Brief aus der Mühle

Ein Stück Erde, das bis zum Himmel reicht

Meike Winnemuth hat ein neues Buch geschrieben: „Bin im Garten: Ein Jahr wachsen und wachsen lassen“, 318 Seiten, 22 Euro.  (Autor)

Meike Winnemuth hat ein neues Buch geschrieben: „Bin im Garten: Ein Jahr wachsen und wachsen lassen“, 318 Seiten, 22 Euro.  (Autor)

Foto: Penguin Verlag

In ihrem neuen Garten-Tagebuch versucht Meike Winnemuth das Unbeschreibliche zu beschreiben. Muss man gelesen haben.

Hamburg.  Ist Gärtnern ein Grundrecht? Ein eigener Garten „a room of one’s own“, nachgerade ein Menschenrecht, wie es etwa Virginia Wolf (1882–1941) fordert, die melancholische Ikone des weiblichen Schreibens? Für die Journalistin Meike Winnemuth schon, die 2010 bei Günther Jauch 500.000 Euro gewann, mit dem Geld ein Jahr um die Welt fuhr und darüber mit „Das große Los“ einen Bestseller schrieb.

Nun also ein Garten. Die Idee entstand auf der Weltreise an einem Strand auf Hawaii, für Meike Winnemuth bis dahin der schönste Ort auf Erden. Seit drei Jahren gibt es diesen Garten. Neue Heimat Schleswig-Holstein. 800 Quadratmeter mit einer Art Bungalow aus Holz darauf. 50 Quadratmeter groß, mit fließend Wasser, Strom und Holzofen. 300 Meter bis zum Strand, keine Kurtaxe und nicht weit weg von Neumünster, wo sie geboren wurde – für die 58-Jährige „ein Stück Erde ohne Deckel, das nur mir gehört“.

Da kann sie tun und lassen, was sie will – und „keiner kann mir reinquatschen“. Eine große Seltenheit, wie Winnemuth weiß: „Mein Reich. Mein Wille geschehe.“ Und sie hat, natürlich, ein Buch darüber geschrieben. „Bin im Garten“ (Penguin-Verlag, 318 Seiten, 22 Euro), das vor wenigen Wochen auf den Markt kam, ist eine Art Tagebuch über „ein Jahr wachsen und wachsen lassen“ – und steht, schwupps, gleich wieder auf der Bestseller-liste des Magazins „Der Spiegel“.

Eine echte Großstadtpflanze, diese Meike Winnemuth vor 25 Jahren

Ich kenne Meike Winnemuth noch als Kollegin, aus gemeinsamen Zeiten beim „Stern“ in den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Zwei Welten damals, sie war Ressortleiterin für „Unterhaltung und Medien“, ich Autor für Investigatives. Schwerpunkt Terrorismus und Geheimdienste. Eine echte Großstadtpflanze, diese Meike Winnemuth vor 25 Jahren. „Hipster“ würde man heute wohl sagen. Ihre Geschichten habe ich trotzdem gern gelesen.

Auch später, ob bei „Amica“ und „Park Avenue“ (gibt es beide nicht mehr) oder im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ (gibt es noch). Eigenwillig, immer etwas besonders. Vor drei oder vier Jahren haben wir uns zufällig getroffen. Bei Manufactum in Hamburg. „Ich habe eine Mühle mit Mini-Park im Wendland“, deutete ich auf die Pflanzkelle in meiner Hand. „So, so“, sagte sie nur. Vielleicht hatte sie da noch nicht ihren Garten an der Ostsee. Oder sie wollte noch nicht darüber sprechen.

Natürlich habe ich mir ihr neues Buch gleich gekauft. Meike als Gärtnerin. Hätte ich nie gedacht. Aber ich habe es nachgerade verschlungen – obwohl ich eigentlich keine Zeit hatte. Anfang April hat man ja als Gärtner weiß Gott was anderes zu tun. Hacken und pflanzen, bis der Arzt kommt. Jedenfalls bis man abends todmüde schon um acht auf dem Sofa einpennt.

Sie pflanzt, mit großem Erfolg, seltene Gemüsesorten

Meike Winnemuths Tagebuch ist kein neues Werk aus der Reihe „Wie rette ich die Welt“, sondern ein „Logbuch eines Gartenjahrs, ein Versuch, das Unbeschreibliche zu beschreiben: die Freude, das Staunen und die tiefe Verbundenheit mit einem Stück Erde, das bis zum Himmel reicht“. Es soll kein Buch sein voller Gartentipps und -tricks, wie sie selber schreibt. Sie lerne ja gerade erst selbst – und würde man sich von einer Dreijährigen das Laufen beibringen lassen?

Natürlich trennen uns, wie damals beim „Stern“, wieder Welten. Sie pflanzt, mit großem Erfolg, seltene Gemüsesorten. Lila gefleckte Stangenbohnen „Vignerone“ etwa oder weiß-rot geringelte Bete „Tonda di Chioggia“. Bestimmt lecker und nicht in den Regalen der Supermärkte zu finden. Zu mühsam, finden meine Frau Anke und ich. Wir kaufen lieber beim Bio-Bauern auf dem Markt in Dannenberg. Dafür haben wir Äpfel und Birne, Stachel- und Johannisbeeren, Kirschen und Pflaumen. Die „Reneclaude“ liefert ordentlich, die Mirabelle ist eingegangen. Die Wühlmäuse!

Niederlagen sind nicht gleich Katastrophen

Trotzdem ist Gärtnern wunderbar, Niederlagen inklusive. Unsereins wird nur größer dadurch. Wie Tiger Woods. Ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber Niederlagen sind nicht gleich Katastrophen. Ein Garten ist schließlich kein Atomkraftwerk. Es kann schiefgehen, was schiefgehen will. Wie im richtigen Leben.

Und deswegen ist Meike Winnemuths Buch nicht nur gut für Gärtner. Sehr witzig, sehr nachdenklich – und auch ein Beitrag zum Thema Heimat. Die ist für die Journalistin nicht nur der Ort, wo man geboren ist: „Heimat ist ein Entschluss, Heimat muss man sich machen.“

Sagt Meike Winnemuth. Lady Meike Winnemuth. So steht sie in der Adressliste der Königlichen Gartenbaugesellschaft, 1804 in London gegründet. Für gut 50 Euro kann man Mitglied der Royal Horticultural Society werden und hat dafür unter anderem freien Eintritt in den Schaugärten des Vereins. Man kann bei der Anmeldung zwischen verschiedenen Anreden wählen. Miss oder Misses etwa, auch Reverend oder Sir. Lady würde auch zu Anke passen. Lady in Green. In grünen Gummistiefeln.

Bis zum nächsten Wochenende, herzlichst Ihr Karl Günther Barth