Der rote Faden

Christian Seeler: „80 Prozent Auslastung sind Pflicht“

| Lesedauer: 9 Minuten
Alexander Schuller

Ohnsorg-Intendant Christian Seeler hat sich eher treiben lassen als eine Karriere anzustreben. Aber er hat immer im richtigen Moment zugegriffen.

Kein großer Auftritt, keine wallende Mähne, keine extravagante Kleidung, keine ausladenden Gesten. Sondern ordentlich gestutzte Haare, ein fliederfarbenes Hemd, ein klassisches Sakko über einer dunkelgrauer Hose und ein fester trockener Händedruck in einem funktional eingerichteten Büro mit Blick auf den Heidi-Kabel-Platz am Hauptbahnhof. Christian Seeler würde einen prima „Herrn Kaiser von der Hamburg-Mannheimer“ abgeben.

Aber schon die ersten Sätze, die mit norddeutschem Akzent aus seinem Mund sprudeln, verraten den Theatermann mit Leidenschaft. „Ein Theater ist kein Museum. Es muss sich ständig weiterentwickeln“, sagt Ohnsorg-Intendant Seeler. Sein großes Glück sei es, dass gerade unter jungen Leuten die Begeisterung fürs Plattdeutsche wächst. „Um es mit Ina Müller zu sagen: ‚Platt ist nicht uncool‘. Das war es wohl auch nie, das merken wir vor allem an der hervorragenden Auslastung unseres Ohnsorg-Studios.“

Aber zu seinem Geschäft gehören eben auch harte Fakten. „Wer Intendant eines Privattheaters ist, muss ganz andere Einnahmen erwirtschaften. Eine Auslastung von 80 Prozent ist Pflicht, aber wir merken einen Strukturwandel. Die Anzahl der langjährigen Abonnenten geht zurück. Wir werden deshalb neben aktuellen Stücken auch wieder legendäre Ohnsorg-Klassiker wie ,Tratsch im Treppenhaus‘ ins Programm aufnehmen“, sagt er. Und besondere Stücke, die ein breites Publikum ansprechen. „Im nächsten Jahr bringen wir Fatih Akins ‚Soulkitchen‘ auf die Bühne. Diese Geschichte spielt ja in Wilhelmsburg, eignet sich also hervorragend für die Übertragung ins Plattdeutsche.“ Vermutlich ist Christian Seeler, der, ja, um mehrere Ecken mit Uwe Seeler verwandt ist (sein Urgroßvater und Uwe Seelers Großvater waren Halbbrüder) ein Musterbeispiel dafür, wie man erfolgreich wird, selbst wenn man sich stets Mühe gibt, die Karriere nicht zu planen. Er habe sich eher treiben lassen, sagt er, um dann jedoch im richtigen Moment voller Leidenschaft zuzugreifen und nicht mehr loszulassen. „Aber man muss sich dann in der Situation auch immer wohl fühlen!“

Um so souverän dem inneren Kompass folgen zu können, braucht es Rüstzeug. In seinem Fall waren das die Werte und Tugenden, die ihm seine Eltern vermittelten und vorlebten: die Kultur, die Sprache, Umgangsformen, Vertrauen, Ehrlichkeit und nicht zuletzt die Fähigkeit, die persönliche Freiheit zu nutzen. „Eine der ganz wenigen Mahnungen, die mir mein Vater auf den Weg gab, lautete: ‚Wenn du später mal deine Steuererklärung machst, schummel’ nicht. Das kommt irgendwann raus‘.“

1962 zogen die Seelers, die ursprünglich aus Lauenburg stammten, von Barmbek nach Bramfeld um. Der Vater, Oberkirchenrat in der evangelischen Kirche, hatte politische Ambitionen: 1966 wurde er für die SPD in die Bürgerschaft gewählt und bekleidete nacheinander mehrere Senatorenposten (seine politische Karriere beendete Hans-Joachim Seeler, heute 84, als Europaabgeordneter im Jahre 1989). „Es wurde damals an allem gespart, aber ein Haus musste sein“, sagt Christian Seeler, damals vier Jahre alt.

Das bauten die Seelers in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Kleingartensiedlungen, die zu jener Zeit peu à peu der neuen Trabantenstadt Steilshoop weichen mussten. „Das war für uns Kinder jahrelang ein fantastischer Abenteuerspielplatz“, sagt er, „einmal saßen wir auf einem Dach und ließen die Pfannen runterscheppern. Dummerweise war aber ausgerechnet diese eine Hütte noch bewohnt...“ Die Situation sei schon etwas unangenehm gewesen, da sein Vater zu diesem Zeitpunkt bereits Justizsenator war. „Ja, seine gesellschaftliche Stellung war bisweilen eine Last“, schmunzelt Christian Seeler mit Rückblick auf diese wilden Jahre, „doch auf der anderen Seite lernten wir Kinder schon früh den Umgang mit Prominenten. Meine Eltern besaßen bei Mölln ja noch ein kleines Bauernhaus, und wenn sie dort ihr Sommerfest gaben, kamen eben auch mal Helmut Schmidt und Hans Apel vorbei.“

Dort draußen geriet Christian Seeler auch erstmals mit dem Plattdeutschen in Berührung. „Wenn unsere Wasserpumpe mal wieder versandet war, wurden wir Kinder immer mit dem Kanister zum Bauern Ahrens rübergeschickt. Dessen Frau sprach nur Platt.“ Später habe er dann regelmäßig seine Großmutter, die Ohnsorg-Abonnentin war, ins Theater begleitet. Aber richtig „Platt snacken“ habe er nie gelernt.

Überhaupt, die Lernerei: Bis zur Mittelstufe flutschte er nur so durch die Schule, doch mit der Pubertät kam seine schon jahrelang gehegte Leidenschaft für Autos und Motorräder zum Ausbruch. Er brachte sich das Schrauben selbst bei und eröffnete auf dem Schulhof einen florierenden Teilehandel für Mofas und Mopeds. Schon bald besaß er sein „Träumchen“, eine Kreidler-Florett. „Am liebsten wäre ich mit 16 von der Schule abgegangen, um Autoverkäufer zu werden“, sagt er, „aber meine Eltern befanden, das Abitur müsse sein.“

So entdeckte Christian Seeler in der Oberstufe die Theater-AG. Und begann erneut, zu brennen. Fürs Schauspiel. Doch als er sein Abi in der Tasche hatte, „überredeten“ ihn die Eltern „behutsam“ zu einer Kaufmannslehre, die er beim Handelshaus August C. Toepfer auch brav absolvierte – um in seiner Freizeit Theater zu spielen oder auf dem Möllner Grundstück an seinen Autos und Motorrädern herumzubasteln. Und während seine Geschwister Medizin, Jura und Wirtschaft studierten, durfte sich Christian Seeler endlich an Schauspielschulen bewerben.

„Der Kommission beim Max Reinhardt Seminar in Wien war ich jedoch zu normal“, sagt er, „während die Prüfer bei Freese hier in Hamburg meine geschwollenen Adern am Hals bemängelten. Aber ich sollte mich aufregen und hatte alles gegeben!“ Wenig später engagierte ihn das Ohnsorg Theater als jugendlichen Liebhaber – für 70 Mark Abendgage.

Doch eigentlich suchte der damalige Intendant Konrad Hansen einen Assistenten für die Verwaltung. Christian Seeler sagte zu und blieb acht Jahre. Als kaufmännischer Leiter verließ er das Theater, wechselte in die freie Wirtschaft, um dann 1996 als Intendant zurückzukehren. „Ich vermisse ihn nicht, den Bühnenapplaus“, sagt er, „denn meine Schauspielerei war wohl doch nur ein heftiges Strohfeuer, was heute schwach glimmt. Aber was das Theater im Großen und Ganzen betrifft, lodert in mir ein regelrechter Waldbrand.“

Auch seine Begeisterung für alles, was fährt, am liebsten schnell, so wie seine 1200er BMW, auf der er mit Leidenschaft durch lang gezogene Kurven reitet, ist ungebrochen. Aber immer mit dem größtmöglichen Maß an Sicherheit. Mit seinem Hang zur Technik hatte er übrigens auch seine Frau Bärbel erobert, der er auf einer Party am kalten Büfett die Telefonnummer entlockte. Zur ersten Verabredung fuhr Christian Seeler, damals als freier Schauspieler unterwegs, in einem alten Simca 1100 vor. Doch bei der Abfahrt klemmte das Zündschloss. Woraufhin er es einfach ausbaute und sein Auto kurzschloss. „Das hat ihr wohl mächtig imponiert“, sagt Christian Seeler und grinst. „Bärbel arbeitete damals als Sekretärin bei einem Architekten und holte auf dem Abendgymnasium ihr Abitur nach. Ihr altes Auto war ständig kaputt. Es passte also gut mit uns. Außerdem hatten wir beide abends immer was vor.“

Nach mehr als 30 Jahren passt es immer noch. „Man muss es hinkriegen, den Alltag gemeinsam zu bewältigen. Dazu sollte man seine Antennen ausfahren und möglichst viel und offen miteinander reden“, beschreibt er sein Rezept einer glücklichen Ehe. Das Paar lebt bei Elmshorn auf dem Land. Bärbel Seeler, inzwischen Psychologin, betreut dort konzentrationsschwache Kinder. Ansonsten sei sie fürs Kochen und den Garten zuständig, „denn dafür habe ich kein Faible“, sagt Christian Seeler.

Und ihre drei Kinder strebten im Gegensatz zu ihrem Vater, „dem brotlosen Künstler“ (Seeler), „anständige Berufe“ an: Der älteste Sohn, Björn, ist Management-Trainee, Tochter Kira studiert Englisch und Philosophie und ihr Jüngster, Jan-Frederik, will jetzt vorm BWL-Studium für ein halbes Jahr nach Togo gehen, um dort in einer Schule zu arbeiten. „Toll finden wir das aber nicht. Wir haben versucht, es ihm wegen der Ebola-Gefahr auszureden. Andererseits wissen wir, dass Freddy ein Typ ist, der raus muss in die Welt, um glücklich zu werden.“

Wie wichtig diese Freiheit zur Entscheidung ist, weiß Christian Seeler sicherlich am besten.

Der rote Faden zieht sich durch die Stadt: Er verbindet Menschen, die einander schätzen, bewundern, überraschend finden. Sie entscheiden, an wen sie ihn weiterreichen: an andere, die hier arbeiten, Besonderes für die Stadt leisten, als Vorbild gelten. Christian Seeler bekam den Faden von Heinrich Stüven und gibt ihn an Inge Volk weiter.

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