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Hamburger revolutionieren den deutschen Buchmarkt

| Lesedauer: 6 Minuten
Matthias Schmoock
Besprechungsraum des Verlags. An der Wand hängt ein Porträt von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt.

Besprechungsraum des Verlags. An der Wand hängt ein Porträt von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt.

Foto: Rowohlt Verlag

Vor 75 Jahren starteten Ernst Rowohlt und sein Sohn Heinrich Maria Ledig-Rowohlt die Erfolgsgeschichte ihres Verlags. Ein Rückblick.

Hamburg. Es ist ein Datum, das in Chroniken oft überblättert wird – dabei hat es große Bedeutung für das deutsche Buchverlagswesen: Im November 1945 erhält Heinrich Maria Ledig-Rowohlt von den amerikanischen Besatzungsbehörden die Lizenz für eine Verlags-Neugründung. Der Rowohlt Verlag hat damit in Stuttgart die erste wichtige Hürde genommen.

Viereinhalb Monate später erlangt Ledigs Vater Ernst Rowohlt dann auch von der britischen Militärregierung die Lizenz für die Gründung im zerstörten Hamburg. Später folgen noch die französische und die sowjetische Lizenz.

Eine Auflage wird den beiden leidenschaftlichen Verlegern mit auf den Weg gegeben: Sie müssen sich am Re-Education-Programm beteiligen, umgangssprachlich Umerziehung genannt. Ergebnis ist die Jugendzeitschrift „Pinguin“, auf die bald darauf die literarische Zeitschrift „Story“ folgt.

Die Rowohlts: Vater und Sohn werden noch deutlich mehr erreichen

Vater Rowohlt und sein (unehelicher) Sohn, gleichermaßen bibliophil wie ehrgeizig, sind auf die Spur gesetzt. Sie wollen und werden noch deutlich mehr erreichen, wie sich bald zeigen wird – nämlich die Revolution des deutschen Buchmarkts. Genau genommen ist es bereits der dritte Verlag Ernst Rowohlts.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg war der gebürtige Bremer gerade mal vier Jahre lang (von 1908 bis 1913) selbstständig gewesen, bevor er 1919 in Berlin seinen zweiten Verlag gründete. Dieses Verlagshaus war 1938 zunächst der Deutschen Verlagsanstalt angegliedert worden, bevor es von den Nazis 1943 wegen „kulturpolitischer Unzuverlässigkeit“ geschlossen wurde.

Nun startet Ernst Rowohlt also wieder neu, diesmal in Hamburg. Die Rahmenbedingungen sind zunächst fast primitiv: Rowohlt bezieht ein Zimmer im Dach des im Krieg teilzerstörten Broschek-Hauses an den Großen Bleichen, im Sommer 1946 folgt der Umzug in ein Büro an der Rathausstraße.

Schon im Herbst geht es los. Weil Papier knapp ist, lässt Ernst Rowohlt die sogenannten Rowohlt Rotations-Romane (ro-ro-ro – eine Kurzfassung, die zu einem Markenzeichen wird) auf großformatigem Zeitungspapier drucken, die zwischen 50 Pfennig und 1,50 Mark kosten und regelmäßig binnen weniger Tage ausverkauft sind.

Bücher im Pocket-Format statt Romane auf Zeitungspapier

Doch mit der im Zuge der Währungsreform einsetzenden Kaufkraft ändern sich die Ansprüche der Kunden. Die Nachfrage nach den unhandlichen, zeitungsartigen Büchern geht schnell zurück, eine Verlagskrise scheint sich abzuzeichnen. Der mit Rowohlt befreundete Schriftsteller Gregor von Rezzori schreibt dazu später sarkastisch: „Leider, sage ich, war der Zeitgeist des Wiederaufbaus bei aller seiner Gestik der aufgekrempelten Ärmel auch der phönixhaft wiederauferstehende Geist des deutschen Spießers. Der wollte seine Bücher säuberlich gebunden in der Heimbücherei untergestellt haben, anstatt sie zu lesen.“

Die rettende Idee kommt von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. Genau wie einige andere von der Militärregierung ausgewählte Verleger hat er das Verlagswesen in den USA kennengelernt und damit auch die in Deutschland noch so gut wie unbekannten Pocket-Books, also Taschenbücher. In Interviews hat Ledig-Rowohlt später immer wieder berichtet, dass sein Vater zunächst nichts von „Büchern für die Hosentasche“ hielt, und auch die Finanzierung über Banken gestaltete sich mangels Vorstellungskraft überaus schwierig.

Von Anschubfinanzierungen, wie sie Start-up-Unternehmen heute für kuriose Eissorten oder veganes Hundefutter erhalten, können die Rowohlts nur träumen. Erst nach langen Kämpfen lässt sich Rowohlt senior von dem Projekt überzeugen, und auch das Finanzielle wird schließlich geregelt: Gregor von Rezzori gewinnt einen Freund, den vermögenden Niklas Fürst Salm-Salm, 100.000 Mark einzubringen. „Hätte ich damals die Stirn gehabt, ein Promille Provision zu verlangen, ich wäre bald ein reicher Mann geworden“, schreibt Rezzori in seinen Memoiren.

Das stimmt. Denn die Rowohlt-Taschenbücher werden quasi aus dem Stand heraus ein Riesenerfolg. Im Juni 1950 gehen die ersten vier über die Ladentheken: „Das Dschungelbuch“, „Kleiner Mann – was nun?“, „Am Abgrund des Lebens“ und „Schloss Gripsholm“. Wie in der Verlagschronik nachzulesen ist, beträgt die Auflage pro Band 50.000 Exemplare, der Stückpreis liegt bei nur 1,50 Mark.

Die Titelbilder, für die jahrelang das Künstlerehepaar Karl Gröning jun. und Gisela Pferdmenges verantwortlich zeichnet, sind bewusst bunt und oft etwas reißerisch gestaltet, damit sie den Kunden sofort ins Auge springen. Bis Oktober folgen weitere acht Bände, die Gesamtauflage beträgt bereits 620.000 Exemplare. Neben dem handlichen Format bieten Rowohlts Taschenbücher eine Neuerung, die nicht bei allen Lesern auf Begeisterung stößt: Der Verlag platziert mitten im Text eine Werbeseite.

„Die besten Zeitschriften der Welt verkaufen einen Teil ihrer Seiten an Inserenten, warum macht man das nicht auch mit Büchern“, hält Ernst Rowohlt Kritikern entgegen. Die Zusammenführung aller Verlagsniederlassungen am Standort Hamburg erfolgt dann im August 1950. Es entsteht – nach Abfindung anderer Teilhaber – die Rowohlt GmbH im alleinigen Besitz von Ernst Rowohlt und Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. Im Jahr 1952 beträgt die Auflage schon drei Millionen Exemplare, und Verlage wie Fischer und Goldmann setzen nun auch aufs Taschenbuch.

Der neue Verlagssitz liegt seit Ende 1952 an der Bieberstraße in Rotherbaum. Über seinen ersten Besuch vor Ort schreibt der spätere stellvertretende Verlagsleiter Fritz J. Raddatz in dem Buch „Jahre mit Ledig“ sehr amüsant: „Die so oft ehrfurchtsvoll angeschriebene Bieberstraße – ein Irrenhaus. Akten auf dem Boden, gammelige graue Stahlmöbel, eine Kette rauchende Sekretärin, die zwischen Zeitschriftenstapeln, Kaffeetassen, aufplatzenden Kartons mit Katalogen und drei uralten, scheppernden Telefonen irrwischte. Eine Entzauberung.“ Dabei bleibt es nicht.

Im Mai 1960 zieht der Verlag nach Reinbek um, wo er seinen Siegeszug fortsetzt und bis 2019 residiert. Die Zeiten scheppernder Telefone und mühsam ergatterter Kredite ist längst vorbei. Der Rowohlt Verlag ist schon lange eine feste, unverrückbare Größe auf dem deutschen Buchmarkt. Seine Geschichte wird weitergeschrieben – wie ein gutes Buch.

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