Hamburg. Im Rahmen der Ausstellung „Hello Lübeck“ hüllte die Künstlerin Stephanie Lüning am Sonntag das Wahrzeichen in bunten Schaum ein.

Es war ein Juchzen und Kreischen, als am Sonntag kurz nach 19 Uhr endlich die Kunstschaum-Party am Lübecker Holstentor stieg. Bei Sonnenuntergang schmiss die aus Schwerin stammende Künstlerin Stephanie Lüning (46) ihre Schaumkanone an. Sie ist für Aktionen, bei der sie Wahrzeichen von Städten mit bunten Schaumteppichen einhüllt, bekannt, hat schon das Centre Pompidou in Paris und den Marktplatz während der Händelfestspiele in Halle mit buntem Kunstschaum bespielt und damit für Aufsehen gesorgt. Aber auch aus simplen Gewächshäusern, Autos und Mülltonnen lässt sie es gerne schäumen.

Am Sonntag sollte das Spektakel schon um 14 Uhr beginnen. Doch kräftiger Wind machten der Künstlerin und ihrer Crew einen Strich durch die Rechnung. Die Stadt verschob den Start um fünf Stunden nach hinten. Schon mittags waren Hunderte Schaulustige auf den begrünten Platz vor dem Tor gekommen. Auch abends gab es immer wieder kräftige Böen, die die bunten Schaumfetzen in den Himmel trugen und für fantastische Bilder sorgten. Im Gespräch verrät Stephanie Lüning, was hinter ihrer künstlerischen Strategie steckt.

Hamburger Abendblatt: Was fasziniert Sie so an Schaum, Frau Lüning?

In meiner künstlerischen Arbeitsweise male ich immer ohne Pinsel und zeichne ohne Stift. Ich entwickle selbst eigene Malmittel wie zum Beispiel farbigen Schaum, farbiges Eis, farbige Wachse und vieles mehr. Mit diesen verschiedenen, sich permanent verändernden Medien erforsche ich die Gattungsgrenzen von Malerei. Es ist mir ein wichtiges Anliegen, dass die Besucherinnen und Besucher meine Arbeiten mit allen Sinnen erfahren können und ihre Selbstwirksamkeit in meinen oft interaktiv angelegten künstlerischen Arbeiten verinnerlichen.

Nach etwa einer Stunde hatte sich ein bunter Schaumteppich auf der Fläche vor dem Holstentor gebildet. Durch Windböen wurden immer wieder Schaumfetzen in den Himmel geweht.
Nach etwa einer Stunde hatte sich ein bunter Schaumteppich auf der Fläche vor dem Holstentor gebildet. Durch Windböen wurden immer wieder Schaumfetzen in den Himmel geweht. © Vera Fengler | Vera Fengler

Lübeck: Besondere Kunstaktion sollte Holstentor einschäumen – dann kam der Wind

Wie kam es zur Idee, an Lübecks Wahrzeichen eine Schaumparty zu veranstalten?

Ich werde am Sonntagnachmittag am Holstentor meine vergängliche Malerei in Form von farbigem Schaum erstmalig nach Norddeutschland bringen und freue mich sehr darüber, damit in Lübeck am Holstentor starten zu dürfen. Der Schaum besteht zu 95 Prozent aus Wasser und ist mit Lebensmittelfarbe gefärbt. Die Seifenblasen entstehen durch das 100-prozentig biologisch abbaubare Geschirrspülmittel, das wir dem gefärbten Wasser zusetzen. Inspiriert dazu wurde ich von dem lateinischen Spruch, den ich direkt auf dem Tor fand: „Concordia Domi, Foris Pax“ (Im Innern Eintracht, außen Frieden). Da es, besonders in meinen Schaumarbeiten, viel um außen und innen, Form und Gegenform geht und das Holstentor die Schnittstelle zum Eintreten in die Stadt Lübeck aus vergangenen Zeiten darstellt, fand ich den Ort formal und auch symbolisch besonders passend für die Aktion.

Künstlerin Stephanie Lüning bei einer früheren Kunstschaum-Aktion.
Künstlerin Stephanie Lüning bei einer früheren Kunstschaum-Aktion. © Guy Corbishley | Guy Corbishley

Kann man als Besucher im Schaum toben?

Das müssen wir am Sonntag live entscheiden. Wir werden das vor Ort klar kommunizieren. Die Menschen dürfen den Schaum auf jeden Fall berühren. Er verfärbt allerdings Haut und Kleidung. Ist aber bei 40 Grad gut auswaschbar.

Auch aus Hamburg hat die Künstlerin eine Anfrage für eine Schaumparty bekommen

Haben Sie solche Aktionen auch schon an anderen Orten gemacht?

Ich bin mit meinen Schaumaktionen europaweit unterwegs und habe die Aktionen bereits in London, Berlin, Paris und vielen anderen Städten gezeigt. Für dieses Jahr stehen bisher Marseille, Birmingham, Liverpool und weitere Städte in Deutschland auf der Liste. Ich habe auch gerade eine Anfrage aus Hamburg erhalten. 2025 wird meine räumliche Malerei erstmals auch in Hongkong zu erleben sein. An den verschiedenen Städten und Ländern liebe ich es besonders, mit traditioneller lokaler Architektur zu interagieren. Da der Schaum eine sehr freie und undefinierbare Form hat, bildet er einen spannenden Kontrast zu einer eher statischen und oft aufgeladenen Architektur.

Wie waren die Reaktionen des Publikums?

Das Publikum ist in der Regel außer sich vor Freude, vor Faszination und meist ein wenig wehmütig, wenn die Party vorbei ist. Man kann der Arbeit beim Werden und Vergehen zuschauen. Für die Kinder wirkt der farbige, sich ausdehnende Schaum wie ein Magnet. Das Tolle ist, dass ich im öffentlichen Raum auch mit Besucherinnen und Besuchern aller Altersgruppen ins Gespräch komme.

Lübeck: Stephanie Lüning will auch Menschen außerhalb des Museums mit Kunst erreichen

Rechnen Sie dennoch damit, dass einige Lübecker es vielleicht ehrenrührig oder ökologisch nicht verantwortbar finden, dass ihr Holstentor eingeschäumt wird?

Wir haben alle Genehmigungen für die Schaum-Kunst-Aktion in Zusammenarbeit mit den entsprechenden Behörden eingeholt, dabei werden besonders alle Umwelt-, Boden- und Denkmalschutzauflagen berücksichtigt, sodass keine Schäden entstehen werden. Wir freuen uns sehr, diese Aktion am Holstentor durchführen zu dürfen und sind uns im Klaren, dass das Holstentor ein sehr wertvolles Kulturgut für die Lübeckerinnen und Lübecker darstellt.

Mehr zum Thema

Geht in der Kunst der Trend generell raus aus dem Museum rein in den öffentlichen Raum?

Ich arbeite seit Jahren mit meinen Aktionen im öffentlichen Raum, da es mir schon immer ein Anliegen ist, auch Menschen zu erreichen, die sonst nicht zum gängigen Museumspublikum gehören. Ich freue mich sehr, hier in Lübeck mit der Leiterin der Kunsthalle St. Annen, Noura Dirani, eine „Partnerin in Crime“ gefunden zu haben, die ebenfalls stark daran interessiert ist, das Museum weiter zu öffnen, die Menschen direkt in die aktuellen Ausstellungsformate mit einzubeziehen und durch das Mittel der Kunst die Möglichkeit zu nutzen, die Empathie für unterschiedliche Sichtweisen zu fördern.

Stephanie Lüning ist mit einer weiteren Arbeit in der aktuellen Ausstellung „Hello Lübeck. Dialoge mit der Kunsthalle St. Annen“ zu sehen. Sie läuft bis 28.7.. Kunsthalle St. Annen, St. Annen-Straße 15, 23552 Lübeck, Di–So 10.00–17.00, Eintritt 12,-; www.kunsthalle-st-annen.de