Hamburger Modeschöpfer

Das tapfere Schneiderlein ist zurück im Karoviertel

Seit der „Herr von Eden“-Insolvenz kämpft sich Modedesigner Bent Angelo Jensen aus der Krise. Unterstützung bekommt er von seiner Freundin Saori, seinem Team und treuen Promikunden wie Jan Delay.

Zehn Monate ist es her, dass das Label Herr von Eden (HvE) Insolvenz angemeldet hat. Zehn Monate, die Spuren hinterlassen haben: „Meine Mitarbeiter und ich wussten nicht, was uns erwartet – zum Glück“, sagt Bent Angelo Jensen. „Man tritt mit dem Insolvenzantrag eine Lawine los und ahnt nicht, welche Folgen das hat.“

Ein letztes Mal empfängt der 36-Jährige im Geschäft am Großneumarkt. Noch hängen hier die Anzüge in Reih und Glied, elegante Einstecktücher und – der letzte Schrei – Hosenträger in jeder Couleur sind ordentlich aufgereiht. Countrymusik schallt aus unsichtbaren Boxen. Bent Angelo Jensen sieht wie immer top aus: Zum Maßanzug in frischem Jägergrün trägt er Karoweste und Leopardentuch. Die Fingernägel sind schwarz lackiert. Es wird grüner Tee gereicht. „Mit diesem Laden ist jetzt Schluss, der Mietvertrag ist zu Ende Mai gekündigt.“ Künftig wird es neben den Filialen in Berlin und Köln nur noch einen Standort in Hamburg geben, das Ur-Geschäft in der Markstraße 33 wurde zum Ladenatelier umgebaut und wiedereröffnet. Produktion, Buchhaltung, Verwaltung und Controlling – alles unter einem Dach. „Und ich selbst bin auch wieder näher am Kunden – das ist enorm wichtig“, sagt Jensen.

Damit besinnt sich der Designer auf seine Wurzeln: 1996 gründete er sein Modeunternehmen hier im Karoviertel. Und er konzentriert sich nun wieder auf das, was er am besten kann, und was die Kunden kaufen wollen: coole Herrenanzüge, Hemden und Accessoires. „Ich kehre nach sieben Jahren Expedition dorthin zurück, wo ich angefangen habe. Das ist ein bisschen wie Nachhausekommen“, sagt er. Die Qualität seiner Anzüge, die in Tschechien und in der Slowakei gefertigt werden, wurde weiterentwickelt, gerade ist die Sommerkollektion auf den Markt gekommen. In den vergangenen Monaten hat das Herr von Eden-Team alles daran gesetzt, den Insolvenzplan auszuarbeiten. 70-Stunden-Wochen seien die Regel. Von fünf Mitarbeitern musste sich Jensen trennen. Der radikale Schnitt sei bitter nötig gewesen. Denn Bent Angelo Jensen hatte sich mit Expansionsplänen übernommen.

Als Folge der Insolvenz blieben auch noch die Kunden weg

Er hatte Filialen in Kopenhagen und München eröffnet, eine Damenkollektion eingeführt, Schuhe, Schmuck und eine eigene Parfümlinie kamen hinzu. Der erwartete Erfolg blieb jedoch aus, dafür wuchs der Schuldenberg auf bis zuletzt 600.000 Euro an. Im Juni 2013 zog Jensen die Reißleine, meldete für Herr von Eden Insolvenz an. Als wäre das nicht Kummer genug, blieben in Folge zahlreiche Kunden weg: „Viele glaubten, dass das Label tot ist. Am Großneumarkt haben wir die Hälfte unserer Kunden verloren, die Vollmaßanzüge fertigen ließen“, sagt Jensen. „Dennoch konnten wir unsere Umsätze annähernd halten, die Maßkonfektion hat die Verluste aufgefangen. Viele unserer Kunden möchten sich zwar einen HvE-Anzug machen lassen, aber der soll nicht teurer als 1000 Euro sein.“ Als Konsequenz wird Herr von Eden künftig nur noch Maßkonfektion anbieten.

Kurz nachdem die Insolvenz publik wurde, wurden Anschuldigungen per E-Mail an Hamburger Zeitungsredaktionen verschickt. In denen stand, dass Jensen Lieferanten und Mitarbeiter nicht bezahlt hätte, dafür sein Geld mit Partys und Drogen durchgebracht hätte. Der Designer vermutet einen frustrierten Kollegen, der gekündigt wurde: „Die Anschuldigungen waren völlig absurd. Ich habe keine Eigentumswohnung, keinen Porsche, bin kein Bordellgänger und weder spiel- noch drogensüchtig.“ Besonders hart: Ein ehemaliger Mitarbeiter, der Jensen im Vorfeld bereits zur Insolvenz geraten hatte, soll versucht haben, das Label zu übernehmen – „die Person saß schon beim Insolvenzverwalter, um den Deal zu besprechen. Das hat mich sehr getroffen.“

Doch das „tapfere Schneiderlein“, wie sich Jensen selbst damals nannte, kämpfte sich aus der Krise: Im Herbst vergangenen Jahres veranstaltete er mit „Bent Aid“ eine Benefizauktion zu seinen Gunsten. Der Modedesigner rief, und zahlreiche Promis kamen.

Die berühmten Fans spendeten, von der signierten „Rammstein“-Gitarre bis zum Gemälde von Udo Lindenberg. Insgesamt kamen so 50.000 Euro zusammen, die nun auf einem Treuhandkonto liegen. Außerdem sammelt Jensen Geld im privaten Umfeld. „Wenn alles klappt, werden wir den ausgearbeiteten Insolvenzplan schon bald Verwalter und Gericht vorlegen. Ich glaube, dass wir die Insolvenz im Laufe des Sommers durchgestanden haben.“

Die Beziehung zu Freundin Saori gibt ihm Rückhalt

Durch den Dauerstress seien er und seine Mannschaft eng zusammen gewachsen. Aber natürlich hätte es auch mal ordentlich geknallt. „Wir mussten das gesamte Geschäftsmodell umstrukturieren. An mein Angestelltenverhältnis musste ich mich erst gewöhnen – nach 18 Jahren Selbstständigkeit“, sagt Jensen. „Herr von Eden Neu“, wie es intern heißt, hat nun eine „Task Force“, bestehend aus Insolvenzverwalter, beratendem Anwalt, Finanzberater und einer neuen Doppelspitze: An Jensens Seite ist Florian Töbe als Geschäftsführer getreten. Töbe ist seit knapp drei Jahren an Bord, aber die beiden kennen einander schon viel länger. „Florian war mein erstes Model“, erzählt der Designer. „Er lief vor 15 Jahren an meinem Laden vorbei, und ich dachte gleich: ‚Das ist der junge Mick Jagger!'“ Seitdem sind die beiden Freunde.

Den größten Rückhalt hat Bent Angelo Jensen von seiner Partnerin bekommen. Seit knapp zwei Jahren ist er mit dem niederländischen Fotomodell Saori de Vries, 27, zusammen. „Saori ist zwar für ihren Job viel unterwegs, dennoch ist sie immer für mich da“, sagt Jensen. „Ein dreiviertel Jahr lang war bei uns alles rosarot, dann kam die Insolvenz. Das war natürlich eine extreme Belastungsprobe für die Beziehung. Aber dadurch sind wir erst richtig miteinander verwachsen.“ Es sei seine bisher längste Beziehung, und darauf sei er sehr stolz. „Ich bin überhaupt kein Beziehungsprofi“, outet sich der 36-Jährige, der seine meiste Energie in den Aufbau seines Labels gesteckt hat und somit kaum Zeit für eine Beziehung hatte. „Außerdem bin ich ein eher ängstlicher Typ. Ich habe mit fünf Jahren meinen Vater verloren und wollte mich seither immer vor einem weiteren solchen Verlust schützen.“ Seit er Saori kenne, habe sich das entspannt: „Die Beziehung fordert mich, aber ich genieße sie auch. Es wird einfach immer nur noch schöner. Ich würde sagen, wir sind ein klassisches Liebespaar!“

Insolvenz hin oder her – Herr von Eden lebt und ist nach wie vor Kult in der Szene. Für Wolfgang Joop fertigte Jensen fünf Anzüge für die Sendung „Germanys Next Topmodel“ an. Für die aktuelle Tournee von Jan Delay entwarf er sämtliche Outfits. Der Musiker hat ihm auch in schweren Zeiten die Treue gehalten. „Kürzlich hat Jan ein Foto-Shooting mit der ‚Vogue' gehabt. Und seine Bedingung lautete: Nur in Herr von Eden-Anzügen!“ Auf die Frage, was sein Bild von Deutschland sei, schickte Jensen wiederum ein Foto von Delay und dessen Band an die Zeitschrift „Flair“. „Wir arbeiten unabhängig voneinander füreinander“, bringt es der Designer auf den Punkt. „Musik und Mode gehörten schon immer untrennbar zusammen. Und letztendlich ist der Anzug das ultimative Kleidungsstück, vor allem, wenn man auf der Bühne steht.“ Das erklärt vielleicht, warum so viele Musiker, von Chilly Gonzales über DJ Hell bis Pete Doherty, Fans des Labels aus St. Pauli sind. Einen „Endorsement Deal“, also einen Ausstattungsvertrag mit einem Künstler, gebe es aber nicht: „Jeder Prominente hat bisher seine Anzüge bezahlt“, so Jensen.

Was er aus der Krise gelernt habe? „Dass ich nicht mehr ganz so laut sein muss und mich nicht mehr so weit aus dem Fenster lehnen muss, um als Modedesigner wahrgenommen zu werden.“

Aber eine Insolvenz, da ist sich Jensen sicher, möchte er nicht noch einmal erleben.