Geschlechtsumwandlung

Im falschen Körper geboren: Der lange Weg von Marie zu Max

Es dauert Jahre, bis die Geschlechtsumwandlung des 17 Jahre alten Max abgeschlossen ist. Ein Report über intime Geheimnisse, Mut machende Eltern, teure Operationen und Streit mit der Krankenkasse.

Dieser heftige Schmerz beim Einstich. Dann das unaufhaltsame Vordringen der injizierten Flüssigkeit durch die Muskelfasern, Millimeter für Millimeter. So muss sich ein Schlangenbiss anfühlen, denkt Max, als in einer Altonaer Arztpraxis seine Verwandlung beginnt.

Es ist Testosteron, das sich langsam in seinem Körper ausbreitet. Und es ist in seiner Wirkung alles andere als harmlos. Max weiß das. Aber er hat sich trotzdem dafür entschieden: Er möchte ein normales Leben führen – als Mann. So wie er sich fühlt, wie ihn auch die meisten Menschen aus seinem Umfeld wahrnehmen, wie es allerdings die Natur mit seinem Körper nicht vorgesehen hat.

Max kam als Mädchen auf die Welt. Eine Tatsache, die ihm immer mehr zu schaffen machte, je älter er wurde. Und so beißt der damals 15-Jährige, dem seine Eltern einst den Namen Marie gegeben haben, an jenem sonnigen Wintertag im Januar 2012 in der Altonaer Arztpraxis auf die Zähne. Es ist der schönste Schmerz, den du je haben wirst, denkt Max. Jetzt fängt es an! Es wird ein weiter Weg. Das ist ihm klar. Doch welche Herausforderungen und Rückschläge ihn erwarten, ahnt er nicht.

Der Arzt, der Max an diesem Tag seine erste Testosteronspritze verabreicht, heißt Achim Wüsthof. Er ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin am Endokrinologikum Hamburg und Experte auf dem Gebiet der Hormonbehandlung von jungen Transsexuellen. Etwa 100 Betroffene im Alter zwischen acht und 18 Jahren werden derzeit von ihm betreut, die Hamburger Einrichtung ist damit das größte Zentrum auf diesem Gebiet in Deutschland.

Transsexuelle Menschen sind biologisch zwar eindeutig weiblich oder männlich. Sie nehmen sich aber als Menschen des jeweils anderen Geschlechts wahr und verhalten sich auch so. Wie hoch ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ist, weiß niemand genau. „Da gibt es Quellen mit Zahlen von 1:3000 bis 1:100.000“, sagt Achim Wüsthof. Die statistische Erfassung sei schwierig, die Dunkelziffer hoch. Dank medialer Berichterstattung und vielbeachteter Outings wie dem von Balian Buschbaum, der früher Yvonne hieß und als Stabhochspringerin Olympia-Sechste in Sydney wurde, trauen sich aber laut Wüsthof mehr Betroffene als noch vor zehn Jahren, sich zu offenbaren und Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Hin und wieder suchen schon Eltern mit Kindern im Grundschulalter Rat bei Wüsthof. In der Mehrzahl seien es jedoch Jugendliche, die erstmals in die Sprechstunde kommen. „Mit Beginn der Pubertät kommt bei ihnen tiefe Verzweiflung auf“, sagt der 47-Jährige. „Es gibt dann richtige Lebenskrisen.“ Entsprechend wichtig sei die psychologische Betreuung. Erst in einem weiteren Schritt werde gegebenenfalls das Unterdrücken der Pubertät und später auch die Gabe von gegengeschlechtlichen Hormonen in Betracht gezogen. „Die meisten Jugendlichen sind ungeduldig, halten uns manchmal sogar für Verhinderer, weil wir uns erst mal ein ganz genaues Bild machen müssen“, sagt Wüsthof. „Es funktioniert nicht so, dass jemand hier reinkommt und dann geht es los. Viele wollen am liebsten morgen beginnen.“

Bei Max war das nicht anders. Entsprechend groß ist die Erleichterung, als die Hormonbehandlung endlich beginnt. Vater Andreas und Mutter Christiane leben getrennt, sind sich aber einig, dass sie Max bei der Erfüllung seines großen Wunsches, zum Mann zu werden, unterstützen, wo sie nur können. Die Familie feiert den Beginn der Verwandlung in einem italienischen Restaurant in Ottensen. Auch Oma Marlies ist dabei, eine damals 86-jährige Frau, die sich erst von ihrem Enkel dessen Transsexualität erklären lässt und ihm dann das Krawattenbinden beibringt: „Ich erkläre dir das nur einmal. Ein Mann muss so etwas können.“

Von seinem Vater erhält Max an jenem Tag ein Geschenk, dass er nur wenige Wochen später schon dringend brauchen sollte: einen Rasierer. Das Testosteron wirkt schnell. Max kommt in den Stimmbruch, seine Behaarung an Gesicht und Beinen nimmt zu, genauso wie sein Körpergewicht. Heute erinnert er optisch ein wenig an James Dean. Wer den Jungen trifft, der in seiner Freizeit gerne auf dem Kiez und an der Elbe unterwegs ist oder an seinem Roller schraubt, wird jedenfalls niemals auf die Idee kommen, dass er einmal ein Mädchen war.

Dass er anders ist als andere Jugendliche, wurde Max mit 13 Jahren bewusst. Über das Internet hatte er Anne aus der Nähe von Köln kennengelernt, die er von nun an regelmäßig an den Wochenenden und in den Ferien besuchte. Seine erste richtige Freundin sah in ihm über Monate einen biologischen Jungen. Als solcher hatte sich Max auch in seinen Profilen bei Facebook und Co. ausgegeben.

Doch dann kam der Moment, in dem sein Geheimnis aufflog. Max verbrachte gerade Zeit bei seiner Freundin, als aus dem heimischen Hamburg seine Mutter Christiane bei Annes Familie anrief und nach ihrer Tochter verlangte. Am anderen Ende der Leitung reagierte Annes Mutter verwirrt, glaubte doch auch sie, dass es sich bei Max um einen Jungen handelte. „Ich dachte damals: Jetzt ist alles vorbei“, erinnert sich Max. „Aber Anne hat mich einfach nur in den Arm genommen. Wirklich geredet haben wir über das Thema allerdings nie.“

Max selbst weiß zu dem Zeitpunkt noch nicht, was es überhaupt bedeutet, transsexuell zu sein. Doch eines ist ihm klar, als er sich mit dem Zug auf den Weg zurück nach Hamburg macht: So kann es nicht weitergehen! Wenig später wendet er sich mit seiner Familie an die Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE). Saskia Fahrenkrug leitet dort die Spezialambulanz für junge Menschen mit Unsicherheit in ihrer Geschlechtsidentität.

Die Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin arbeitet eng mit Achim Wüsthof zusammen. Sie stellt die Diagnosen bezüglich der sexuellen Identität der Jugendlichen, er überprüft das Körperliche und führt die Hormonbehandlungen durch, wenn sie diese befürwortet hat.

Max tut es gut, Saskia Fahrenkrug seine tiefsten Empfindungen anzuvertrauen. Als Gegenleistung bekommt er Gewissheit über das Dilemma, in dem er sich befindet. „Ich bin da ohne große Erwartungen hingegangen“, sagt er. „Ich wusste nur, dass bei mir etwas falsch läuft. Schon nach den ersten Gesprächen mit Frau Fahrenkrug war mir dann klar: So muss es sein: Ich bin transsexuell.“

Und damit ein Vertreter einer biologischen Normvariante, einer Laune der Natur. So jedenfalls bezeichnet Fahrenkrug das Phänomen, über dessen Ursache sich die Experten streiten. „Ich persönlich denke, dass ein Großteil der Transsexuellen auch schon transsexuell auf die Welt kommen“, meint Fahrenkrug. Es gebe aber auch Fälle, in denen massive traumatische Erfahrungen in den ersten Lebensjahren ausschlaggebend seien, und zwar nicht nur beim Kind, sondern häufig auch bei der Mutter. Am Ergebnis ändere das nichts. „Transsexuell zu sein ist zwar keine Krankheit“, sagt die 39-Jährige. „Es kann aber Störungen von Krankheitswert verursachen wie Ängste, Depressionen, Selbstverletzungen.“

Fahrenkrug kümmert sich seit sieben Jahren am UKE um transsexuelle Jugendliche. Immer wieder lernt sie junge Menschen kennen, die schon einen oder mehrere Suizidversuche hinter sich haben. „Man muss aber klar sagen, dass das nicht immer nur mit der Trans-identität zu tun hat. Es gibt auch Jugendliche, die anderweitig schwer belastet sind. Da ist dann leider klar, dass auch mit geschlechtsangleichenden Maßnahmen bestimmte Dinge nicht rückgängig zu machen sind.“

Bei Max war dies alles nicht der Fall. Er sei ein Patient gewesen, dessen Transidentität man sehr lange zurückverfolgen konnte, bei dem aber lange Zeit kein Leidensdruck da gewesen sei, sagt Fahrenkrug. „Ich bin immer wieder positiv überrascht darüber, wie viel Toleranz viele Eltern aufbringen. Sie haben ihn leben lassen, wie er wollte. Das ist natürlich ideal.“ Für Max hätten die Probleme erst so richtig mit der Pubertät und der Entwicklung der weiblichen Brust begonnen. Die erste Liebe sollte ihn schließlich in eine existenzielle Krise stürzen – genauso wie ein verhängnisvoller Beschluss seiner Krankenkasse.

Beides hängt elementar mit der Entscheidung zusammen, die Max eines Tages seiner Mutter im heimischen Blankenese präsentiert. Er wolle eine Geschlechtsumwandlung vollziehen, verkündet er an jenem Tag am Essenstisch. „Wenn du das wirklich willst, dann gehen wir das an“, antwortet die Sportwissenschaftlerin, die als Krankengymnastin arbeitet.

Lange Zeit hatte sie geglaubt, dass sich das jungenhafte Verhalten ihres Kindes mit der Pubertät legen würde. Ein typisches Mädchen war Max allerdings schon als Kleinkind nicht gewesen, den gängigen Rollenklischees jedenfalls hatte er nur selten entsprochen. „Er hatte eine Barbie-Phase, das war um seinen fünften Geburtstag. Das hat damals ungefähr drei Monate gedauert, dann war das Thema wieder komplett durch“, erinnert sich seine Mutter. „Rosa anziehen war dagegen nie sein Ding.“

Max’ Vater arbeitete zu jener Zeit für eine Reederei in Argentinien, die Familie lebte für vier Jahre in Buenos Aires. Max besuchte als Marie zunächst einen deutsch-argentinischen Kindergarten, dann die Grundschule. Tunika, weißes Polo-Shirt und Kniestrümpfe – das war dort die Kleiderordnung für Mädchen. „Bei der Einschulung hat sie das noch mitgemacht, aber danach wollte sie das nicht mehr“, erzählt die Mutter. Marie ging fortan im Sportdress zur Schule. Die Eltern ließen sie gewähren, machten sich nicht großartig Gedanken über die Vorlieben ihres Kindes.

Zurück in Deutschland lässt sich Marie die Haare abschneiden, gehört fortan auch an der Schule zu den Jungs. Wenn es im Sommer heiß wird und beim Fußballspielen auf dem Schulhof alle ihre T-Shirts ausziehen, macht Marie wie selbstverständlich mit, erster weiblicher Brustansatz hin oder her. Die damalige Klassenlehrerin erzählt diese Anekdote heute noch gern. Sie habe letztlich über die kleinen Unterschiede hinweggesehen, weil Maries Verhalten so normal für alle Beteiligten schien.

„Ich habe als Kind gelebt, nicht speziell als Junge oder Mädchen“, sagt Max heute. „Es hat auch keiner gefragt: Warum machst du das?“ Einzig sein Trainer bei den Fußballmädchen von Komet Blankenese, für die er bis zur C-Jugend spielt, spricht Mutter Christiane einmal auf das ungewöhnlich jungenhafte Verhalten des Kindes an. Sie aber ist ganz froh, dass ihre Tochter tougher ist als andere Mädchen.

Erst als es zur Enttarnung bei seiner Freundin Anne kommt, wird Max’ sexuelle Identität auch innerhalb der Familie zum zentralen Thema. „In so einem Moment gehen einem so viele Sachen durch den Kopf“, sagt seine Mutter, die zu diesem Zeitpunkt noch glaubt, dass ihre Tochter möglicherweise auch lesbisch oder bisexuell sein könnte und deshalb mit Anne eine Freundin und keinen Freund hatte. „Ich werde nie vergessen, dass ich gesagt habe: ,Vielleicht verliebst du dich ja auch noch mal in einen Jungen‘“, erinnert sich seine Mutter. Doch Max’ Antwort darauf war eindeutig: „Nein, Mama, ich fühle mich wie ein Junge, der sich in ein Mädchen verliebt hat.“

Die Attraktivität für das andere Geschlecht erproben, sich vom Elternhaus lösen, ein eigenes soziales Umfeld aufbauen – all dies sind elementare Bestandteile des Erwachsenwerdens, einer altersgerechten Entwicklung, die Fahrenkrug und Wüsthof auch ihren transsexuellen Patienten ermöglichen wollen. Sie setzen daher auf eine Pubertätsunterdrückung und anschließend auf die frühzeitige Behandlung mit gegengeschlechtlichen Hormonen. Üblicherweise erhalten betroffene Mädchen ab 16 Jahren Testosteron. In eindeutigen Fällen wie bei Max aber auch schon früher. „Wenn ich den Patienten sage, dass wir mit der Gabe der Hormone anfangen können, sind sie häufig enorm erleichtert, weil sie dann das Gefühl haben, endlich auch äußerlich so werden zu dürfen, wie sie sich innerlich fühlen“, sagt Fahrenkrug. „Das bewegt mich dann natürlich auch.“

Dennoch gibt es auch Experten, die das Vorgehen der Hamburger kritisch sehen. „Manche Fachkollegen argumentieren beispielsweise, dass man durch das Ausbremsen der Pubertätshormone die Gehirnentwicklung, die manches zurechtrücken könnte, ebenfalls ausbremst“, sagt Wüsthof. „Diese These kann man auch nicht einfach so wegbügeln. Gleichzeitig gibt es aber zunehmend Hinweise, und das beruhigt mich, dass die Hirnentwicklung eines transsexuellen Menschen durchaus auch schon vor einer Hormonbehandlung anders ist als bei anderen.“

Was sei wahrscheinlicher – dass er als Arzt einem solchen Menschen schade oder nütze? Das sei die entscheidende Frage, die es abzuwägen gelte, meint Wüsthof, der sich wegen seiner Haltung auch schon mit Anzeigen wegen Kindesmissbrauchs und Körperverletzung konfrontiert sah. Geändert hat es an seiner Überzeugung nichts. „Nach meiner Erfahrung ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich Menschen helfe, mit ihrer Verzweiflung umzugehen“, sagt Wüsthof.

Fahrenkrug sieht das ähnlich: „Wenn man die Sicherheit hat, dass in einem Fall tatsächlich eine Transidentität vorliegt, würde man durch Unterlassung einer gegengeschlechtlichen Hormonbehandlung aus meiner Sicht Schaden anrichten.“ Die Jugendlichen, mit denen sie arbeite, hätten häufig mit extremen Minderwertigkeits- und Schamgefühlen zu kämpfen. Die Konsequenzen: Sie vermeiden soziale Aktivitäten außerhalb der Schule, haben keinen Freundeskreis, fallen aus der Gruppe der Gleichaltrigen heraus. „Sie verstecken sich vor der Welt.“

Auch Max zieht sich zwischenzeitlich immer mehr zurück. Er sitzt viel vor dem Rechner, steigt immer öfter in den Zug, um seine Anne zu sehen. Und so ist Max auch gerade bei ihr zu Besuch, als er eine niederschmetternde Nachricht erhält. Seine Krankenkasse lehnt kurz vor dem geplanten Termin die Kostenübernahme für den nächsten großen Schritt seiner Verwandlung ab: das Entfernen der weiblichen Brüste. „Ich weiß noch, dass ich danach drei Stunden allein durch die Felder gelaufen bin“, erzählt Max.

Dabei schien alles auf dem besten Wege: Die Hormontherapie war gut angelaufen, und – quasi als Geschenk zum 16. Geburtstag – wurde im Personenstandsregister sein Geschlecht geändert. Aber plötzlich befindet sich Max in einer Sackgasse. „Die können doch nicht das Testosteron bezahlen und dann die OP nicht“, hadert er. Doch der Medizinische Dienst der Krankenkasse bleibt hart, lehnt auch den Widerspruch der Eltern ab. Die Begründung: Max habe sich nicht ausreichend lange in der vorgesehenen psychotherapeutischen Behandlung befunden. Zudem sei keine Gefahr in Verzug.

Dabei ist es gerade die noch vorhandene Brust, die Max so massiv belastet, dass er sie abbindet. Insbesondere im Sommer kommt schließlich zum Vorschein, was der eine hat und der andere nicht. Strand, Freibad, luftige Klamotten – all das ist für ihn längst nicht mehr drin. Max kann es nicht ertragen, dass seine Entwicklung derart ausgebremst wird. Seine Mutter macht sich erstmals ernste Sorgen um ihr Kind. „Wir hatten es bis dahin als Familie verstanden, alle Dinge zu regeln“, erinnert sie sich. „Doch jetzt war dieses ohnmächtige Gefühl da, dass Menschen von außen Entscheidungen nach Aktenlage treffen, die gravierende Auswirkungen haben.“

Eine Brust-Entfernung kostet bei stationärer Behandlung etwa 4000 Euro. Max’ Eltern entscheiden, zunächst selbst zu zahlen und später die Kasse auf Kostenerstattung zu verklagen. Ende 2012 werden Max im Agaplesion Diakonieklinikum in Eimsbüttel, früher als Krankenhaus Elim bekannt, die Brustdrüsen entfernt. Viele Patienten, die Wüsthof am Endokrinologikum behandelt, werden hier operiert. „Häufig gelingt es, wirklich schöne Ergebnisse zu erzielen“, sagt Kirsten Graubner. Die leitende Oberärztin an der Frauenklinik ist eigentlich Expertin für Brust- und Unterleibskrebs, aber jährlich werden auch 15 bis 20 transsexuelle Patienten unter ihrer Beteiligung im gemeinsamen Brustzentrum der Frauenklinik und Klinik für Plastische Chirurgie operiert. „Während wir bei den Frauen versuchen, möglichst viel Haut stehenzulassen und eine weibliche Form zu bekommen, soll es bei den jungen Männern natürlich möglichst maskulin aussehen.“

Bis zur Körbchengröße B reicht in der Regel ein Schnitt um die Brustwarzen. Max ist froh, dass diese Technik auch bei ihm angewendet werden kann und er später nicht mit einer „Halbmond“-Narbe herumlaufen muss, die bei Frauen so manchen aufgemotzten Busen entlarvt. Als er aus der Narkose erwacht, brennt seiner Mutter eine Frage unter den Nägeln: „Und, wie fühlt es sich an?“ Doch Max kann sich nicht mehr an seine Weiblichkeit, das Gewicht seiner Brüste erinnern. Innerlich fühlt er sich aber von einer tonnenschweren Last befreit.

Er freut sich auf den Sommer, darauf, seinen Körper nicht mehr unter weiten Shirts verstecken zu müssen, ein weiteres Stück freier zu sein. Zum Beispiel beim Sport. Max meldet sich im Fitnessstudio an. Nach der Verheilung der Wunden können die operierten Jungen dort ganz normal ihren Oberkörper trainieren, Muskulatur aufbauen. Auch wenn seine Verwandlung erst oberhalb der Lendengegend abgeschlossen ist, braucht er jetzt zumindest angezogen keine verwunderten Blicke mehr zu fürchten. Wenn wenig los ist, duscht er sogar in der Männerkabine, ansonsten eben erst zu Hause.

Neun von zehn transsexuellen Jugendlichen, die sich an Saskia Fahrenkrug oder Achim Wüsthof wenden, nehmen später auch medizinische Maßnahmen zur Geschlechtsumwandlung in Anspruch. Und bis vor Kurzem gab es nach Angaben der Experten keinen Patienten, der diesen Schritt bereut habe. Doch nun haben die Hamburger den ersten Fall eines Mädchens, das ein Jahr mit Testosteron behandelt wurde, als Junge längst eine tiefe Stimme bekommen hatte und nun doch lieber als Mädchen weiterleben will. „Auch wenn sie im nachhinein sagt, dass sie diesen Prozess durchleben musste, um sich sicher zu sein, hat mich das ziemlich beschäftigt“, sagt Wüsthof. Das Beispiel beweist in jedem Fall eines: Eine hundertprozentige Garantie für die richtige Diagnose wird es nie geben.

Max ist sich seiner Sache sicher. Ihn quält allerdings eine andere Frage: „Warum muss ausgerechnet ich im falschen Körper geboren sein?“ Für seine Freundin Anne scheint seine Transsexualität lange kein Problem zu sein. „Es ist mir egal, ob du ein Junge oder ein Mädchen bist: Ich liebe dich!“, schreibt sie in einer SMS. Die beiden wollen in Köln zusammenziehen. Doch bevor es dazu kommt, beendet sie nach mehr als drei Jahren die Beziehung: Sie will lieber mit einer Frau zusammen sein. Ein schwerer Schlag für Max, der mehr denn je mit seiner Situation zu hadern beginnt. In der Schule sacken die Leistungen ab, oft geht er gar nicht hin.

Erst ein Psychologe hilft ihm zu erkennen: „Im Vergleich zu anderen geht es mir gut. Denn ich habe ein Problem, das man lösen kann.“ Daraufhin geht es auch in der Schule wieder bergauf. Max will in zwei Jahren sein Abi machen. Seine Mitschüler wissen seit langem über seine Transsexualität Bescheid. „In meiner Klasse hatte ich nie Probleme, eigentlich an der ganzen Schule nicht“, sagt er, wohl wissend, dass es auch anders laufen kann als im gutbürgerlichen Hamburger Westen. Dank Internet gibt es einen intensiven Erfahrungsaustausch zwischen den Betroffenen. Allein die Facebook-Seite, auf der Max regelmäßig unterwegs ist, hat 600 Nutzer. „Da gibt es manchmal schon schlimme Geschichten. Es gibt Schulen, da gehen Menschen wie ich kaputt.“ Ängste, die auch seine Eltern umtreiben. Doch als seine Mutter ihn eines Tages darauf anspricht, antwortet Max nur kurz und knapp: „Ich bin kein Opfertyp!“

Früher sei er sensibler gewesen als die anderen Jungs, meint Max. Das habe sich mit Beginn der Hormontherapie allerdings schnell geändert. Er sei zudem selbstbewusster geworden. Wobei das seiner Meinung nach auch mit dem Erwachsenwerden zu tun haben könnte. Denn wie bei den plötzlich nicht mehr vorhandenen Brüsten, kann er sich auch an seine Wesenszüge vor Beginn der Therapie gar nicht mehr so recht erinnern. „Das ist wie ein Filmriss“, sagt Max. Eine Sache, die sich durch die Geschlechtsumwandlung nicht geändert habe, sei seine Liebe zu Kindern, meint seine Mutter Christiane. „Ich wäre später unheimlich gerne Vater“, bestätigt Max. Leibliche Kinder wird er allerdings nie haben können.

Daran wird auch die Vollendung seiner Verwandlung nichts ändern. 60.000 Euro kosten die verbleibenden Operationen, bei denen unter anderem die inneren weiblichen Organe wie die Gebärmutter entfernt werden und ein Penis samt Blutversorgung und Gefühlsfähigkeit nachgebildet wird. Zu dessen Grundausstattung gehört neben Hoden aus Silikon auch ein eigentlich für Männer mit Erektionsproblemen entwickeltes Versteifungsimplantat, durch das quasi per Knopfdruck Geschlechtsverkehr möglich wird.

„Wenn es gut gemacht ist, ist kaum ein Unterschied zu einem echten Penis zu erkennen“, sagt Max, der sich voraussichtlich bei einem Spezialisten in München operieren lassen will. Geformt wird der Penis aus Hautlappen vom Unterarm. Wie gut, dass Max sich dort nicht tätowieren ließ, wie er es einmal vorhatte. „Man stelle sich vor, ich hätte da die Initialen meiner Eltern stehen“, sagt Max. „C&A – das wäre wirklich dumm gelaufen gewesen.“

Auch wenn sich das Verfahren um die Kostenerstattung für die Brust-Operation noch immer hinzieht, hofft Max, dass es diesmal keine Schwierigkeiten mit der Krankenkasse geben wird. Die große Frage ist allerdings, wann der richtige Zeitpunkt für den Eingriff ist. Aufgrund langer Wartezeiten von bis zu anderthalb Jahren und sechs Wochen Liegezeit nach der Operation wird es wohl erst nach dem Abitur etwas mit dem großen Finale. „Ich bin ungeduldig. Es muss weitergehen“, sagt der 17-Jährige. „Erst wenn das geschafft ist, bin ich fertig zum Leben.“