Reeperbahn

Schüsse auf Mongols-Rocker: Verdächtige sind wieder frei

Hamburger Mongols-Präsident flüchtet sich im Kugelhagel der Hells Angels in Taxi. Ein Milieu-Experte sagt: Jetzt geht es um Rache.

Hamburg. Durch Schüsse ist an der Reeperbahn auf St. Pauli am späten Montagabend ein Mitglied des Rockerclubs Mongols schwer verletzt worden. Der Mann war zuvor mit zwei Begleitern in ein Taxi gesprungen, als aus einem anderen Wagen heraus das Feuer eröffnet wurde. Mindestens sieben Schüsse gaben die Angreifer, offenbar Mitglieder der Rockergruppe Hells Angels, ab. "Das Taxi wurde regelrecht zersiebt", sagte ein Polizeisprecher.

Der Vorfall ereignete sich gegen 22 Uhr an der Reeperbahn, Ecke Holstenstraße. Zuvor hatten laut Polizei neun Personen, die der Rockergruppe Mongols zugerechnet werden, in dem nahe gelegenen Restaurant Schweinske gegessen. Als die drei Männer aus der Gruppe das Lokal zum Rauchen kurzzeitig verließen, wurden sie auf der Straße offenbar von mehreren Männern attackiert.

Schüsse auf den neuen Mongols-Präsidenten

Daraufhin flüchteten die drei Mongols – unter ihnen ihr neuer Hamburg-Präsident Kevin S. (27) – in das Taxi an der Holstenstraße. Laut Augenzeugen sollen sie dabei den 46 Jahre alten Fahrer mit einer Schusswaffe bedroht haben. Der sprang daraufhin aus dem Auto und lief weg. Gleichzeitig fielen die Schüsse. Ein Mongols-Rocker wurde am Rücken, im Bereich der Niere, getroffen und später unter Polizeibewachung in ein Krankenhaus eingeliefert. Ein zweiter Rocker aus dem Taxi wurde durch einen Streifschuss leicht verletzt. Neu-Präsident Kevin S. blieb unverletzt.

Als die Mongols im Schweinske die Schüsse hörten, verließen alle fluchtartig das Lokal. Dabei stürzte einer der Rocker und brach sich beide Beine. Auch er wurde in eine Klinik gebracht.

Zwölf Hells Angels festgenommen

Die Polizei fahndete anschließend mit 46 Streifenwagen nach den Tatverdächtigen. Aufgrund von Zeugenaussagen wurden drei Fahrzeuge in Tatortnähe gestoppt. Die insgesamt zwölf Fahrzeuginsassen – alle aus dem Umfeld der Hells Angels – vorläufig festgenommen. Auf dem Fluchtweg entdeckten die Beamten eine scharfe Schusswaffe sowie ein Messer. Ob es sich bei der Schusswaffe um eine der Tatwaffen handelt, ist zur Zeit noch unklar.

Die Fluchtfahrzeuge stellten die Beamten sicher. Drei weitere Fahrzeuge, die dem Umfeld der Hells Angels zugerechnet werden, wurden von Ermittlern in Tatortnähe parkend aufgefunden und ebenfalls sichergestellt.

Zur Zeit dauern die Vernehmungen der Zeugen und Tatverdächtigen sowie Spurensicherungsmaßnahmen an. Ob die zwölf Hells Angels etwas mit dem Angriff zu tun haben, wird noch ermittelt. Polizeisprecher Jörg Schröder: "Ob es diesen Zusammenhang gibt, werden die Ermittlungen ergeben." Die Vorgehensweise, so Schröder, lasse aber durchaus auf einen Milieuhintergrund schließen.

Milieu-Experte rechnet mit Rache der Mongols

Dass die Rocker-Kriminalität in Hamburg plötzlich so eskaliert, überrascht auch die Hamburger Milieu-Ermittler. Nach den Verhaftungen in den vergangenen Wochen, schien Ruhe eingekehrt zu sein. Bei den Vernehmungen heute stießen die Beamten jedenfalls auf eine Mauer des Schweigens: Keine brauchbaren Aussagen, keine brauchbaren Erkenntnisse zu den Hintergründen. "Wir gehen davon aus, dass wir alle wieder laufen lassen müssen", sagte ein Ermittler dem Abendblatt. Und tatsächlich: Am späten Nachmittag waren alle zunächst Verdächtigen wieder frei.

Von der Hamburger Innenbehörde heißt es zu den Entwicklungen: „Wir beobachten die Vorfälle und sind in engem Austausch mit der Polizei“. Doch über die Entwicklung der Rotlichtkriminalität wolle man nicht spekulieren. „Die Ermittlungen bleiben abzuwarten", sagt Hauke Carstensen.

Fakt ist, dass die Mongols am Montagabend vorgeführt wurden. Damit sei klar, dass sich die Gruppe rächen werde, sagt Milieu-Experte Jürgen Roth in Frankfurt. „Das wäre das erste Mal, wenn das nicht passieren würde.“

So eskalierte der Rocker-Streit

Die Schüsse an der Reeperbahn sind der vorläufige Höhepunkt eines sich seit mehreren Monaten aufschaukelnden Konflikts unter Rockern. Regelmäßig berichteten Hamburger Medien in der Vergangenheit über Provokationen bzw. Polizeiaktionen im Zusammenhang mit Mongols und Hells Angels.

Im Juli landet das Mobile Einsatzkommando mit einem Hubschrauber auf dem Dach des Penthouses von Erkan U. an der Hoheluftchaussee und stürmt die Wohnung – auf der Suche nach einer Schusswaffe.

Im Oktober explodiert eine Handgranate unter dem Lamborghini des Mongols-Präsidenten Erkan U. – wieder an der Hoheluftchaussee.

November: Schaulaufen von Mongols und Bandidos in Kutten auf der Reeperbahn. Ermittler der Polizei werten die Aktion in erster Linie als Provokation – inoffiziell gilt der Hamburger Kiez als Gebiet der Hells Angels.

Tage später wird Erkan U. von einem Rollkommando in seinem Penthouse überfallen und verprügelt. Dabei stehlen ihm die Angreifer seine Präsidenten-Lederkutte, ziehen sie an der Reeperbahn einem Transvestiten an, der damit schließlich vor Susis Showbar an der Großen Freiheit tanzt – eine Demütigung, die per Handyvideo über Facebook verbreitet wird.

Anfang Dezember wird der bis dahin "amtierende" Hamburger Mongols-Präsident Erkan U. vom Mobilen Einsatzkommando in seinem Penthouse verhaftet. Stunden später übernimmt Kevin S. dessen Rolle.

Mitte Dezember: Die Polizei stürmt und durchsucht zehn Wohnungen und verhaftet drei Mongols-Rocker.