Olympia-Mitbewerber

Rom setzt auf kulturellen Reichtum und sitzt auf Schulden

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Achim Leoni
Blick auf das Nationaldenkmal für Viktor Emanuel II., den ersten König des im 19. Jahrhundert neugegründeten Italien

Blick auf das Nationaldenkmal für Viktor Emanuel II., den ersten König des im 19. Jahrhundert neugegründeten Italien

Foto: Getty Images / Robert Harding/Getty Images

Roms hohe Staatsschulden und marode Infrastruktur werden am häufigsten gegen eine Bewerbung vorgebracht. Was die Einwohner denken.

Roms Elbphilharmonie steht in Tor Vergata, in einer eher trostlosen Gegend am südöstlichen Rand der Stadt. Wie eine Kathedrale inmitten der Einöde ragt sie gleich neben der Autobahn 75 Meter in den Himmel auf, weiträumig umfriedet von einem Zaun, auf dem Schilder vor dem Betreten einer Baustelle warnen, die längst keine mehr ist: ein zeltförmiges Skelett aus weißem Stahlrohr, das nie fertiggestellt wurde.

Das Segel von Calatrava nennen die Bewohner der italienischen Hauptstadt das Ungetüm, nach seinem spanischen Architekten. Es sollte das Herzstück der „Stadt des Sports“ werden, eines multifunktionalen Gebäudekomplexes, das der damalige Bürgermeister Walter Veltroni vor zehn Jahren auf den Weg gebracht hat: mit einer Sportarena für 8000 Besucher, einer Schwimmhalle mit 4000 und einem Freibad mit 3000 Plätzen sowie einer Leichtathletikanlage.

Geworden ist es ein Mahnmal wider den Größenwahn und die Verschwendung öffentlicher Gelder. 2009 hätten hier die Schwimmweltmeisterschaften ausgetragen werden sollen. Da war das Projekt der Stadt schon über den Kopf gewachsen. Seit Juni 2011 ruhen die Bauarbeiten. Sollte die Anlage jemals wie geplant vollendet werden, würden sich die Gesamtkosten nach jüngsten Schätzungen auf 660 Millionen Euro belaufen – das Elffache des Betrages, der einmal veranschlagt worden war. Die nahe gelegene Universität hat unlängst vorgeschlagen, das Gelände zu einem botanischen Garten und das Schwimmstadion zum Gewächshaus umzuwidmen.

Doch jetzt gibt es Hoffnung, dass die „Città dello Sport“ keine Geisterstadt bleibt. 2024 soll sich hier die Jugend der Welt treffen, es wäre dann einer der zentralen Schauplätze Olympischer Spiele. Giovanni Malagò kann sich das jedenfalls durchaus vorstellen.

Der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (Coni) empfängt in seinem Büro, es ist eher ein Saal als ein Zimmer. Hinter seinem Schreibtisch hängen die Fahnen Italiens, der Europäischen Union und die mit den olympischen Ringen. An der Wand spannt sich eine frühneuzeitliche Weltkarte auf. „Woher kommst du? Hamburg? Eine schöne Stadt“, sagt Malagò, „fang an!“ Aber dann klingelt sein Telefon. Es scheint wichtig zu sein.

Rom wurde 1960 zur Bühne einer Zeitenwende in der Sportgeschichte

Ein Hinweis auf die Bewerbung für die Spiele findet sich nicht in Malagòs Büro, auch nicht woanders am Sitz des Coni an der Piazza De Bosis, ja nirgendwo in der ganzen großen Stadt. Dafür, sagt Malagò, sei es schlicht noch zu früh. Offiziell ist die Bewerbung streng genommen ja erst seit vergangener Woche, als die Nationalversammlung des Coni sie mit 64 von 64 Stimmen abgesegnet hat. Es war die letzte formale Hürde, nachdem Ende Juni der Stadtrat das Vorhaben mit 38:6 Stimmen gebilligt hatte. Aber im Grunde hatte Ministerpräsident Matteo Renzi den Weg schon ein halbes Jahr zuvor frei gemacht, als er live im Fernsehen Roms Olympia-Ambitionen verkündete – „nicht um dabei zu sein, sondern um zu gewinnen“.

Ein Referendum ist nicht vorgesehen. Und eine nationale Ausscheidung wie in Deutschland zwischen Hamburg und Berlin hat es auch nicht gegeben. Ein anderer italienischer Schauplatz als Rom wäre aber wohl auch nicht vorstellbar. Mailand, die zweitgrößte Stadt des Landes, hätte mit ihren 1,3 Millionen Einwohnern vielleicht noch die Größe, um sich für Olympische Spiele zu bewerben, hat aber mit der Expo 2015 gerade eine andere Herkulesaufgabe zu bewältigen.

Wer das Coni-Gebäude aufsucht, benötigt gar nicht mehr so viel Fantasie, um sich hier die Spiele vorzustellen. Der Prunkbau ist Teil des Foro Italico, eines monumentalen Sportkomplexes am Fuß des Monte Mario, der den architektonischen Geist seiner Entstehungszeit im Faschismus atmet. Ein mehr als 17 Meter hoher Marmorobelisk huldigt auf Lateinisch noch immer seinem geistigen Schöpfer, dem „Führer Mussolini“. Der Diktator wollte Rom zum Olympia-Schauplatz machen, um sich selbst als Erbe des antiken Weltreichs in Szene zu setzen.

Als Rom 1960, nach vier vergeblichen Anläufen, tatsächlich die Spiele bekam, wurde die Stadt zur Bühne einer Zeitenwende in der Sportgeschichte: Erstmals wurden Fernsehbilder live um den Globus geschickt, erstmals wurden Athleten von Ausrüstern bezahlt, erstmals gab es einen Dopingskandal, erstmals gewann ein Schwarzafrikaner die Goldmedaille, erstmals trug ein Afroamerikaner die US-Flagge. Und Italien präsentierte sich der Welt als weltoffener Gastgeber, der den Krieg und den Faschismus überwunden hatte und auf dem Weg zur modernen Industrienation war.

Wer Hamburg für die schönste Stadt der Welt hält, war nie in Roms Altstadt

Das Olympiastadion hat überdauert, es ist noch heute das Herzstück des Foro Italico. „Wenn wir dieses Stadion nicht hätten“, sagt Malagò, „wäre Italien kaum in der Lage, sich zu bewerben.“ Ein Neubau würde anders als früher nicht mehr durch den Fußball weitergenutzt – der AS Rom plant gerade den Bau einer eigenen Arena.

Auch eine Tennisanlage, in der alljährlich zwei bedeutende Turniere gespielt werden, gehört zum Komplex des Foro Italico, dazu ein Schwimmstadion, Schauplatz zweier Weltmeisterschaften. Und das Stadio dei Marmi, in dem an diesem heißen Nachmittag Italiens Talente von morgen ihre Lauf- und Sprungübungen machen, eingerahmt von 64 überlebensgroßen Sportlerstatuen aus Carrara-Marmor.

Jede von ihnen könnte eine Geschichte erzählen, wie überhaupt jeder Winkel in dieser Stadt. Wohl keine andere auf der Welt ist so voll davon. Es ist einer der Trümpfe, die Rom ausspielen kann, wenn das Internationale Olympische Komitee (IOC) in zwei Jahren in Perus Hauptstadt Lima die Spiele von 2024 vergibt. „Bei allem Respekt vor den anderen Kandidaten“, sagt Malagò: „Wir haben etwas in die Waagschale zu werfen, was kein anderer zu bieten hat: Geschichte und Tradition, zusammen mit einer großen Bandbreite bedeutender Sportereignisse.“ Da gebe es die Tennisturniere und den Giro d’Italia, jährliche Weltklassemeetings im Schwimmen und in der Leichtathletik. Da gebe es die Fußball-EM 2020, bei der Rom eine Gruppe und ein Viertelfinale ausrichten wird. Da gebe es die Topvereine AS und Lazio Rom, die in der kommenden Saison beide in der Champions League spielen. Malagò weiß noch mehr aufzuzählen. Am Ende sagt er: „Finden Sie eine andere Stadt, die dem Sport eine solche Vielfalt an regelmäßigen Angeboten macht.“ Nicht einmal London, der Gastgeber der Spiele 2012, habe das zu bieten. Und schon gar nicht eine so bewegte Vergangenheit.

Eine Welle von 50.000 Touristen überschwemmt Rom – jeden Tag. Sie zwängen sich durch die engen Gassen, drängeln sich schwitzend vor den Sehenswürdigkeiten. Fliegende Händler bieten Teleskopstangen fürs Handy an, damit das Selfie einen grandiosen historischen Hintergrund bekommt. Der lässt sich hier nämlich überall ins Bild setzen. Hinter jeder Straßenbiegung wird der Besucher von einem neuen, fantastischen Panorama überwältigt. Wer Hamburg für die schönste Stadt der Welt hält, kann nie im Centro Storico von Rom gewesen sein.

Was wäre erst los, wenn Millionen Sportfans in der Ewigen Stadt einfallen? Im Moment wäre sie wohl damit überfordert. Die Infrastruktur ist veraltet, der Verkehr chaotisch, die Straßen schlecht, das U-Bahn-Netz dürftig. Roberto Pera verbringt jeden Morgen eine Stunde in seinem Auto, um die Kinder zur Schule zu bringen und zur Arbeit in seine Kanzlei zu fahren. Die Strecke ist nicht lang, aber mit öffentlichen Verkehrsmitteln würde sie wohl noch einmal so viel Zeit in Anspruch nehmen.

Statistisch kommt auf fast jeden der 2,8 Millionen Einwohner Roms ein Auto. Fahrradwege gibt es kaum. Am schnellsten kommen noch die Motorini voran, die nahezu 400.000 registrierten Roller, deren Summen ein Grundton der Stadt ist. „Olympia“, sagt Pera, „wäre eine große Chance, um die Infrastruktur zu verbessern – vorausgesetzt, das Konzept ist so vernünftig, ökologisch und nachhaltig, wie Renzi es versprochen hat.“

Das Vertrauen in die Politik aber, dass öffentliche Mittel zum Wohl aller Bürger eingesetzt werden und nicht zum Wohl einiger weniger, ist nicht sehr ausgeprägt im Land. Kaum ein Großprojekt in Italien, in dem nicht Korruption im Spiel war. Die Expo? Wird von einem Schmiergeldskandal überschattet. Rom selbst wurde 2014 vom Auffliegen der Mafia Capitale erschüttert: Über Jahre hatten Dutzende Politiker und Mitarbeiter der Stadtverwaltung einem kriminellen Firmenkartell gegen Bestechungsgeld die lukrativsten öffentlichen Aufträge zugeschanzt. Unter den Folgen, den maroden Straßen, der Vermüllung der Stadt, haben die Bürger zu leiden.

„Wenn dann ein solches Vorhaben wie Olympia auf den Tisch kommt, reagiert man skeptisch“, sagt Pera. Der Sohn einer Deutschen und eines Italieners hat Anfang der 90er-Jahre in Hamburg studiert, später in den USA. 1997 ließ er sich als Wirtschaftsanwalt in seiner Heimatstadt Rom nieder. Seither hilft er seinen überwiegend deutschen Mandanten, sich durch das Gestrüpp der italienischen Bürokratie zu schlagen. Sie ist für Pera das größte Hemmnis, um so etwas wie eine Aufbruchstimmung zu erzeugen. Er sagt: „Die Sorge, das Land könne bankrott gehen, ist zwar gebannt, aber es gibt immer noch zu wenig Investitionssicherheit.“

Wenn Italien scheitere, dann nicht an fehlendem Können. Es gebe herausragende Denker, Manager, Kreative, Unternehmer im Land. Und am Ende, trotz aller Krisen und Skandale, gehe es meistens auch gut, solange der Druck nur groß genug sei. So war es auch bei der Expo. „Wenn der Italiener eines nicht will“, sagt Pera, „dann ist es, eine ‚brutta figura‘ abzugeben, sich zu blamieren.“

Die Frage scheint also nicht zu sein, ob Rom Olympia kann. Eher schon, ob Rom Olympia braucht. Und vor allem: ob Rom Olympia will. Politisch wird das Thema durchaus kontrovers diskutiert, die Partei Movimento 5 Stelle des Populisten Beppe Grillo und die separatistische Lega Nord haben sich an die Spitze der Gegenbewegung gestellt. An der Basis indes scheint das Thema noch nicht angekommen zu sein. Es gibt keine Feuer-und-Flamme-Aktionen wie in Hamburg, aber auch keine nennenswerte Opposition, nicht einmal kritische Berichterstattung. Vom „Messaggero“ ist sie kaum zu erwarten. Die lokale Tageszeitung ist in der Hand von Baumagnaten, für die die Spiele wohl ein großes Geschäft wären.

Sind die Olympischen Spiele Roms Bürgern am Ende etwa gar nicht wichtig? Das frage ich Alberto Leoni, meinen Cousin. Ich treffe ihn am Vormittag in einer Bar im Zentrum. Er kommt gerade von der Arbeit, ein Halbtagsjob in einem Immobilienunternehmen. Als er vor einigen Jahren dort angefangen hat, war es noch eine Vollzeitstelle. Dann kam die Wirtschaftskrise, und die Firma musste kürzen. Mieten und Lebenshaltungskosten stiegen weiter.

Allein das Stopfen der Schlaglöcher würde bis zu 200 Millionen Euro kosten

So wie meinem Cousin ist es vielen Römern ergangen. Seit 2008 haben drei Rezessionen die italienische Wirtschaft abgewürgt, die Kaufkraft abgeschöpft und die Arbeitslosigkeit auf bis zu zwölf Prozent verdoppelt. Römer wie Alberto Leoni, mittleres Alter, verheiratet, ein Kind, haben andere Sorgen als Olympia, und sie glauben auch nicht, dass Olympia ihnen etwas von diesen Sorgen nehmen könnte. „Wir haben, bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt, eine der höchsten Staatsschuldenraten der Welt“, sagt Alberto Leoni, „wie sollen wir uns Olympia leisten? Und wer soll es bezahlen? Repariert die Straßen, stattet die Schulen vernünftig aus, reformiert das Gesundheitswesen! Dann können wir über Olympia reden.“

In der Stadt, der die Welt das erste gepflasterte Straßennetz zu verdanken hat, ist einiges ins Stocken geraten. Alle Wege holpern in Rom, fast alle. Eine aktuelle Studie hat ergeben, dass es allein 100 bis 200 Millionen Euro kosten würde, um die Schlaglöcher zu stopfen. 300 bis 400 Millionen wären für neue Busse fällig, weitere 200 Millionen bräuchte es, um ihre Frequenz zu erhöhen. Flughäfen und Bahnhöfe befinden sich teilweise in einem beklagenswerten Zustand. Der Bau der neuen U-Bahn-Linie C hat sich um Jahre verzögert.

Andererseits: Braucht Rom Olympia dann nicht umso dringender, weil die ohnehin notwendigen Infrastruktur- und Modernisierungsmaßnahmen dann endlich angepackt würden?

Braucht nicht sogar ganz Italien Olympia, damit das taumelnde Land wieder Halt bekommt, etwas, woran es sich aufrichten kann, einen Fluchtweg aus der Krise? Josefa Idem nickt. Sie sitzt in der Kantine des Senats der Republik Italien vor einem Teller Nudeln. Der Tresenmitarbeiter hatte noch versucht, ihr seine Tortellini schmackhaft zu machen. Idem hatte abgelehnt: „Die esse ich nicht, ich komme doch aus der Romagna.“ Großes Gelächter.

Eigentlich kommt Idem, 50, aus Goch am Niederrhein. In Hamm, wo sie aufwuchs, kam sie zum Kanurennsport. Mit 14 Jahren war sie schon dreifache Europameisterin. Zweimal startete sie bei Olympischen Spielen, 1984 gewann sie Bronze, dann wurde sie vom deutschen Verband aussortiert. Ende der 80er-Jahre ging sie nach Italien, heiratete dort ihren Trainer, nahm die Staatsbürgerschaft an – und wurde 2000 Olympiasiegerin im Einerkajak. Vor drei Jahren in London erlebte sie ihre achten Spiele, da war sie fast 48 und Mutter zweier Kinder.

„Olympia“, sagt Josefa Idem, „war eine lange Reise mit mir selbst. Eine Schule fürs Leben.“ Jetzt ist Italiens vielleicht bekannteste Olympionikin eine Politikerin. Nach einem Intermezzo als Ministerin für Sport, Jugend und Gleichberechtigung vertritt sie die Demokratische Partei im Senat, der zweiten Kammer des Landes.

Josefa Idem fängt auf Deutsch zu erzählen an, aber bald verfällt sie ins Italienische. Olympia könne für das Land zum wirtschaftlichen Motor werden, aber auch zum Modell, einem Ziel, nach dem zu streben sich lohnt. „Das Land muss sich mal an irgendetwas messen. Hier ist auch Storytelling gefragt. Es geht darum, einen Stolz auf dieses Ziel zu entwickeln, sich diesen Stolz gleichsam von der Zukunft auszuleihen. Unken gibt es genug im Land, in keinem anderen Land wird so schlecht über Italien gesprochen wie in Italien. Dabei hat das Land alles, um erfolgreich zu sein.“ Diese Ressourcen aber ließen sich nur abschöpfen, wenn es einen klaren Businessplan gebe und Menschen, die für Kontrolle und Transparenz und gegen Korruption und Vetternwirtschaft stehen.

Antike Stätten könnten wie 1960 Schauplatz von Wettkämpfen werden

Das Personal der Bewerbung dürfte, neben dem einmaligen kulturhistorischen Ambiente, tatsächlich der stärkste Faktor der römischen Bewerbung sein. „Große Personen statt großer Bauten“, dieses Motto hat Ministerpräsident Renzi vorgegeben. An der Spitze der Bewerbungsgesellschaft steht der frühere Fiat- und Ferrari-Chef Luca di Montezemolo, ein international geachteter Sport- und Geschäftsmann, über den Malagò sagt: „Egal wohin du auf der Welt gehst, du brauchst ihn nicht vorzustellen.“

Politisch ist das Projekt ganz oben aufgehängt: bei Renzi selbst. Roms Bürgermeister Ignazio Marino hat zwar zu bedenken gegeben, dass seine Stadt noch heute an den Schulden der Spiele von 1960 zu tragen habe, er erinnerte an die krassen Fälle von Geldverschwendung: an das Segel von Calatrava und an die 7,5 Kilometer lange Bahnlinie, die anlässlich der Fußball-WM 1990 für umgerechnet 40 Millionen Euro gebaut wurde und nur acht Tage in Betrieb war. Aber Marino hat nichts davon zu verantworten, er gilt anders als viele andere italienische Politiker als unbescholten.

Das verbindet ihn mit Malagò, der einst als Kleinfeldfußballer dreimal italienischer Meister war und später ein erfolgreicher Unternehmer im Autohandel wurde. Der Coni-Chef hat sich saubere Spiele auf die Fahnen geschrieben. Im Fall eines Zuschlags will er Raffaele Cantone hinzuziehen, den Präsidenten der nationalen Antikorruptionsbehörde, „um die Spielregeln für die Spiele festzulegen“. Es sollen preiswerte, nachhaltige werden.

Der Bau einer großen Halle, einer Radrennbahn und eines Schwimmstadions wären aber wohl unumgänglich, die Überdachung des Tennisstadions ist ohnehin geplant. Anlagen, für die es keine Nachnutzung gibt, sollen wieder zurückgebaut werden. Renzi hat sogar vorgeschlagen, nahe gelegene Großstädte wie Neapel und Florenz und sogar Sardinien einzubinden, um vorhandene Ressourcen zu nutzen. Es wird wohl ein Gedankenspiel bleiben. Beim IOC schätzen sie die kurzen Wege, auch wenn sie unter Umständen mehr Zeit in Anspruch nehmen als die langen der modernen Schnellzüge. Malagò hat das wohl im Hinterkopf, wenn er sagt: „Niemand ist so verrückt, das Territorium der Spiele zu weit auseinanderzudehnen.“

Wahrscheinlicher ist schon, dass auch antike Stätten Schauplatz wären. Schon 1960 versuchte die Stadt eine Brücke zu schlagen zwischen Vergangenheit und Moderne. Geturnt wurde in den Caracallathermen, gerungen in der Maxentiusbasilika. Und Abebe Bikila triumphierte bei seinem legendären Barfußlauf zum Marathonsieg unterm Konstantinsbogen.

Eine Bewerbung für 2020 scheiterte an der finanziellen Schwäche Italiens

Noch aber gibt es keine Animationen oder Modelle, die Malagò vorführen könnte. Nichts sei entschieden. Bislang gibt es nur Vorschläge, Ideen, Gedankenspiele. Sie alle müssen sich an einer Voraussetzung messen lassen: dass die Kosten im Rahmen bleiben. Die brachten schon vor drei Jahren die Pläne für Spiele 2020 zum Scheitern. Der damalige Ministerpräsident Mario Monti wollte seinem kriselnden Land „einen solchen finanziellen Kraftakt nicht aufbürden“.

Dann kam das Ende der Rezession. Kam eine für italienische Verhältnisse stabile Regierung. Und es kam die Agenda 2020 von IOC-Präsident Thomas Bach. Eines ihrer zentralen Anliegen ist, den Aufwand der Spiele zu begrenzen, die Athleten wieder in den Mittelpunkt zu stellen und Olympia somit auch in demokratischen Gesellschaften wieder mehrheitsfähig zu machen. Malagò sieht sein Projekt damit im Einklang. Er sagt: „Wir wollen ein Olympia, das der Lage des Landes gerecht wird, indem wir vorhandene Strukturen nutzen oder wiederbeleben und bleibende Anlagen nur schaffen, wenn sie eine Zukunft haben.“

Es gibt also Hoffnung, dass das Segel von Calatrava kein Mahnmal bleibt, sondern ein Wahrzeichen wird, wie es auch die Elbphilharmonie einmal zu sein verspricht. Eines für Olympische Spiele. Aber auch für ein neues Italien, das es schafft, Depression, Verschwendung und Korruption zu überwinden. Es scheint nicht viele zu geben, die das Rom zutrauen, auch und gerade in Rom nicht. Aber Überraschungen hat es in der olympischen Geschichte schon viele gegeben.

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