Polizei Hamburg

Meine Mission: Polizisten in Afghanistan ausbilden

Foto: Polizei

Jörg Lorenzen von der Hamburger Landespolizeischule: Mit Waffen können sie umgehen, aber Reiterspiele lehnen sie ab.

Hamburg. Es ist heiß und staubig in Afghanistan, aber nun ist die Quälerei beendet. Nach vier Wochen Training verabschieden sich die 47 ausgebildeten Polizisten, verlassen das Police Training Center (PTC) in Masar-e Scharif. Knapp 250 Kilometer entfernt, in der Provinz Faryab, werden sie die überwiegend ausländischen Arbeiter auf der "Ring Road", der ringförmigen Hauptverkehrsader des Landes, vor Entführungen schützen. Knapp 90 US-amerikanische Dollar reicher und ihre Ernennungsurkunden in den Taschen, die sie als Ordnungshüter der Afghan National Police (ANP) ausweisen, verschwinden sie in eine unsichere Zukunft. Sie sollen für Ordnung in dem kriegsgebeutelten Land sorgen - irgendwann auch ohne ausländische Hilfe.

Für Jörg Lorenzen endet eine Mission. "Meine eigene Mission", wie der 55-Jährige später in einer Reportage für das Hamburger Polizei Journal rekapituliert. 69 Tage hatte er in Masar-e Scharif, der größten Stadt im nördlichen Afghanistan, Hauptstadt der Provinz Balkh mit über 300.000 Einwohnern, verbracht. Es war sein Traum vom Auslandseinsatz, der Lorenzen, den Schießausbilder an der Landespolizeischule, nach Afghanistan führte. Als einer von bislang sechs Hamburger Polizisten, die sich freiwillig am deutschen Beitrag zum Wiederaufbau des Landes beteiligten - im 2002 ins Leben gerufenen German Police Project Team.

Im Sommer 2009 sitzt er mit drei Kollegen aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen in einer Bundeswehr-Maschine. Lange Gespräche mit der Familie und ein mehrwöchiger Lehrgang bei der Bundespolizei in Lübeck liegen hinter ihm. In den nächsten Wochen wird er Afghanen im "robusten Basistraining" ausbilden. Doch was ihn nach dem Anflug auf Masar-e Scharif erwartet, weiß er nicht: Die ersten Tage sind gewöhnungsbedürftig. Bei 40 Grad im Schatten, mit einem Dutzend anderer Männer im Mannschaftszelt - Lorenzen kriegt kaum ein Auge zu, die Generatoren rattern, die Klimaanlage dröhnt. Wer zu trinken vergisst, wird mit höllischen Kopfschmerzen bestraft. Tage später bezieht er mit einem Kollegen ein klimatisiertes Zwölf-Quadratmeter-Zimmer in einem Großcontainer im Camp Marmal.

Am Fuße des Marmalgebirges hat die Bundeswehr ihr Feldlager aufgeschlagen. Auf 200 Hektar leben Soldaten und zivile Helfer aus sieben Nationen, die sich in Kneipen, Lokalen und Fitnessräumen vom Alltag ablenken. "Der Eindruck einer 'All-inclusive-Ferieneinrichtung' entstand allerdings nicht", berichtet Lorenzen - in der ersten Woche sterben drei deutsche Soldaten bei einem Taliban-Angriff.

Mit einem Tag Verspätung treffen seine Schützlinge ein: 47 verwegene Gestalten in abgegriffenen Uniformen, die den Hamburger selbstbewusst mustern. 250 Kilometer bei sengender Hitze und auf offenen Fahrzeugen liegen hinter ihnen. Vier Monate zuvor waren sie für den Dienst bei der ANP rekrutiert worden - bislang ohne Sold. Bei den Deutschen erwarten sie klimatisierte Zelte, Duschen, Toiletten, drei Mahlzeiten am Tag.

Zwei Tage dauert das "Inprocessing": Die angehenden Ordnungshüter werden fotografiert, erhalten Lagerpässe, Schutzkleidung, Sportzeug. Schwieriger gestalten sich die ersten Antretversuche. "Die Aufteilung in zwei Züge à drei Gruppen erwies sich als echte Herausforderung", so Lorenzen. Auch nach vier Wochen regelmäßigen Stillstehens kam es immer wieder zu Rangeleien. Während der Ausbildung treten kulturelle, aber auch körperliche Unterschiede klar hervor: Lorenzen ist erstaunt über die Unsportlichkeit und das kaum ausgeprägte Koordinationsvermögen der Männer. Kaum einer schafft es, beim Eierlauf 50 Meter geradeaus zu laufen. Die Rekruten nehmen es mit Humor.

Lorenzen versucht sich beim Befehlen in der Amtssprache Dari, was der Stimmung nicht weniger abträglich ist. Die Männer verweigern das Römische Reiterspiel, weil der Koran verbietet, Tiere darzustellen. Auf die Frage, was sie täten, würde ein Kamerad verletzt, antworteten sie: Erst fragen, aus welchem Dorf der komme - man könnte verfeindet sein. Zudem, berichtet Lorenzen, war das Sichern von Bargeld für die Männer wichtiger als alle lebensrettenden Maßnahmen.

"Wir sind Afghanen!", antworten die angehenden Polizisten auf Lorenzens Frage entrüstet, wer schon mal geschossen habe. Eine Waffe auseinander- und zusammenzubauen, bereitet ihnen genauso wenig Probleme wie eine Ladehemmung zu beseitigen. In Gesprächsrunden, die um Deutschland und die Beweggründe der Deutschen kreisen, kommen sie sich näher: "Hier gelang es uns manchmal trotz enormer kultureller Unterschiede, Brücken zu schlagen, Verhaltensweisen zu erklären, zu motivieren", sagt Lorenzen. Doch die unterschiedlichen Anschauungen scheinen unüberwindlich: Warum Taliban von den ANP-Polizisten erschossen würden statt sie einem Gericht zu übergeben, fragt ein Rekrut beim Thema Menschenrechte. Doch im gleichen Gespräch bleibt der Satz, dass Frauen, die zum Christentum konvertieren wollen, aufzuhängen seien, ohne Widerspruch.

Lohnt es sich, für nur drei Monate als Trainer nach Afghanistan zu gehen? "Ja, für beide Seiten", sagt Lorenzen. "Ich habe eine Menge gelernt, kulturell wie fachlich." Und: "Wir haben 47 Männern, die wirklich Polizisten werden wollen, etwas vermitteln können und wahrscheinlich deren Lebenserwartung zumindest verlängert." Trotz Kargheit, Hitze und der Sandstürme sei Afghanistan ein faszinierendes Land. Und Lorenzen bedauert, dass er wenig Kontakt zur Bevölkerung bekomme. "Mal einen Tee draußen, also außerhalb des Lagers, zu trinken, das war für uns nicht möglich." Überhaupt: "Wer unterhalte sich schon gern mit einem Mann, der mit Gewehr, Schutzweste und Sonnenbrille irgendwie martialisch aussieht", sagt Lorenzen. "Und der sich mal schnell den Außenbereich der weltberühmten und wunderschönen Blauen Moschee anschauen will."

Trotz aller Zufriedenheit über das Erreichte warnt Lorenzen: Noch hätten die Deutschen einen guten Stand in der Bevölkerung. Es sei aber an der Zeit, den Ausbau des eigenen Camps zu beenden. Dringender sei, die Lebensqualität der Afghanen zu verbessern. "Die afghanischen Arbeiter im Camp Marmal werden täglich mit neuen Annehmlichkeiten wie Geländewagen mit cremefarbenen Ledersitzen und DVD-Player konfrontiert - nur bei ihnen zu Hause ändert sich kaum etwas." Armut und Elend seien allgegenwärtig, mahnt Lorenzen. "Ändern wir diese Situation nicht, dann könnte sich die Sicherheitslage auch im Norden verschärfen." Das hätte zur Folge, dass die Deutschen nur noch damit beschäftigt sein werden, sich selbst zu schützen - anstatt andere dazu auszubilden.