha-Bars aus steuern.

Zwar gelingt es der Polizei immer häufiger, die Dealer nach ihrer Festnahme dauerhaft von der Straße fernzuhalten – 2018 wurde gegen 122 von 158 Dealern, die innerhalb von vier Monaten dem Richter vorgeführt wurden, Haftbefehl erlassen. Das geht aus einer Senatsantwort auf eine Anfrage der Linken-Fraktion hervor. Neue Dealer kommen jedoch schnell nach.

„Wir werden deshalb einen langen Atem haben müssen und auch haben“, sagt Polizeisprecher Timo Zill. Der Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Joachim Lenders (CDU), sieht die jüngste Aktion als Beleg dafür, dass ein Einschreiten nötig ist. „Wenn alternativ eingestellte Anwohner glauben, dass Dealer sich nach ihren Regeln verhalten und auf sie bei ihren Geschäften Rücksicht nehmen, sind sie einfach nur blauäugig.“