Corona Hamburg

Wer sollte jetzt eine vierte Impfung erhalten und wer nicht?

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Die Medizinerin Dr. Birte Jungfer wirkte in Wandsbek an der Impfkampagne mit. Die Empfehlung der Stiko bedeute keineswegs, dass sich nicht auch Jüngere boostern lassen könnten, sagt sie.

Die Medizinerin Dr. Birte Jungfer wirkte in Wandsbek an der Impfkampagne mit. Die Empfehlung der Stiko bedeute keineswegs, dass sich nicht auch Jüngere boostern lassen könnten, sagt sie.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Hamburger Senat pocht auf Empfehlung der Stiko. Warten auf neuen Wirkstoff lohnt sich nicht, meinen Mediziner. Was Studien sagen.

Hamburg. In Hamburg mehren sich die Stimmen von Ärzten und Experten, die eine vierte Corona-Impfung für alle befürworten. Um im Herbst auf die erwartete nächste Welle der Pandemie vorbereitet zu sein, sollten sich auch diejenigen Gedanken über eine Auffrischung machen, die möglicherweise von einer Omikron-Infektion genesen sind.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt den „zweiten Booster“ derzeit nur für über 70 Jahre alte Menschen sowie Heimbewohner und Patienten mit Immunschwächen (ab fünf Jahren). Sie sollen drei Monate, Mitarbeiter im Gesundheitswesen sechs Monate nach der dritten die vierte Spritze bekommen. Tausende Ärztinnen und Ärzte in Hamburg haben sich bereits zum vierten Mal impfen lassen.

Corona: Vierte Impfung für jeden in Hamburg möglich

Die Herzspezialistin und Leiterin des Impfzentrums am Wandsbeker Cardiologicum, Dr. Birte Jungfer, sagt: Die Stiko mache nur eine Empfehlung. „Das heißt aber nicht im Umkehrschluss, dass alle anderen sich nicht impfen lassen ,dürfen‘, wenn sie das wünschen. Genauso ,müssen‘ sich nicht alle über 70 erneut boostern lassen.“

Der Vizevorsitzende des Hausärzteverbands, Dr. Björn Parey, schickt in diesen Tagen schon Einladungen an seine Patientinnen und Patienten über 70 raus. Vielen sei gar nicht klar, dass sie bereits aufgerufen seien, sich erneut impfen lassen zu können. Diabetiker oder Asthmatiker zum Beispiel könnten davon profitieren, dass bei einer Corona-Infektion durch eine Impfung die Symptome erheblich milder ausfielen. Parey sagt, eine Impfung könne „nicht zwingend“ die Infektion mit dem Coronavirus verhindern. Doch für viele sei aufgrund ihrer Vorerkrankungen der Verlauf dann leichter wegzustecken.

Vierte Impfung vor allem für Risikogruppen und Ältere relevant

Dr. Anahita Fathi vom Institut für Infektionsforschung und Impfstoffentwicklung am UKE sagt: „Aus israelischen Studien haben wir gesehen, dass der Nutzen einer vierten Impfung für Risikogruppen und Ältere belegt ist. Für sie lässt sich die Gefahr einer schweren Erkrankung bei einer Corona-Infektion weiter reduzieren. Wie groß der zusätzliche Schutz bei Jüngeren mit einem guten Immunsystem ist, kann man noch nicht genau sagen.

Aber Bedenken hätte ich bei einer vierten Impfung nicht.“ Das Risiko bei einer vierten Impfung sei generell nicht höher. Und es seien nicht mehr Nebenwirkungen zu erwarten als bei der dritten. „Eine Impfung schadet dem Immunsystem nicht“, sagt Cardiologicum-Ärztin Jungfer.

Senat wartet Empfehlung der Stiko ab

Offenbar lohnt es sich auch nicht zu warten, bis ein passgenauer Impfstoff für die aktuelle Virusvariante (Delta oder Omikron) oder ihren Subtyp (BA.2 oder BA.4) entwickelt ist. Expertin Fathi sagt: „Schon die bisherigen Impfstoffe sind bei Omikron und seinen Subtypen wirksam. Ob ein neuer, speziell auf Omikron abgestimmter Impfstoff noch besser schützt und ob im Herbst weiterhin Omikron dominant sein wird, das ist noch nicht klar.“

Während zum Beispiel in Niedersachsen oder Bayern die Vorbereitungen für die vierte Impfung für alle laufen und von den Landesregierungen unterstützt werden, bleibt der Hamburger Senat seiner Linie treu. Man warte erst die Empfehlung der Stiko ab, heißt es aus dem Rathaus. Die zahlreichen mobilen Impfteams der Stadt wurden aufgelöst, die Nachfrage war in der Omikron-Welle erheblich eingebrochen. Die meisten Kandidaten werden ohnehin bei den niedergelassenen Ärzten geimpft. Auch bei den Betriebsärzten herrscht derzeit SpritzenFlaute.

Nur noch zwei Impfzentren in Hamburg

Hamburg wird wie berichtet nur noch zwei städtische Impfzentren haben: am Flughafen im Terminal Tango und in den Harburg Arcaden. Sie werden nach Abendblatt-Informationen von der Münchner Firma 21Dx GmbH betrieben, die die Ausschreibung gewonnen hatte. Diese Impfzentren ohne Terminbuchung sind täglich von 12 bis 19.30 Uhr geöffnet. In den ersten vier Tagen nach Öffnung am 2. Mai kamen nach Angaben der Sozialbehörde 263 Impfkandidaten. Jedes Impfzentrum hat aktuell acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Kapazität könne im Bedarfsfalle erhöht werden.

Bei den bisherigen Mitarbeitern der mobilen Impfteams waren die Verträge zum 30. April ausgelaufen. Da sie zuletzt sehr wenig zu tun hatten, wurden einige zu anderen Arbeiten herangezogen. Ein Team sammelte zum Beispiel Müll an der Alster ein.

Doppelte Impfung gegen Long Covid

Bei vielen Impfwilligen hat unterdessen das Rechnen begonnen: Wann bin ich das nächste Mal dran? Doch es gibt so viel zu bedenken, dass man sich ärztlichen Rat holen sollte. Den geben auch die Teams in den städtischen Einrichtungen. Doppelt geimpft und genesen gilt in etwa genauso wie „geboostert“. UKE-Expertin Fathi sagt, dass erste Daten zeigten: Wer doppelt geimpft ist, hat eine bessere Chance, nach einer Infektion nicht an Long Covid zu leiden – den gefürchteten, anhaltenden Beschwerden trotz „Genesung“. Was genau Long Covid auslöst, das ist den Forschern noch ein Rätsel.

Das kurze Impf-Intervall für Ältere ab 70 (drei Monate) für den dritten und vierten Piks ist darin begründet, dass die Immunantwort schneller abnimmt und damit der Schutz. Für Jüngere gelte, so Fathi, dass sich gegebenenfalls nach sechs Monaten eine bessere Immunantwort erzeugen lasse.

Lauterbach: Vierte Impfung auch für 60-Jährige

Eine US-Studie aus dem Fachblatt „The Lancet Respiratory Medicine“ hat zuletzt gezeigt, dass die Wirkung einer Auffrischung mit Biontech im Hinblick auf eine Krankenhauseinweisung bei einer Omikron-Infektion nach drei Monaten nachlässt. Eine gewisse Wirksamkeit bleibe aber erhalten. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat sich dafür starkgemacht, dass die Stiko ihre Empfehlungen auf die ab 60-Jährigen ausdehnen solle.

In Hamburg gab es Ende Januar mit wöchentlich mehr als 40.000 Neuinfektionen und dann wieder mit dem Zwischenhoch Anfang April die höchsten Ausschläge der Omikron-Welle. Rechnet man sechs Monat weiter, könnte Ende Juli die nächste Impfkampagne beginnen. 83,7 Prozent aller Hamburger sind grundimmunisiert (bundesweit: 75,8), einen Booster haben 61,2 Prozent erhalten (59,4).

Nach Zahlen des Robert-Koch-Instituts liegt Hamburg im Bundesländervergleich bei der dritten wie der vierten Impfung nur im Mittelfeld. Das mag allerdings auch mit der heftigen Omikron-Welle zusammenhängen, die eine Impfung ja aufschiebt.

Nach den vom Robert-Koch-Institut zuletzt am Freitag aktualisierten Zahlen beläuft sich die Sieben-Tage-Inzidenz (Infektionen einer Woche pro 100.000 Einwohner) in Hamburg auf 544. In diesem Zeitraum wurden insgesamt 10.078 Neuinfektionen registriert. Die Zahl der an oder mit der Corona-Infektion verstorbenen Menschen stieg um acht auf 2577. Insgesamt haben sich seit Beginn der Pandemie 558.389 Hamburgerinnen und Hamburger mit dem Virus infiziert.

Wöchentliche Corona-Zahlen für Hamburg

Während das Robert-Koch-Institut von Montag bis Freitag bundesweit und regionalisiert aktuelle Zahlen und Statistiken zur Corona-Erkrankung veröffentlicht, beschränkt sich die in Hamburg zuständige Sozialbehörde auf eine Mitteilung pro Woche jeweils dienstags. Am vergangenen Dienstag betrug die Sieben-Tage-Inzidenz in Hamburg laut Sozialbehörde 885,7. Während der Pandemie gab es immer wieder Abweichungen zwischen den Inzidenzen des Robert-Koch-Instituts und der Sozialbehörde, wobei die Hamburger Werte als genauer galten.