Stage Entertainment

Ralf Schaedler und die Suche nach einem Phantom

Der 42-Jährige ist Casting Director bei Stage Entertainment. Wer Darsteller in Hamburger Musicals werden will, muss ihn überzeugen.

Hamburg. Das kleine Büro in der Speicherstadt ist mit Erinnerungsstücken gespickt. Ein goldener Boxhandschuh vom "Rocky"-Musical, ein Szenenfoto aus "Tarzan" mit Unterschriften der beiden Hauptdarsteller und ein pinkfarbener Stuhl aus "Der Schuh des Manitu". Seit Januar 2007 ist Ralf Schaedler Casting Direktor bei Stage Entertainment Deutschland. Und in diesen sechs Jahren haben sich reichlich Souvenirs angesammelt - und Gesichter. Denn egal, welche Stage-Produktion wo in Deutschland an den Start geht, alle Darsteller, von der Hauptrolle bis zum Ensemble, müssen von ihm abgenickt werden. Der Weg auf die Bühne führt für jeden Bewerber an ihm vorbei. Auch jetzt wieder.

Seit Anfang der Woche laufen die Auditions, also das direkte Vorsingen, -sprechen und -spielen, für das von Dezember 2013 an im Theater Neue Flora spielende Musical "Phantom der Oper". Eine besondere Herausforderung für Schaedler, 42. "Es gibt nur eine Handvoll Personen auf der Welt, die die Titelrolle des Phantoms überhaupt singen können", sagt er. Insgesamt 1500 Darsteller haben sich für das komplette Musical beworben. Zehn Kandidaten kommen nun als Phantom infrage.

"Rein musikalisch und darstellerisch ist jeder von ihnen fähig, diese Rolle zu spielen", sagt Schaedler. Er kennt die Branche und die Akteure, und jeden der Finalisten hat er schon mal irgendwo gesehen. Manche haben das Phantom schon mal gespielt, manche haben in "Tanz der Vampire" eine tragende Rolle gehabt, für manche wäre es die erste Rolle dieser eher düsteren Art. "Wir legen jetzt die Bewerbungsunterlagen beiseite und schauen, wie sich die Darsteller jeweils in der Rolle anfühlen, welche besondere Note sie ihr geben", sagt Schaedler. Wie charmant ist das Phantom? Wie gefährlich? Wie cool?

Die Suche nach der Hauptrolle ist der Teil von Schaedlers Arbeit, der besonders von der Öffentlichkeit verfolgt wird. Schließlich wollen Musicalliebhaber wissen, wer Rocky, Simba und Tarzan wird. "Aber ebenso spannend und weit schwieriger ist die Planung der restlichen Rollen", sagt der Casting Director.

Zu Beginn der Castings macht Schaedler einen Plan mit den einzelnen Rollen, und zwar in der Reihenfolge, in der sie im Stück vorkommen. Eine kleine Rolle am Anfang und eine am Ende kann zum Beispiel vom selben Darsteller gespielt werden. Hinzu kommt, dass es für die Hauptcharakter eine Zweit- und Drittbesetzung gibt. Am Ende wird geprüft, welche Aufgaben ein Darsteller übernehmen kann und welche Fähigkeiten dafür nötig sind. Da kann es am Ende wie zum Beispiel beim "König der Löwen" passieren, dass Schaedler am Ende noch eine Person braucht, die sich sehr gut bewegen kann in der einen Rolle, einen Sopran in der anderen Nebenrolle singt und dann im Fall der Fälle noch als Cover, als Drittbesetzung, als Nala einspringen kann.

Nun soll aber Nala eine sehr satte, dunkle Stimme haben. Das passt nicht zusammen. "Also wird alles wieder aufgedröselt, und ich fange von vorne an", sagt Schaedler. Ist der Plan perfekt ausgearbeitet, stehen Nummern als Platzhalter darin, und die passenden Darsteller werden gesucht. Oft hat Schaedler schon Kandidaten im Kopf. "Aber während der Audition gibt es zum Glück oft Überraschungen, und der Plan ändert sich in meiner Vorstellung dauernd." Am Ende des Prozesses stimmen alle Beteiligten, also Regisseur, Produzent und Choreograf, gemeinsam ab. Von da an steht die Besetzung fest - die Proben können beginnen.

"Das finde ich das Spannendste an meinem Job", sagt Schaedler. "Ich habe eine Vision im Kopf, wie wir dem Stück auf dem Papier ein Gesicht und Leben geben können." Deshalb gehe es in seinem Job auch oft darum, Potenziale einzuschätzen und sich vorzustellen, wie das Musical wird, wenn all die Darsteller zusammenkommen.

Dabei hilft es ihm sicherlich, dass er viele Jahre auf der anderen Seite stand. Der gebürtige Konstanzer hat Schauspiel, Gesang und Tanz in Amerika studiert. 1995 kam er für die Produktion "Buddy - Die Buddy Holly Story" nach Hamburg. "Eigentlich wollte ich erst mal in New York bleiben", sagt Schaedler. "Aber dann habe ich gedacht, schau ich doch mal, was die zu Hause machen. Und wenn es nicht passt, geh ich nach einem halben Jahr wieder."

Mit Hamburg tat er sich anfangs schwer, aber bald entdeckte er "den Charme des Nordens". Heute würde er in keiner anderen Stadt lieber leben. Schaedler spielte viele Musical-Hauptrollen, unter anderem in "Grease", "Starlight Express" und "Saturday Night Fever". 2007 war er gerade in "Dirty Dancing" in der Neuen Flora zu sehen, als die damalige Casting-Direktorin ihn in einer Pause fragte, ob er nicht ihr Nachfolger werden wolle. Der Vorschlag kam unvermittelt, denn noch hatte er nicht vor, die Bühne zu verlassen. "Aber ich bin irgendwann auch einfach müde geworden, ständig meine Geburtsurkunde und meine Couch einzupacken und wegen eines Engagements umzuziehen", sagt Schaedler.

In den 15 Jahren, in denen er selbst Darsteller war, habe er in jeder größeren deutschen Stadt mal gewohnt. Private Beziehungen kommen da oft zu kurz. Hinzu kommt, dass Schaedlers Arbeitszeiten, abends und am Wochenende, "kaum sozialkompatibel" waren. Zudem sei es natürlich ein verlockendes Angebot, gleich in so einer hohen Position einsteigen zu können. "Ich dachte, ich probiere das jetzt. Und wenn es nach sechs Monaten nicht läuft, lass ich es halt wieder." Schaedler sagte zu, der Job lief, und die Couch steht bis heute in Eimsbüttel.